Erste Scherben - DER SPIEGEL
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Archäologie Erste Scherben

Mit einer Planierraupe haben Vorgeschichtsforscher im rheinischen Braunkohlenrevier die Relikte der ersten Bauern Europas gerettet.
• aus DER SPIEGEL 3/1975
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»Zukunft« heißt ein Tagebau südwestlich von Jülich, wo jedes Jahr rund ein Quadratkilometer Braunkohle bis in 120 Meter Tiefe geschürft wird. Dort fressen zwei der größten Bagger der Welt die Vergangenheit.

In ihren monströsen Schaufelrädern verschwinden, wenn sie das Deckgebirge über den Flözen abtragen, Felder und Dörfer und mit ihnen die Spuren der frühesten Besiedlung Mitteleuropas -die Relikte der sogenannten Bandkeramiker aus der Jungsteinzeit.

Doch die Rheinische Braunkohle-Werke AG füllt nicht nur ihre Gruben mit dem Abraum und fruchtbarem Löß, so daß auf dem ausgekohlten Ge lände eine neue Kulturlandschaft entsteht. Direktion, Betriebsleiter und die Steiger vor Ort halfen auch mit bei einem beispielhaften, von der Deut sehen Forschungsgemeinschaft geförderten Unternehmen der Prähistorie.

Statt mit Spaten und Spachtel zu sondieren, konnte ein Team junger Archäologen der Universität Köln mit einer Planierraupe das gesamte Merzbachtal im »Zukunft«-Bereich nach Zeugnissen der ersten Zivilisationsepoche absuchen. Immer auf der Flucht vor den schweren Räumbaggern, die auf einer Drei-Kilometer-Front monatlich bis zu 80 Meter vorrückten. vermaßen sie jene Verfärbungen im Boden, die Pfostenlöcher anzeigen, sortierten sie 6000 Jahre alte Küchenabfälle und bargen noch dicht an der Tagebaukante in einer Nacht-Aktion als einzigartigen Beleg das Fundament eines Getreide-Darrofens.

Mehr als 1000 Quadratmeter Ackerkrume wurden so täglich bis auf die vorgeschichtlichen Fundschichten abgetragen; insgesamt legten die Wissenschaftler in anderthalbjähriger Arbeit 240 000 Quadratmeter bandkeramischer Siedlungsflächen frei.

Die neuartige Großgrabung wird derzeit mit einer Ausstellung ("Bagger und Bandkeramiker') im Töpfereimuseum von Langerwehe im Braunkohlenrevier dokumentiert. Sie brachte acht Siedlungsplätze mit den Grundrissen von 160 Gebäuden, ein Gräberfeld und einen erst vorläufig ausdeutbaren Fundus von Scherben, steinernen Werkzeugen und Waffen und Pflanzenresten zutage.

Den Übergang von der mittleren zur jüngeren Steinzeit, so erläutert Rudolph Kuper, einer der Grabungsleiter, markieren Umwälzungen, die »nur mit der technischen Revolution des vergangenen Jahrhunderts verglichen werden können«. Um die Mitte des fünften vorchristlichen Jahrtausends setzten sich gegenüber den archaischen Sammlern und Jägern Siedler durch, die mit Hausbau, Landwirtschaft und Viehzucht, Töpferei und Bergbau gleich den ganzen Grundstock zivilisatorischen Errungenschaften einführten.

Mit den Befunden der Flächengrabung vermögen die Archäologen nun erstmals ein detailreiches Bild der frühen Jungsteinzeit zu zeichnen.

Die Bandkeramiker errichteten entlang den Wasserläufen locker

gestreute Einzelhöfe -- Wohnhaus, Speicher und Scheune in einem. Es waren bis zu 40 Meter lange rechteckige Fachwerkbauten mit lehmbestrichenen Wänden, deren Dach auf starken Innenpfosten ruhte. Jede Generation mußte, wie aus den sich vielfach überschneidenden Grundrissen abzulesen ist, neu bauen.

Das Universalwerkzeug für die Holzbearbeitung waren aus Felsbrocken geschliffene »Schuhleistenkeile«, Hack-, Meißel- und Hobelgeräte mit flacher Unter- und gewölbter Oberseite. Feuerstein für Klingen, Bohrer und Sicheln, die sogar noch immer den beim Getreideschneiden entstehenden Lackglanz tragen, gewann das Bauernvolk bereits bergmännisch im Tagebau.

* Jungsteinzeitliche Bandkeramik aus dem Braunkohle-Tagebau »Zukunft«.

Obwohl sie Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen hielten, haben die Siedler des Merzbachtals offenbar zumeist vegetarisch gelebt; bezeichnend ist, daß sie den Kopf von Toten häufig auf einen Getreidemahlstein betteten.

Das Leitmerkmal dieser Kultur freilich ist die Tonware: bauchige Töpfe, Becher und Krüge mit weitem Hals, verziert mit charakteristisch gewundenen oder gezackten Bändern aus Linien und Stichelornamenten. So reichhaltig sind die Muster und dabei derart abwechslungsreich im Stil, daß sich nach den Scherben in den Abfallgruben die einzelnen Siedlungsphasen bestimmen lassen.

Anscheinend stießen die Nutznießer der neolithischen Revolution, wie sechs Jahrtausende nach ihnen die Bürger der technologischen Zivilisation, schon bald mit ihren Eingriffen in die natürliche Umwelt an Grenzen des Wachstums. Rund 400 Jahre nachdem sie das Merzbachtal urbar gemacht hatten, war der Wald auf breiten Uferstreifen abgeholzt, das Gelände stark zersiedelt und der fruchtbare Boden von Ruinen, Brachfeldern und aufgelassenen Lehmgruben verschandelt. Die Vermutung liegt nahe, erklärt Prähistoriker Kuper, daß die bäuerliche Bevölkerung in eine ökologisch-wirtschaftliche Krise geriet.

Damit ließen sich auch die »Erdwerke« erklären, von fünf Meter breiten und drei Meter tiefen Gräben geschützte Areale, deren drei auf einem nur anderthalb Kilometer langen Talabschnitt angelegt wurden. »Das könnte«, so Kuper, »auf Auseinandersetzungen um knapp werdendes Land, Vieh und andere Güter hinweisen« -- es waren womöglich Fluchtburgen.

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