Engel des Todes - DER SPIEGEL
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KUNST / WARHOL Engel des Todes

• aus DER SPIEGEL 52/1970
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Die großen Museen huldigen ihm mit immer neuen Retrospektiven, Sammlern sind seine Tafelbilder Höchstpreise wert (bisheriger Auktionsrekord: 60000 Dollar). Die Kinematheken horten seine rund 150 Filme als »essentielle Werke der Kinokunst«, Raubdrucker fleddern seine Graphik-Produktion, und über seine radikalen Apercus zum Kunstbegriff ("Alles ist hübsch") streiten sich die Gelehrten.

So schnell und so unangefochten wie der Amerikaner Andrew Warhola, besser bekannt als Andy Warhol, ist noch kein lebender Meister der Pop-Generation zu Weltruhm aufgestiegen.

Seine Bildmotive -- etwa die nach Glamour-Photos gefertigten Siebdruck-Porträts der Filmdarstellerinnen Marilyn Monroe und Elizabeth Taylor -- sind wirklich populär und als Posters und Zeitschriften-Reproduktionen hunderttausendfach selbst in den Bürgerstuben verbreitet.

Wenn Warhols Abbilder von Suppenbüchsen, Blumen, Verkehrsunfällen und Dollarnoten ausgestellt werden, dann haben die Museen in Pasadena, Chicago, Eindhoven und Paris (wo jetzt die bisher umfangreichste Warhol-Wanderschau angelangt ist) ein volles Haus. Sogar die strapaziösen, weil auf den ersten Blick langweiligen, Warhol-Filme, die zumeist nur in geschlossenen Cinéasten-Zirkeln gezeigt werden, sind schon so bekannt, daß der Kritiker Joseph Gelmis vermutet: »Warhols Reputation ist nur ein Hinweis auf seine Begabung als Selbst-Propagandist.«

Diesen Hinweis haben jetzt, acht Jahre nach Warhols erster Gemälde-

* Rainer Crone: »Andy Warhol. Verlag Gerd Hatje, Stuttgart; 332 Seiten; 48 Mark.

ausstellung (1962 in der New Yorker Stable Gallery), erstmals zwei Biographen überprüft: Der Amerikaner Calvin Tomkins beschreibt im Pariser Katalog den künstlerischen Aufstieg des »Zerlumpten Warhol«; der Deutsche Rainer Crone widmet dem »für die Geschichte der bildenden Kunst und des Films bedeutendsten Künstler Nordamerikas« eine ehrfürchtige Monographie mit vielen Abbildungen, mit Bibliographie und Oevrekatalog*.

Als erster kann Crone ein exaktes Geburtsdatum des scheuen Künstlers publizieren. Warhol wurde am 6. August 1928 in Pittsburgh geboren. Sein Vater, ein aus der Tschechoslowakei immigrierter Bergarbeiter, starb 1942 an einer Trinkwasservergiftung. Seine kränkelnde Mutter -- sie führt dem Junggesellen noch immer den Haushalt -- schickte ihren Andrew zum Kunststudium aufs Pittsburgher »Carnegie Institute of Technology«, das er im Juni 1949 als »Bachelor of Fine Arts« verlassen konnte.

Noch im gleichen Jahr ging er, völlig pleite, nach New York. Er lebte in einer keuschen Künstler-Kommune (Tomkins: »Sex war nicht im Spiel"), verbrachte seine Zeit in Judy-Garland-Filmen und dachte sich abstruse Erwerbstätigkeiten aus. So plante er einen Handel mit abgelegter Filmstar-Wäsche, die er zu Liebhaberpreisen anbieten wollte: gereinigte Dessous für fünf Dollar, ungereinigte für 50.

Doch als der linkisch auftretende Gebrauchsgraphiker seine ersten Aufträge erhielt -- Illustrationen für das Magazin »Glamour«, Inserate für den New Yorker Schuhsalon Miller -, hörte er auf zu spinnen und konzentrierte sich nur noch aufs Geschäft.

In ausgefransten Hosen und ungeputzten Schuhen besuchte er jede Party, lud die Art Directors der großen Modejournale zum Lunch und schickte ihnen sogar allwöchentlich kleine Geschenke, um sich in Erinnerung zu bringen. Er blieb -- so Tomkins -- »ständig am Ball«.

Die PR-Aktionen zahlten sich aus: Als Illustrator und Werbedesigner der snobistischen Frauenblätter »Vogue« und »Harper's Bazaar«, als Schaufenster-Dekorateur der Preziosenhandlung »Tiffany"s« und des Luxus-Modenhauses »Bonwit Teller«, als Entwerfer skurriler Bilderbücher ("25 Katzen namens Sam") machte er bald zirka 50 000 Dollar im Jahr.

Aber damit war er keineswegs zufrieden. Auf einer Weltreise entdeckte Warhol 1956 in Florenz die Bilder von Tizian und Botticelli (Warhol-Kommentar: »Wow!") und formulierte sein neues Lebensziel: »Ich will Matisse sein.«

Um so berühmt zu werden wie der französische Meister, der, »was er auch anstellte, großartig war«, betrieb er zunächst einmal Marktforschung nach »Bildern, die noch kein anderer gemacht hatte« (Tomkins). Eine Kunsthändlerin riet ihm gegen 50 Dollar Honorar, zu malen, was er »mehr als alles andere« schätzte: Geld. Das war die Lösung.

Warhol kopierte Dollar-Scheine und stellte 1962 -- gerade rechtzeitig, um an der ersten Pop-Art-Welle zu partizipieren -- auch noch andere »Reproduktionen von Alltäglichem« (Crone) aus: Leinwände, auf denen er Suppenbüchsen der Marke »Campbell"s«, Kinder-Malbögen ("Do it Yourself"), Schritt-Diagramme aus einem Tanz-Lehrbuch und ganze Zeitungsseiten ("Eddie Fisher Breaks Down") sowie Comics ("Popeye") abgebildet hatte.

Die Sujets dieser Gemälde waren so banal wie die Gebrauchsgegenstände. die einst der Dadaist Marcel Duchamp (1887 bis 1968) unverändert als »Ready-mades« zur Schau gestellt hatte. Doch anders als Duchamp, der etwa einen Flaschentrockner auf den Sockel hob, um damit »Anti-Kunst« zu demonstrieren, hielt Warhol am Kunstbegriff fest.

Er hat ihn nur -- freilich inflationär -- erweitert und damit so radikal relativiert wie vor ihm kein anderer Künstler. Zur Kunst taugten ihm fortan alle Massenprodukte der Konsumgüterindustrie: Coca- und Pepsi-Cola-Flaschen, Banknoten und Rabattmarken. Er benutzte die Glamour-Idole des von der Kulturindustrie produzierten Massengeschmacks wie Elvis Presley, Liz Taylor, Marilyn Monroe und viele makabre, sozial relevante Alltagsthemen -- Bilder von Autounfällen, Selbstmördern, Gewaltverbrechern und Hinrichtungsmaschinen ("Electric chair«, 1967).

Daß er solche Massen-Sujets nicht mehr als kostbare Unikate auf die Leinwand pinselte, war nur konsequent. Dem Allerweltscharakter seiner Motive gemäß, brachte Warhol fortan seine Werke auch als Massenware auf den Kunstmarkt -- als Papier- oder Leinwand-Siebdrucke nach Photo-Vorlagen aus der Zeitung. In seinem »Factory« (Fabrik) genannten Atelier in New Yorks 47. Straße produzierte er so von August 1962 bis Dezember 1964 mit Gehilfen nicht weniger als 2000 Bilder.

Zwar beschränkte dieses anonyme Verfahren »Warhols Kreativität auf die Auswahl seiner Bildinhalte« (Crone), doch das war dem mittlerweile weltberühmten »Andy Matisse« (Tomkins) im Prinzip nur recht. Er ging sogar noch einen Schritt weiter und attackierte die landläufige Vorstellung vom elitären Künstlertum durch provokante Gesten.

Nicht nur der Künstler, so gab er in einem seiner seltenen Interviews bekannt, nein, »jedermann« sei »kreativ«. Zum Beweis ließ Warhol seine Bilder von Bekannten, die er zu »Superstars« ernannte, nicht nur anfertigen, sondern oft auch mit »Warhol« signieren. Zu einer Vortrags-Tournee schickte er ein Warhol-Double als Stellvertreter. und einen Journalisten forderte er auf, ihm die gewünschten Warhol-Antworten zu soufflieren -- »ich wiederhole sie dann«.

Sein gewinnträchtiges Maler-Image galt ihm mit der Zeit so wenig, daß er eines Tages demonstrativ die Bilderfabrikation einstellte und nur noch Filme drehte.

Er filmte 1964 das Empire State Building ohne Kamera-Bewegung und Schwenk acht Stunden lang, beobachtete den Lyriker John Giorno sechs Stunden im Schlaf, gab New Yorker Underground-Originalen 195 Minuten lang ohne Regie-Eingriffe Gelegenheit zur improvisierten Selbstdarstellung ("Chelsea Girls«, 1966) und machte damit deutlich, daß ein Film auch ohne Story und geplante Unterhaltungseffekte noch realistisch wirken kann ("Ich mag langweilige Dinge").

Selbst wenn sich seine Superstars Viva Hoffmann und Louis Waldon vor der Kamera zum vollendeten Koitus fanden ("Blue Movie«, 1968), blieb er seinen ästhetischen Maximen treu:

»Alles ist hübsch«, so hatte er einst behauptet. Folgerichtig versuchte er sich auch als Literat: Tonband-Niederschriften von Telephonaten und Alltagsgeschwätz veröffentlichte er als Roman« (Titel: »a"), ladenneue Suppendosen (natürlich Marke »Campbell"s") deklarierte er durch bloße Signatur zu Kunstobjekten; leere Pappkartons der Putzmittel-Fabrik »Brillo« sandte er als Artefakte zu jeder größeren Warhol-Retrospektive.

So viel Konsequenz hat Warhol, der sich bescheiden zu seinen Zunftgenossen Hans Memling (um 1435 bis 1494) und Willem de Kooning (geboren 1904) bekennt ("Von daher kommt mein Werk"), schon zu Lebzeiten einen besonderen Rang In der neueren Kunstgeschichte gesichert -- als Künstler. der »den individuellen Genie-Begriff zugunsten eines kollektiven Bewußtseins« aufgelöst hat (Crone).

Freilich: In Wahrheit hat der einstige »Commercial artist« seine Individualität niemals völlig verleugnen können und wollen. Jede Warhol-Ausstellung (und so auch die gegenwärtige Wanderschau) zeigt, daß der Künstler alle noch so anonymen Photo-Vorlagen bei der Verarbeitung zum Siebdruck durch Farbgebung, serielle Motiv-Vervielfältigung, Druck-Nuancen zum Markenartikel zu stilisieren wußte. »Er kann«, sagt der Kino-Kritiker Gehnis, »aus dem Zimmer gehen und die Kamera laufen lassen. Was dabei herauskommt, ist noch immer ein Warhol-Film.«

So revolutionär seine Ästhetik genannt werden muß -- als Vorsteher seiner neuen Kunst-Fabrik am Union Square »beutet Warhol seine Leute aus« (so der Underground-Filmer Kenneth Anger) und verhält sich wie ein reaktionärer Kapitalist. Als unlängst die Kunstpreise fielen, eilte er von Filmarbeiten in Paris vorzeitig nach Hause, um einzugreifen.

Das jedenfalls berichtet die gewichtige Warhol-Schülerin Brigid Polk, 31. Sie ist seit Jahren des Künstlers Vertraute und selbst Künstlerin, die derzeit in der Münchner Galerie Friedrich eine Ausstellung à la Warhol beschickt: Tonbänder von Telephongesprächen und Hunderte von Polaroid-Farbphotos, die sie In gebetbuchartigen Portefeuilles zu intelligenten Bild-Psychographien ihrer Modelle aus dem Kunstbetrieb versammelt.

»Andy ist fertig«, sagt Brigid Polk, »er liegt nur noch im Bett, kaut Popcorn und schaut sich die Videotapes von Werbespots an, die ihm ein Bote der Fernsehgesellschaft NBC jeden Morgen ins Haus bringt.«

Außerdem: »Andy hat die Malerei beerdigt, er hat den Hollywood-Film beerdigt -- trotzdem dreht er neuerdings Filme à la Hollywood.«

Brigid Polk illustriert solche Kommentare mit larmoyanten und pikanten Tonband-Enthüllungen ihres Freundes ("Wir haben nur noch eine Telephon-Beziehung"): Auf der einen Band-Kassette beklagt der Künstler mit Grabesstimme das Hinscheiden eines Vogels, der seiner Mutter gehört hat, auf einer anderen beschwört er die Freundin, für ihn den Penis ihres Bruders zu photographieren.

Biograph Tomkins erklärt den spürbaren Verfall von Warhols künstlerischer Potenz aus größerer Distanz vor allem biologisch: Seit Warhol 1968 das Pistolen-Attentat einer lesbischen Frauenrechtlerin überlebte, berichtet er, hat der Künstler »ständig Schmerzen« und »sieht mehr und mehr dem Engel des Todes gleich.«

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