Ermatteter Mann - DER SPIEGEL
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SCHALLPLATTEN Ermatteter Mann

»Bill Evans live at Shelly's Manne Hole«. Bill Evans (Klavier), Chuck Israels (Kontrabaß), Larry Bunker (Schlagzeug). Riverside 673 003. »Bill Evans at the Montreux Jazz Festival«. Bill Evans (Klavier), Eddie Gomez (Kontrabaß), Jack de Johnette (Schlagzeug). Verve V6-8762; je 21 Mark.
• aus DER SPIEGEL 22/1969
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»Jazz muß man fühlen«, sagt der Pianist Bill Evans, 40, »wenn man ihn analysiert, geht er kaputt.« Evans Jazz-Spiel jedoch kann man analysieren. Befund: Es ist bestenfalls mittelmäßig. Und das war es -- seinem Ruhm zum Trotz -- schon immer, mal weniger, mal mehr.

In seiner alten, jetzt wiederveröffentlichten Aufnahme aus einem Nachtklub in Hollywood beweist es der Klavierspieler aufs schönste: Kaum einmal trifft er eine Blue Note, nie wagt er ein Fortissimo. Und wenn er Film- und Musicalschlager mit Harmoniemutationen vergoldet, wenn er in spätromantischer Spieltechnik schwelgt und in hingetupften Akkorden delikat große Sekunden mitklingen läßt, dann ist das Jazzgefühl wirklich kaputt.

Aber auch auf einer neuen, beim letztjährigen Jazzfestival in Montreux aufgenommenen Platte klimpert Evans ohne Dynamik und weist seinen Kollegen nur noch eine unterwürfige Begleiterrolle zu. Dabei waren seine berühmten »Interplays«, Ensemble-Partien, bei denen er mit Bassist und Schlagzeuger gemeinsam improvisierte, einmal Evans Stärke. Heute nimmt der ermattete Mann die Einfälle seiner Mitspieler gar nicht mehr wahr.

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