NEU IN DEUTSCHLAND Er, Sie und Es
Ich wollte keinen hochkünstlerischen
Film machen, den sich später niemand
ansieht, sondern einen Publikumsfilm«, sagte Ulrich Schamoni, 26.
Keinen hochkünstlerischen Publikumsfilm hat er gedreht. Die allseits gehegte »Hoffnung für den neuen deutschen Film« ("Die Welt") hat Schamoni nicht erfüllt. Vor zehn Tagen präsentierte er seinen »besonders wertvoll« prädikatisierten, für den übernächsten »Oscar« angemeldeten ersten Spielfilm einem Publikum, das, von der »Atlas« -Verleihpublicity sorgsam präpariert war.
Doch: »Es« (Filmtitel) ist eine alte Geschichte.
»Es« ist ein Kind, das nach kanonischem Recht eines, nach bürgerlichem Gesetz aber noch keines ist: »Es« kommt
nicht zur Welt. Beschreibt Schamoni die selbsterfundene Handlung: »Mädchen wird schwanger und läßt sich das Kind wegmachen.«
Das Mädchen Hilke, technische Zeichnerin in West-Berlin, lebt in wilder Ehe mit dem angestellten jungen Grundstücksmakler Manfred. Kinder finden beide zum Kinderkriegen. So bedauert Manfred eine frühere Freundin, die jetzt drei Sprößlinge hochzieht, »bloß weil irgend so ein kleiner Trottel von Siemens nicht aufgepaßt hat«.
Beim Freizeitvertreib paßt Manfred indes selber nicht auf. Hilke fragt im Büro: »Hatte der letzte Monat 30 oder 31 Tage?« Und nach weiteren 14 Tagen will sie von einer Freundin Tabletten haben.
Aber weder Pillen noch eine Spritze für 14,35 Mark können »es« stören. Hilke erfragt bei einem Klassentreffen Arzt-Adressen, und während der von allem nichts wissende Vater makelt, hört Hilke die um Abtreibung gebetenen Ärzte mäkeln. Sie sagen:
- »Wofür halten Sie mich?«
- »Wir Ärzte sind an einen Eid gebunden«;
- »Dem lieben Gott ins Handwerk pfuschen? Ich nicht;
- »Warum sollen Sie's nicht bekommen?«
Einer zeigt Hilke eine Fehlgeburt in Spiritus - und einer macht's schließlieh doch: Er treibt »es« ab.
Manfred, von Hilkes Freundin informiert, eilt nach Hause. Und dort schweigt er Hilke, die letzte Einstellung lang, ausdrücklich an.
Ulrich, einer von vier filmenden Schamonis, hat »Es« mit dem Geld des Münchner Bildhauers Horst Manfred Adloff binnen 24 Tagen im Team von jungen deutschen Filmleuten (Durchschnittsalter: 25 Jahre) geschafft. In all der Eile entstand eine »allzu schick hingeworfene Porträt- und Milieustudie« ("Süddeutsche Zeitung").
Und eine Stilübung: Das erste Filmdrittel sieht aus wie Liebelei à la francaise. Wo Philippe de Broca in den »Liebesspielen« einen 2 CV fahren ließ, fährt für Schamoni VW. Die in- und übereinander geschnittenen Kuß- und Streichelszenen in Wald, Wasser und Pfühl sind ähnlich und besser bei Agnes Varda ("Das Glück") zu sehen.
Für den Filmkritiker Joe Hembus ist es »seit Urzeiten der erste deutsche Film eines jungen Regisseurs, der über das Lebensgefühl seiner Generation Auskunft gibt«. Kritiker Urs Jenny, genauer: »Dies sind so recht aus vollem Herzen ,junge Leute von heute', wie unsere Massenmedien sie sich wünschen.«
Allerdings hat Konfektionär Schamoni gute Rollen zugeschnitten - Paßform für Sabine Sinjen (Hilke) und Bruno Dietrich (Manfred). Schamoni über die Sinjen: »Sie schafft sich in die Rollen so 'rein, daß sie Kreislaufstörungen bekommt oder heult, ohne es zu merken.«
Branchenfremde spielten Kleinrollen für Kleinsthonorar (oder umsonst). Unter anderen Werner Schwier als Angelphilosoph («...die Maßnahmen der Tiere reichen von einfacher Enthaltsamkeit bis überhaupt nicht mehr") und die Journalistin Annemarie Weber als Ärztin.
Von Spielfilm-Debütant Schamoni kommt demnächst mehr: »Ich habe viele Stoffe, etwa 20, die mir durch den Kopf gehen.«
»Es« genügt nicht.
»Es«-Darsteller Sabine Sinjen, Dietrich: Streicheln in Wald und Wasser