FERNSEHEN / Telemann EPITAPH
Funkintendanten kommen und gehen, ohne daß die Spur von ihren Erdentagen selbst einer scharf blickenden Nachwelt ins Auge fiele. Von ihm aber, Christian Wallenreiter, wird man noch lange künden.
Was hat er gewollt und mit Ränke und Löwencourage zu ertrotzen versucht? Ein »eigenständiges« Zweites Fernsehprogramm für den Freistaat Bayern. Genauer: Eine öffentliche Einrichtung, die verhindern sollte, daß seine Landsleute von außerbayrischen Äthereinflüssen in noch stärkerem Maße behelligt würden, als dies ohnehin schon
- via Erstes Programm - geschieht.
Heißt es doch in der »gutachtlichen Äußerung« des Sozialwissenschaftlers Professor Fröhler: Die Ausstrahlungen des Mainzer TV-Netzes »erreichen auch das Land Bayern, und das nicht etwa aus physikalischen Gründen, ohne Absicht der Sendestelle, sondern entsprechend dem Willen und der Zielsetzung der Anstalt«.
Alpenländischer und immer alpenländischer wollte Bayerns Rundfunkregent sein Zweites Programm gestalten, mit Hilfe Österreichs
und der deutschsprechenden Schweiz; bis daß sich, unter saupreußensicherer Käseglocke, Zithergezirp und Sennerinnensang mit den kulturellen Erträgen von Schwabing, Freimann und Unterföhring zu einer einzigen gamsbärtig-urbanen Erbauung verdichtet hätten.
Und nun darf er nicht.
Dabei hatte er seines Geistes Wunschkind mit Argumenten geschmückt, die durchaus imstande waren, ein Parlamentarierherz zu betören.
Von »bayrischen Interessen« sprach er den Volksvertretern; doch sprach er nicht minder von einer »deutschen und europäischen Aufgabe«, deren Ziel es sei, »der deutschen Verpflichtung Bayerns als eines repräsentativen deutschen Landes mit einem ausgewogenen Programm nachzukommen«, was andererseits nicht ausschließe, daß auch die fränkischen und schwäbischen Belange hinreichend berücksichtigt werden.
Die mittelständische Werbung gedachte er zu fördern. Und die Provinztheater. Und die Landwirtschaft. Und das Bildungswesen. Und die Landespolitik samt ihren Trägern. Und »andere bayrische Kultureinrichtungen«. Und den Sport. Gar nichts und gar niemand wären leer ausgegangen.
Und wer angesichts solcher Vergünstigungen noch zauderte, dem
rechnete Wallenreiter milchmädchenmystisch vor: Heute sehen 1,5 Millionen Bayern ein (Erstes) Programm, an dem der Bayrische Rundfunk nur mit 17 Prozent beteiligt ist. Im Jahre 1971 aber werden vier Millionen fernsehen, und der bayrische Programmanteil wird auch dann nur 17 Prozent betragen!
So etwas muß einem einfallen.
Indes, es fruchtete nichts. Zur Kränkung durch den Ministerpräsidenten Ehard, der da gemütsroh bemerkte, er und nicht der Intendant des Rundfunks bestimme die Richtlinien der Politik, kam die Abfuhr durch das Landesparlament.
Wie wird Christian Wallenreiter mit »einer der letzten großen Entscheidungen der Politik in Bayern« fertig werden?
Telemann erinnert sich an einen bayrischen Herrscher, an Ludwig 1. Als dieser im Jahre 1837 den Widerstand des Landtags gegen einige seiner Lieblings-Kulturpläne zu spüren bekam, hob er die zuvor dekretierte Zensurfreiheit auf, führte die Stockprügel ein und befahl protestantischen Soldaten, dem katholischen Militärgottesdienst
beizuwohnen. Erst die Begegnung mit der Tänzerin Lola Montez stimmte ihn milder.
Wird ein ähnlich strenges Regiment nun auch in Bayerns Funkhäusern anheben? Es wäre möglich, aber wenig sinnvoll.
Denn Ludwig, von Gottes Gnaden Bayerns König, hinterließ etwas Greifbares: die Münchner Ludwigstraße. Christian hingegen, von Hundhammers Gnaden Bayerns Intendant, wird, wenn er dermaleinst abtritt, eine Schimäre zurücklassen und allein dieserhalb Einlaß finden in die Lehr- und Lesebücher eines Alpenvolkes, das gerade den gescheiterten und den tragischen Helden seiner Historie die Treue bewahrt.
Er wird in Mythe und Moritat fortleben, gleich dem Grobschmied Balthasar von Kochel, der sich im Spanischen Erbfolgekrieg 1705 vergebens mühte, die Österreicher aus München zu scheuchen, dem Märchenkönig Ludwig II., der kurz vor Erreichung des Staatsbankrotts im Starnberger See ertrank, oder dem Räuber und Wilddieb Matthias Klostermeier, auch »Bayrischer Hias« genannt, der 1771 auf der Höhe seines Schaffens unters Henkerbeil geriet.
Merke: »Es muß der Held nach altem Brauch den tierisch rohen Mächten unterliegen« (Heinrich Heine, »Lamentationen").
Wallenreiter