Entsetzliche Leere - DER SPIEGEL
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NEU IN DEUTSCHLAND Entsetzliche Leere

• aus DER SPIEGEL 16/1971
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Lenz (Deutschland, Farbe) »Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee ... Am Himmel zogen graue Wolken ... Es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte.

So erzählt Georg Büchner (1813 bis 1837) in seiner Novelle vom Sturm- und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz (1751 bis 1792), der mit 27, verwirrt und zerquält, beim Pfarrer Oberlin im Vogesen-Dorf Waldbach Asyl suchte.

Der in München lebende Amerika ncr George Moorse ("Kuckucksjahre"), bislang als Regisseur der Pop-Generation gerühmt, hat gemeinsam mit seinem ständigen Kameramann Gerard Vandenberg dieses kurze Prosastück in ein imposantes Kino-Drama von 125 Minuten Länge transponiert -- in einen Film, der da Dunkel, das trübe Kerzenlicht, den dörflichen Lebensrhythmus, die Frömmigkeit und Wald-Einsamkeit vergangener Jahr hunderte beschwört.

Und er hielt sich dabei so werk- und wortgetreu ans Original, daß er noch die kleinste Bemerkung aufgriff. Büchners Lenz beispielsweise bewundert die holländischen Maler, Moorse teilt diese Verehrung: Er setzt Breughelsche Winterlandschaften in geruhsame Bewegung, er zeigt Vermeersche Interieurs voll von gleißendem Gelb.

Unendlich langsam, viel langsamer noch, als es die neueste Film-Mode verlangt, präsentiert er mit raffinierten Einfärbungs- und Viragetechniken eine naturversunkene Welt, in der Lenz (Michael König) trotz aller Fürsorge durch den Pastor Oberlin (Louis Waldon) bei winterlichem Sturmesheulen dem psychischen Abgrund entgegenwankt -- ihm ist immer, »als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm«.

Er wälzt sich im Stroh und im Schnee; er schneidet Fratzen; er will ein totes Kind wieder zum Leben erwecken; er betet, winselt, kreischt und heult; er hat Visionen; er macht immer wieder »halbe Versuche zum Entleihen«; er fragt: »Hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme, die um den ganzen Horizont schreit und die man gewöhnlich die Stille heißt?« Zum Schluß reist er ab: »Es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, sein Dasein war ihm eine notwendige Last.

Moorses »Lenz«, als »Ehrung verlorener Kulturen und Landschaften und eines Daseins in der Natur« gemeint. mag reichlich unzeitgemäß wirken. Er ist aber auch, bei allen Manierismen der wohl eindrucksvollste Film, der in Deutschland seit langem produziert worden ist.

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