Erotischer Computer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 54 / 79

THEATER / SHEPARD Erotischer Computer

• aus DER SPIEGEL 19/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er ist 26. Er hat schon über 100 Stücke geschrieben, doch immer nur für winzige Bühnen und Universitäts-Studios. Nun hat es der New Yorker Underground-Dramatiker Sam Shepard geschafft: Er ist am Broadway angekommen.

Dort, im konservativen Lincoln Center, wurde gerade sein Zweiakter »Operation Sidewinder« (Unternehmen Klapperschlange) uraufgeführt -- ein satirisch-groteskes Gemisch aus Science-fiction, Rassenproblematik und Indianer-Mythologie, das nach Meinung der »New York Times« in aller Drastik »den Kontrast zwischen dem schillernden amerikanischen Traum und der realen amerikanischen Wüste« zeigt.

Da wiegt im Bühnenzentrum eine überdimensionale Klapperschlange ihr mächtiges Haupt. Mechanisch blinken ihre rubinroten Augen, und zischend geht sie in den Clinch: Die blonde Touristin Honey wird von ihr umschlungen und durch rhythmisches Pressen zu unverhofften Freuden getrieben -- »sie hat«, so verlangt die Regieanweisung, »einen Orgasmus«.

Neben der geilen Schlange -- sie ist in Wirklichkeit ein der Luftwaffe entwichener Computer -- sind im Bild: linke Brunnenvergifter und schwarze Bürgerrechtler, machtgierige Generale und Wissenschaftler, Goldsucher, Rauschgiftsüchtige, Wahrsager und ein Stamm von Rothäuten.

Solch symbolträchtige Spielereien mit technischen Apparaten, verqueren Figuren und undurchsichtigen Situationen hat Shepard, ehedem Schafhirt in Illinais, schon immer geliebt:

In seinem Einakter »The Unseen Hand« (Die unsichtbare Hand) läßt er den Landstreicher Blue und das grüngesichtige Monstrum Willie aus galaxienfernem »Nogoland« zu elektronischen Klängen zwischen Müll über die Zukunft der Menschheit meditieren.

In seinen Stücken stürzen Düsenjäger vom Himmel ("Ikarus"), krabbeln Filzläuse in Schamhaaren ("Das Rote Kreuz"), verpesten Rauchexplosionen den Zuschauerraum ("Forensic"). Rauchschwaden verdüstern auch das Sidewinder«-Spektakel. Die kybernetische Schlange ist Indianern in die Hände gefallen, die sie als Führer in eine bessere Welt verehren. Air-Force-Truppen stören den Ritualtanz um die Gottheit und fordern den Computer zurück. Ihre MP-Garben auf Schlange und Schlangenbeschwörer verursachen eine verheerende Detonation, die alles Bühnen-Leben beendet.

Im pyrotechnischen Finale erkannte die »New York Times« eine »Satire auf das Ende des amerikanischen Materialismus. »Newsweek« attestierte dem Autor, er habe »den Zustand des amerikanischen Geistes in seinen wahren, krankhaften Farben« gezeigt.

Shepard, scheu und verschlossen, betrachtet derlei Interpretationen mit Skepsis. Er hat die »völlig bürgerliche Szene« (Shepard) des Lincoln Center nie betreten und auch nur zögernd dieser Produktion zugestimmt. »Wenn dein Werk populär wird«, so sagt er, »geht immer etwas verloren.«

Zur Ausgabe
Artikel 54 / 79