Erstarrter Blitz - DER SPIEGEL
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Berlin Erstarrter Blitz

Wird der Bau des Jüdischen Museums in Berlin aufgeschoben? Gegen die Absicht formiert sich Widerstand.
• aus DER SPIEGEL 34/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Argwöhnisch blicken Juden auf die wiedervereinigte Haupt- und Regierungsstadt im wiedervereinigten Deutschland. »Beunruhigendes« müsse in Berlin im Gange sein, »Unvorstellbares« scheine bevorzustehen, ein politischer »Skandal« zeichne sich ab.

Briefe und Anrufe dieses Inhalts aus New York und Jerusalem erreichen die Jüdische Gemeinde der Stadt, den Regierenden Bürgermeister, den Bundespräsidenten. Anlaß ist die Erwägung des Berliner Senats, einen geplanten Erweiterungsbau des Berlin Museums um vier, fünf Jahre zurückzustellen: einen Anbau mit integriertem Jüdischem Museum (SPIEGEL 18/1990). Die Entscheidung fällt möglicherweise Anfang nächster Woche, wenn der Senat sich mit dem Haushalt für 1992 zu beschäftigen hat.

Die Stadt steht, nach der Wiedervereinigung, vor gigantischen Reparaturarbeiten. Ganze Quartiere müssen saniert, Straßen gebaut und Verkehrsanlagen wiederhergestellt werden, allein um die Stadt einigermaßen funktionsfähig zu halten. Die Herrichtung zum Parlaments- und Regierungssitz, vielleicht sogar zum Austragungsort der Olympischen Spiele 2000, käme hinzu.

Dabei geht der Stadt nun ersichtlich das Geld aus; Berlin muß sich atemraubend verschulden. In diesem Jahr stieg die Neuverschuldung auf 5,85 Milliarden Mark, im nächsten Jahr dürfte sie noch höher liegen.

Um eine katastrophale Pleite nach New Yorker Vorbild für Berlin abzuwenden, plant Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) »tiefe Einschnitte«. Er will öffentliche Stellen streichen und Landeseigentum veräußern, zusätzlich zu Grund und Boden auch Anteile an der Berliner Bank und an der Sparkasse verkaufen. Von den Einsparungen könnten auch Bauvorhaben wie die geplanten Erweiterungen der Amerika-Gedenkbibliothek und des Berlin Museums betroffen sein.

Keine andere der von den Berliner Politikern erwogenen Maßnahmen fand auch nur annähernd vergleichbare Resonanz wie die mögliche Zurückstellung der Museumserweiterung.

Alarmiert von den zuerst Betroffenen, dem Museumsdirektor und seinem Architekten, meldeten sich Besorgte aus aller Welt mit Ermahnungen und Protesten zu Wort. Agenturen wie Reuters tickerten anzüglich: »Kann das wiedervereinigte Berlin sich ein jüdisches Museum leisten?« Die New York Times machte vierspaltig auf: »Jüdischer Flügel für Berlin Museum in Gefahr.«

Was sonst als Alltäglichkeit kaum wahrgenommen würde - ein aufgeschobenes Bauvorhaben -, wird hier zur international beachteten Affäre: Die alte und neue deutsche Hauptstadt kippt im ersten Jahr der Wiedervereinigung ein jüdisches Museum, entworfen von einem jüdischen Architekten.

Doch so simpel ist die Sache nicht.

Die Auseinandersetzungen über Notwendigkeit, Sinn und Form eines jüdischen Museums für Berlin begannen, nach einem Vierteljahrhundert der Sprachlosigkeit, im Jahre 1971.

Danach dauerte es noch fast zwei weitere Jahrzehnte, bis Klarheit über ein Konzept bestand: daß ein Museum für die Geschichte der Stadt und ein Museum für die Juden der Stadt nicht voneinander zu trennen seien; daß nur ein »integriertes Modell« in Frage kommen könne - die Geschichte der Berliner Juden als Teil der Geschichte Berlins.

Spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts galt Berlin als das Zentrum der deutschen Juden, in den Jahren der Weimarer Republik lebten ein Drittel von ihnen in der Stadt. Die Jüdische Gemeinde zählte 173 000 Mitglieder.

Stolzer Ausdruck ihres Selbstbewußtseins war die 1866 eingeweihte liberale Neue Synagoge in der Oranienburger Straße, damals der bedeutendste Tempel Europas, mit über 3000 Plätzen der größte der Welt. Die 50 Meter hohe Synagoge wurde gekrönt von einer vergoldeten Kuppel, ein orientalischer Märchenbau mit kühner Gewölbekonstruktion und raffinierter Lichtführung, gefeiert als »moderne Alhambra«.

Im kulturellen und wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Leben der Stadt spielten Juden eine so entscheidende Rolle, daß ohne sie die »Weltstadt« Berlin nicht denkbar gewesen wäre. Im Berlin der zwanziger Jahre schien sich das Ideal einer deutsch-jüdischen Symbiose erfüllt zu haben.

Und doch gingen von derselben Stadt wenig später alle Schrecken aus. Am 20. Januar 1942 fiel in einer Villa am Großen Wannsee die bürokratische Entscheidung zur Vernichtung aller europäischen Juden; Heydrich, Eichmann, Freisler und andere beschlossen die »Endlösung«, das Todesurteil für sechs Millionen.

Der Holocaust machte es beiden Seiten unmöglich, sich der Geschichte pragmatisch und emotionslos anzunehmen. Erst 1988, zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938, ließ sich Entscheidendes bewegen, nahezu gleichzeitig in beiden deutschen Staaten: *___Die DDR gründete eine Stiftung für den Wiederaufbau der ____kriegsversehrten Synagoge in der Oranienburger Straße; ____sie sollte als »Centrum Judaicum« genutzt werden. *___West-Berlin schrieb für die »Erweiterung Berlin Museum ____mit Abteilung Jüdisches Museum« einen Wettbewerb aus.

Das Berlin Museum ist eine vergleichsweise junge Institution aus der Zeit der Mauer, gegründet als Pendant zum berühmten Märkischen Museum (mit seinen diversen Dependancen, etwa dem wiedererrichteten Ephraim-Palais am Nikolaiviertel) im Ostteil der Stadt. Untergebracht wurde die West-Berliner Einrichtung im ehemaligen Kammergericht in Kreuzberg, einem massigen Barockbau aus der Zeit des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I.

Als die Preisrichter (unter dem Vorsitz des Bauästheten Josef Paul Kleihues) das später siegreiche Modell für den Anbau erstmals erblickten, verschlug es ihnen die Sprache. Das Ding war alles andere als ein Haus, es war, im Urteil eines der Preisrichter, »ein Sprengkörper": eine bizarre Skulptur, ein rigides Zickzackgebilde wie ein in Stein erstarrter Blitz, 18 Meter hoch, 150 Meter lang, zehnmal geknickt - und im Innern, um »Anwesenheit durch Abwesenheit« zu veranschaulichen, von schnurgerade durchgehender Leere.

Der Urheber Daniel Libeskind, 1946 in Lodz geboren, begreift sich als ein »Produkt des Wahnsinns, der im 20. Jahrhundert herrscht«. Er ist ein Verfechter des Dekonstruktivismus, der die Zerschlagung aller rechtwinkligen Formen zum Programm erhoben hat. Ein vergleichbares Zickzackmodell (Titel: »Line of Fire") hatte er schon vor dem Berliner Wettbewerb entworfen. Gebaut hatte er noch nie.

Dennoch faßte der rot-grüne Senat im Januar 1990 einen demonstrativen Beschluß: »Dazu bekennen wir uns«, verkündete Bausenator Wolfgang Nagel (SPD) emphatisch, »das bauen wir.«

Daß es nun, jedenfalls vorerst, möglicherweise doch nicht gebaut wird, mag einerseits tatsächlich an den veranschlagten Kosten liegen (120 Millionen Mark). Andererseits sind, im nunmehr wiedervereinigten Berlin, zum Beispiel die Arbeiten für das Centrum Judaicum in der Neuen Synagoge weitergegangen, so daß der Bau von Libekinds großkalibrigem Sprengkörper als weniger dringlich erscheinen mag.

Schon sind die vergoldeten Kuppeln des Tempels wiederhergestellt, und an der Fassade fallen die Baugerüste. Bis zum 125. Jahrestag der Einweihung am 5. September soll sich die Front zur Oranienburger Straße in ursprünglicher Verfassung darbieten. Der Innenausbau (geschätzte Kosten: 80 Millionen Mark) soll 1995 abgeschlossen sein.

Dann soll das Ensemble in der Oranienburger Straße Gedenkstätte, Synagoge und Museum in einem sein, dazu Gemeindehaus, Bibliothek und Archiv, Forschungs- und Begegnungsstätte sowie Pflegestelle für den größten jüdischen Friedhof Europas in Berlin-Weißensee. Laut Statut soll das Centrum Judaicum »das Andenken an die jüdischen Opfer bewahren« und »das Wirken jüdischer Bürger in der deutschen Geschichte würdigen«.

Dies wird in Berlin darüber hinaus von Januar nächsten Jahres an mit der Großausstellung »Jüdische Lebenswelten« im Martin-Gropius-Bau geschehen, einem in Europa bislang einzigartigen Unternehmen. Die Ausstellung soll das bis in die Gegenwart tradierte Bild von »dem Juden« aufbrechen und dem Paradox entgegenwirken, daß Bilder jüdischen Lebens durch Bilder der Verfolgung und Zerstörung überlagert sind. Sie soll Denken und Glauben, Leben und Arbeiten, Kunst und Handwerk jüdischer Menschen in allen Epochen und überall auf der Welt vermitteln.

Dazu gehören aber auch die »Topographie des Terrors« auf dem Gestapo-Gelände, eine Dokumentation in der Trauerhalle Weißensee und eine Ausstellung über die von den Nazis ausgegrenzten Künstler in der Akademie der Künste.

Am Ort der Holocaust-Entscheidung, in der Villa Minoux Am Großen Wannsee 56-58, wird der Senat für 3,6 Millionen Mark eine Gedenkstätte herrichten, in der ein Trägerverein namens »Erinnern für die Zukunft« künftig eine ständige Ausstellung unterhält.

Die Wannsee-Konferenz von 1942, so Gerhard Schoenberner, der Beauftragte für das Haus, markiere den historischen Augenblick, in dem der gesamte deutsche Staatsapparat zum Komplizen der SS geworden sei. Eröffnet wird die Gedenkstätte am 20. Januar, dem 50. Jahrestag der »Wannsee-Konferenz«. o

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