»Entertainment nervt mich«
SPIEGEL: Mr. Crichton, Sie sind einer der reichsten Schriftsteller der Welt. Warum quälen Sie sich weiter mit Schreiben - so sehr, dass Ihre Frau sagt, wann immer Sie an einem Buch arbeiten, sei es, als ob sie mit einer Leiche zusammenleben müsse?
Crichton: Ich habe keine Wahl. Es ist nicht so, dass ich mir das aussuche - die Bücher wählen mich. Aber es stimmt schon: Schreiben ist für mich eine unerfreuliche Angelegenheit. Das hat sogar meine Tochter gemerkt, damals, als sie gerade 18 Monate alt war. Sie sah mich am Schreibtisch sitzen und sagte: »Armer Dad - wie lange musst du dir das noch antun?«
SPIEGEL: Finden Sie, es gereicht einem Schriftsteller zur Ehre, wenn er wie Sie alljährlich ziemlich weit vorn in der »Forbes«-Liste der Unterhaltungsgroßverdiener auftaucht und allein im Jahr 1998 65 Millionen Dollar verdient hat?
Crichton: Ich kann diese Listen nicht leiden. Was solche Dinge und Kritiken angeht, halte ich es wie mein Freund Steven Spielberg, den ich damals nach »Schindlers Liste« fragte, was er von den Kritiken halte. »Ach«, sagte Steven, »weißt du, so etwas lese ich schon lange nicht mehr.« Die Leute sollen doch reden, was sie wollen. Ich wünschte mir bei all dem nur eines: dass ich wirklich so viel verdient hätte, wie in »Forbes« steht.
SPIEGEL: Kommt es bei der Dimension Ihrer Einnahmen noch groß auf ein paar Millionen Dollar mehr oder weniger an?
Crichton: Der Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith hat einmal gesagt: »Es ist ein Riesenunterschied, ob Sie genug Geld haben oder nicht genug. Und ein sehr kleiner Unterschied, genug zu haben oder mehr als genug.«
SPIEGEL: Mit Verlaub - Sie haben anscheinend mehr, mehr, mehr, mehr als genug.
Crichton: Wie jeder Besitz ist auch Geld eine Verpflichtung. Und wenn Sie, wie ich, sehr viel davon haben, dann kommt es vor allem darauf an, dass Sie es auf sinnvolle Weise wieder herschenken.
SPIEGEL: In Ihrem neuen Roman »Timeline« benutzt ein Computermilliardär sein Vermögen dazu, eine Hightech-Firma zu gründen, die sich auf Quantenphysik spezialisiert**. Menschen können in Ihrem Buch in andere Zeiten verschickt werden. Glauben Sie solchen Hokuspokus wirklich?
Crichton: Wir werden im 21. Jahrhundert technologische Neuerungen erleben, die sich die meisten Leute heute noch nicht vorstellen können - und die Quantenphysik wird dabei eine enorme Rolle spielen. Ob dabei auch eine so genannte Zeitmaschine herausspringen wird? Ich glaube es nicht.
SPIEGEL: Im Roman schicken Sie eine Gruppe Wissenschaftler zurück in das Frankreich des 14. Jahrhunderts. Seit wann interessieren Sie sich mehr für die Vergangenheit als für die Zukunft?
Crichton: Es wird oft nicht bemerkt - aber alle meine Bücher spielen in der Ver-
gangenheit, der jüngeren Vergangenheit allerdings. In diesem Buch brauchte ich ein Jahrhundert, in dem etwas los war, ein Jahrhundert voll Mord und Totschlag, und da eignet sich das 14. mit dem 100-jährigen Krieg zwischen Frankreich und England ganz gut. Und dann war dieses Jahrhundert so etwas wie der unmittelbare Vorlauf für den Kapitalismus und die Neuzeit. Die aufkommende Artillerie machte den Rittern zu schaffen. Dazu benötigten die Machthaber im Zuge der Staatenbildung immer größere Truppen, die sie nach Belieben befehligen konnten. Mit anderen Worten: Die Ritter wurden erst militärisch überflüssig und dann sozial erledigt. An ihre Stelle traten Kaufleute.
SPIEGEL: Trotzdem gleicht Mr. Doniger, der Hightech-Milliardär in Ihrem Roman, in Auftreten und Charakter einem mittelalterlichen Despoten. Interpretieren wir Ihr Menschenbild richtig, wenn wir unterstellen, dass Ihrer Meinung nach die Mächtigen im Lauf der Jahrhunderte kaum Fortschritte gemacht haben?
Crichton: Gerade in unserer Zeit existieren diese Typen wieder, egal, ob sie nun Bill Gates oder Steven Jobs heißen. Wir erleben gerade so etwas wie eine Neufeudalisierung des Lebens. Als ich in den sechziger Jahren anfing, Bücher zu schreiben, gab ich stets an, selbständig zu sein, das hieß damals so viel wie: Der Junge ist so gut, der kann sich ohne einen Boss am Leben erhalten. Heute hat dieser Titel enorm an Prestige eingebüßt. Selbständig zu sein bedeutet heute, dass etwas mit Ihnen nicht stimmt. Sie gehören nicht dazu, Sie haben keine Company, für die Sie arbeiten in einem Zeitalter, wo jeder zu einer großen Firma gehören muss. Wer nicht zu einem Konzern gehört, ist bald ein Aussätziger.
SPIEGEL: Die Propheten des Internet und der jungen, damit zusammenhängenden Technologien haben vor ein paar Jahren mehr Unabhängigkeit, mehr Pioniergeist, mehr Information, mehr Demokratie und Freiheit verheißen. Halten Sie all das angesichts von Megakonzernen wie AOL/Time Warner für leere Versprechungen?
Crichton: Ja, und zwar weltweit. 1984 kam und ging, und zumindest in diesem Land hatten wir den Eindruck, dass George Orwell total falsch gelegen hätte - diesen ganzen stalinistischen Überwachungswahn sahen wir in der Sowjetunion, nicht bei uns. Und auf einmal leben wir hier mit einer Computersoftware, die überwachbar macht, was wir schreiben und wie oft wir es tun. Wir leben mit Videokameras, die überall stehen und unser gesamtes Leben kontrollieren. Wir leben mit Konzernen, die zu 100 Prozent das Dasein ihrer Angestellten steuern - Hauskauf, Schule, Ferien - alles. Mit anderen Worten: Orwells Phantasien sind nicht länger eine Möglichkeit, sie sind Realität geworden.
SPIEGEL: Neben dem total verwalteten Leben greifen Sie in Ihrem neuen Roman vor allem das Prinzip »Entertainment« an. Sind nicht Ihre Bücher genau Bestandteil dieser Entertainment-Kultur?
Crichton: Hüten Sie sich vor Leuten mit geschlossenen Weltbildern. Ich gehöre zu dieser Industrie - aber warum soll ich sie nicht attackieren dürfen? Ich weiß, wie Entertainment funktioniert, und ich mag es nicht besonders. Es nervt mich. Vor allem, weil unser ganzes Dasein immer mehr nach Entertainment-Prinzipien ausgerichtet wird. Wenn Sie heute in Amerika ein Business-Meeting haben, dann geht es da nicht mehr um Zahlen, sondern darum, dass Ihnen dies alles unterhaltsam dargeboten wird. Selbst in den Schulen soll das Lernen heute entertaining sein.
SPIEGEL: Entertainment ist zum vorherrschenden Muster des amerikanischen Lebens geworden. Katastrophen entstehen dann, wenn die Leute nicht mehr mitkriegen, was Film ist und was real ist, wie die Attentäter von Littleton, die vor der Tat darüber diskutierten, ob Spielberg oder Tarantino das Ganze später einmal auf die Leinwand bringen sollte.
Crichton: In diesem Land haben die Leute das Gefühl, sie könnten das Leben nach Bedarf an- oder ausschalten. Meine Frau geht mir auf die Nerven: Also wechsle ich einfach den Kanal. Das mit den Kindern habe ich mir anders vorgestellt: Wo war noch mal die Aus-Taste? Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Auf jeden Trend gibt es einen Gegentrend. Irgendwann sieht man hinter die Leinwand. Ich zum Beispiel kann mir keinen Film mehr anschauen, ohne, sobald eine Cola-Dose ins Bild kommt, zu denken: »Was haben die wohl dafür bezahlt?« Ich bin einfach inzwischen müde und erschöpft davon, entertained zu werden.
SPIEGEL: Trotzdem schreiben Sie Ihre Romane wie Drehbücher und haben es geschafft, erstens fernsehabgerichteten Leuten ab und zu wieder ein Buch unterzujubeln und zweitens Romane wie »Enthüllung« sofort von Hollywood verfilmen zu lassen. Ihr Werk »Jurassic Park« spielte sogar mehr als 900 Millionen Dollar ein. Wollen oder können Sie den Teufelskreis Entertainment nicht durchbrechen?
Crichton: Ich bin ein visueller Typ und beschreibe die Bilder, die ich in meinem Kopf habe. Und ich muss wie jeder Mensch heute um Aufmerksamkeit kämpfen. Nichts hat die Natur des Erzählens in den letzten 50 Jahren so sehr verändert wie der Cartoon und der Werbefilm. Der Cartoon brachte uns das Prinzip der Übertreibung, der Werbefilm das der rasend schnellen Abfolge. Dem müssen wir uns alle beugen. Kinofilme haben sich in ihrer Geschwindigkeit vervielfacht, und wir Autoren haben keinen Leser mehr, der sich am Sonntagnachmittag für Stunden hinsetzt und einen Roman studiert. Die Leute lesen heute Bücher in der U-Bahn, im Flugzeug und im Bett, eine Viertelstunde, bevor sie einschlafen.
SPIEGEL: Sie haben Medizin studiert, als Arzt praktiziert und sehen sich unter anderem als Naturwissenschaftler. Als solcher müssten Sie gern daran arbeiten, das Leben als Rechenaufgabe zu betrachten. Haben deshalb die Kritiker Recht, die behaupten, es gebe eine Formel für Ihre Bücher?
Crichton: Ich habe nie nach einer Formel für meine schriftstellerische Arbeit gesucht.
SPIEGEL: Steven Spielberg, Ihr Freund, nennt Sie den »König des großen Konzepts«.
Crichton: Ich arbeite trotzdem eher so wie einer, der ins Restaurant geht und das Essen bestellt, auf das er gerade Lust hat. Oft beginne ich Recherchen in vollkommen obskuren Gebieten. Zum Beispiel im Fall meines japanischen Wirtschaftskrimis »Rising Sun«, Anfang der neunziger Jahre. Da fiel gerade die Berliner Mauer; ich war bei einem Abendessen von einem Hollywood-Studioboss, und der fragte mich: »Und woran arbeiten Sie gerade?« Ich sagte: »Japan.« Und er sah mich vollkommen entgeistert an und wiederholte nur immer wieder mit derselben Fassungslosigkeit: »Japan ...« So, als ob ich in Sanskrit geredet hätte. Dann, als das Buch herauskam, gab es gerade eine Art Wirtschaftskrieg zwischen Amerika und Japan.
SPIEGEL: Warum verwenden Sie in Ihren Büchern seitenlange Schilderungen über Wirtschaftskriege, Klonverfahren und Quantenphysik und so wenig Aufmerksamkeit für das Innenleben der Charaktere? Interessieren Sie sich nicht für Menschen?
Crichton: Als ich anfing, ging es mir nur um vollkommen unpersönliche Situationen und Krisen wie zum Beispiel in »The Andromeda Strain«, dem Roman, der vom Ausbruch einer neuartigen Seuche handelt. In solch einem Fall ist es doch total egal, wie es im Inneren der einzelnen Leute aussieht. Bei einem Tankerunglück ist es ähnlich. Das Öl läuft aus. Es gibt kein Mittel dagegen. Die Leute mögen darüber reden und ihre Meinungen haben. Es gibt trotzdem kein Mittel dagegen. Das einzige Mittel gegen Tankerunfälle ist, dass sie nicht passieren. Und genau dies ist die Natur vieler moderner Katastrophen. Die Vorstellung, dass in diesen Szenarien ein einzelner Mensch etwas zum Besseren oder Schlechteren wenden könnte, ist nichts anderes als eine gigantische Illusion.
SPIEGEL: Ist Ihre Haltung in einem Land, das seinem Selbstverständnis nach immer noch dem Individuum und dem tapferen, auf sich selbst gestellten Helden verpflichtet ist, nicht vollkommen unamerikanisch?
Crichton: Ich sehe nicht, dass es in dieser Welt noch einen Platz für Helden gibt. Dass sie in der Literatur noch ein Reservat gefunden haben, in dem sie weiter existieren können, verdanken die nicht der Realität, sondern lediglich der erzählerischen Konvention. Das kulturelle Abkommen, wonach ein Einzelner den Lauf der Dinge beeinflussen oder ändern kann, ist ein paar tausend Jahre alt - und es hat sich lange gehalten, am sichtbarsten vielleicht im Western. Aber wo ist der heute geblieben? Nun gibt es Leute, die behaupten, er habe sich in den Weltraum davongemacht und wurde zur Basis von »Star Wars«. Möglich. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass der Western heute ein Ding der Unmöglichkeit geworden ist, weil niemand mehr an das Prinzip des Individuums glaubt. Es kommt nicht mehr auf die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen an - jeder ist heute in einer Gruppe. Das Einzige, was ich noch allein tue, ist Schreiben. Und dieses Berufsbild ist heute die absolute Ausnahme.
SPIEGEL: Trotzdem: Selbst Sie hatten einmal einen Helden - er hieß Arthur Conan Doyle und war der Verfasser der Sherlock-Holmes-Geschichten. Warum gerade dieser Schriftsteller?
Crichton: In meiner Kindheit hatte ich nur technische Bücher gelesen, zum Beispiel »Wie baut man einen elektrischen Motor?« oder »Wie funktioniert eine Waschmaschine?«, und die fiktionale Literatur ging mir auf die Nerven, weil ich sie vollkommen unglaubwürdig fand. Ich hatte immer den Eindruck, dass die Charaktere zu sehr vom Autor erfunden waren und nie ein eigenes Leben hatten. Als ich Conan Doyle in die Hände bekam, muss ich zwölf Jahre alt gewesen sein. Er war der Erste, der mir zeigte, dass es auch anders ging.
SPIEGEL: Ihr Vater, ein Journalist, hatte etwas gegen die Tatsache, dass Sie schreiben, und als Sie an der Universität Englische Literatur studierten, waren Ihre Noten so schlecht, dass Sie beschlossen, ins Medizinfach zu wechseln und Arzt zu werden. Allein um dieses Studium finanzieren zu können, schrieben Sie Bücher an den Wochenenden und in den Ferien unter Pseudonym. Woher nahmen Sie das Selbstvertrauen?
Crichton: Ich schrieb 10 000 Wörter am Tag, und ich mochte das, denn ich war ja anonym tätig. Wenn mir etwas daneben- ging, dann ging es eben daneben. So what? Ich war eben in Eile gewesen. Diese Anonymität fehlt mir heute.
SPIEGEL: Warum haben Sie die Geheimniskrämerei überhaupt aufgegeben?
Crichton: Das war 1969, und damals schien es mir nicht so eine dramatische Entscheidung zu sein. Nur wenn ich mit Kreditkarte zahlte, sagten Leute ab und zu: »Ha, Sie sind doch der Schriftsteller!« Wirklich erkannt wurde ich erst, als Taschenbuchverleger anfingen, die Fotos der Autoren hinten auf die Umschläge zu drucken. Ich meine - vielleicht hätte ich denen damals das Foto von jemand anderem schicken sollen. Aber das hätte die Dinge nur weiter kompliziert.
SPIEGEL: Ihre Bücher wurden sofort für Hollywood entdeckt, und Sie begannen, nicht nur Drehbücher zu schreiben, sondern diese auch selbst zu verfilmen. Mit 30 waren Sie schwerreich, hatten einen Porsche und einen Psychiater.
Crichton: Den Porsche fuhr ich gegen eine Mauer, und auch sonst tat ich damals Dinge, auf die ich heute nicht mehr besonders stolz bin. Ich war ein Trottel. Rausgekommen aus diesem Elend bin ich, indem ich Reisen in andere Kontinente und Kulturen unternahm.
SPIEGEL: Sie haben auch diese Lebensphase sofort wieder schriftstellerisch verarbeitet und wurden danach noch erfolgreicher. Trotzdem quält Sie das Schreiben immer noch. Wie soll das weitergehen?
Crichton: Ich habe keine Wahl.
SPIEGEL: Als einer, der sich in der Zukunft auskennt - glauben Sie, dass es am Ende dieses Jahrhunderts noch Bücher geben wird?
Crichton: Ich denke, ja. Kino, so wie wir es kennen, wird sehr schnell verschwinden. Fernsehen wird an seine Grenzen stoßen. Aber es wird immer Geschichten geben, die wir uns gern erzählen. Das steht fest.
SPIEGEL: Mr. Crichton, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit Michael Douglas und Demi Moore.** Michael Crichton: »Timeline. Eine Reise in die Mitte derZeit«. Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr. Blessing Verlag,München; 576 Seiten; 44,90 Mark.Das Gespräch führte Thomas Hüetlin in New York.