TOURISMUS Es hapert
Noch nie«, stand Ende März in der »Zeit« zu lesen, »sind so viele deutsche Urlauber auf Kreuzfahrt gegangen wie im letzten Jahr.« »Beachtliche Steigerungsraten« hatte auch die »FAZ« ausgemacht. Doch der tolle Seegang, der da angeblich die Kassen vollschwemmt, existiert nur in der Phantasie.
Mehr als 200 000 Bundesbürger hatten noch vor fünf Jahren, 1978, Kreuzfahrtferien auf Musikdampfern gebucht, damals wurden die Deutschen zur zweitgrößten Seefahrer-Nation der Welt nach den Amerikanern. Doch seither flachte der Ansturm immer mehr ab, der Flaute folgte Gegenwind.
»Allenfalls noch etwa 140 000 Deutsche«, schätzt Peter Waehnert, Verkaufsleiter der alteingesessenen Transocean-Tours in Bremen, schipperten im letzten Jahr über die Meere, verzehrten bis zu sechs Mahlzeiten am Tag, schwitzten in Fitneß-Räumen oder Liegestühlen und tanzten - Schmuck an, Schlips um - zu den Darbietungen der unvermeidlichen Bordkapellen.
»Von einem Boom kann derzeit überhaupt keine Rede sein«, erklärt Alf Pollak, Chef des Frankfurter Spezialveranstalters Seetours International. »Wir sind schon froh, wenn wir in diesem Jahr mit blauem Auge davonkommen.«
Zwar sind genügend Spitzenverdiener nach wie vor geneigt, auf wenigen Luxuskreuzern wie dem Hapag-Lloyd-Flaggschiff »Europa« oder der norwegischen »Royal Viking Sea« zu Tagespreisen von annähernd 500 Mark auszuspannen. Doch auf den zahlreichen Dampfern der Mittelklasse (300 bis 400 Mark pro Reisetag) sind Buchungen immer schwerer an den Mann zu bringen. Pollak: »Da hapert es ganz gewaltig.«
Mit einer wahren Flut von Sonderangeboten, Extraleistungen und Ermäßigungen suchen die Reiseveranstalter den Kreuzfahrt-Markt zu beleben. So warb etwa die Münchner Air Maritim mit der Offerte »Einer zahlt, Begleiter frei« für eine zweiwöchige Tour zu den »Metropolen der Ostsee« auf der 1936 in Belfast gebauten und heute unter griechischer Flagge laufenden »Victoria«.
Mehrere Firmen, darunter ADAC und Kaufhof Reisen, schlossen sich der partnerfreundlichen Verkaufsoffensive an. Die Lübecker LVG-Reisen, ebenfalls auf der Suche nach Passagieren für den griechischen Oldtimer, berechneten ihren Kunden nur den halben Preis, auch wenn sie ohne Begleitung reisten.
Obwohl die Marketingfachleute vor den Folgen solcher »Sonderangebotsmentalität« warnen, unterbieten sich Reedereien und Seereiseveranstalter, um Kabinenplätze loszuschlagen, mit immer ausgefalleneren Verkaufsknüllern: *___Preisnachlässe bis zu 2300 Mark gibt es für einen ____zweiwöchigen Trip auf dem Expeditionsschiff »Lindblad ____Explorer« (Seetours International). *___Sieben Tage Hotelaufenthalt auf der griechischen Insel ____Kreta erhält kostenlos, wer vorher (für 2080 Mark) eine ____Woche lang mit der mehr als 40 Jahre alten »Romanza« ____über das Mittelmeer dümpelt (Air Maritim). *___Teenager- und Single-Rabatt bis zu 30 Prozent auf den ____Reisepreis bietet die Firma Jahn Reisen. *___40 Prozent Nachlaß auf Karibik-Kreuzfahrten verspricht ____die Firma Trans Atlantik Reisen, wenn Passagiere ____zustimmen, erst vier Wochen vor Reiseantritt zu ____erfahren, auf welchem Dampfer sie sich einschiffen ____dürfen.
Verschärft wird der Wettbewerb auch noch durch Überkapazitäten, die auf europäische Meere drängen. Seit sowjetische Staatsreedereien (wegen Polen und Afghanistan) mit ihren Ferienflotten Häfen in den USA, Australien und Indonesien nicht mehr anlaufen dürfen, nehmen sie verstärkt Kurs auf Mittelmeer, Ost- und Nordsee - mit einigem Erfolg: »Auf unseren Russen-Schiffen klingeln die Kassen«, berichtet Erika Amann von den Münchner Jahn Reisen.
Die russischen Reeder unterbieten griechische und italienische Konkurrenz gnadenlos. »Solange in harter West-Währung bezahlt wird, akzeptieren die Sowjets fast jeden Preis«, hat der Einkäufer eines großen deutschen Seereisenveranstalters in vielen Verhandlungen gelernt. Bei Tagesraten, die im Einzelfall sogar unter 70 Mark pro Passagier liegen, müssen private Reeder passen.
Besseres Essen und mehr Unterhaltung sollen den Preisnachteil auf Musikdampfern unter westlicher Flagge wettmachen.
So will etwa Air Maritim auf Mittelmeer-Cruises in diesem Sommer die ältere Kundschaft (Durchschnittsalter bei Kreuzfahrten: 52 Jahre) mit Veteranen wie Fred Bertelmann ("Lachender Vagabund") oder dem Kölner Komiker Willy Millowitsch in Stimmung bringen. Alleinreisende Damen dürfen mit Roberto Blanco schunkeln, und auf einem norwegischen Schiff wird »Dalli-Dalli«-Schnellzeichner Oskar herumhetzen, »um Sie auf Wunsch mit seinen spitzen Malstiften zu porträtieren«.
Als Flop erwies sich bisher Deutschlands zweitgrößter Musikdampfer, die 1980 in Hamburg vom Stapel gelaufene »Astor«. Selbst zur groß angekündigten Weihnachts- und Silvesterreise in die Karibische See kamen nur 180 Buchungen zusammen. Daraufhin sagte die Hadag Cruise Line kurzerhand alle ausgeschriebenen Trips für die Monate November und Dezember ab, das Schiff
wurde über die Festtage komplett nach Südafrika verchartert.
Ohnehin gilt der Hadag-Kreuzer als »am Markt vorbei konzipiert« ("FAZ"). Erfahrene Seetouristen schrecken zurück, wenn ihnen auf der »Astor« Tagesraten abverlangt werden, die mitunter über denen der »Europa« liegen. »Warum soll einer Zweiter Klasse fahren, wenn er fürs gleiche Geld auch First Class reisen kann?« fragen sich Mitarbeiter in Reisebüros, die den Hadag-Dampfer wie saures Bier anbieten müssen.
Weil in Hamburg der Unmut darüber wächst, daß Steuerzahler nun schon im zweiten Jahr hintereinander rund acht Millionen Mark »Astor«-Verluste der Staatsreederei Hadag tragen müssen, sollen jetzt neue Käufer für den defizitären Dampfer gesucht werden. Der »Bild«-Zeitung vertraute Bürgermeister Klaus von Dohnanyi an, es könne nicht Hamburgs Aufgabe sein, Kreuzfahrtschiffe zu betreiben: »Die Stadt sollte möglichst wenig Dinge tun, von denen sie unmittelbar nichts versteht.«
Doch auch in der maritimen Oberklasse wird es immer enger. »SOS« funkten bereits die norwegischen Eigner der Hochpreisdampfer »Vistafjord« und »Sagafjord«. Die Hauptrolle der »Vistafjord« in der ZDF-Serie »Das Traumschiff« hatte zwar Tausende von Anfragen, aber kaum Buchungen eingebracht. »Entmutigt und ohne Glauben an erneutes Wachstum«, hieß es, habe sich die Reederei entschlossen, die beiden Kreuzer für rund 185 Millionen Mark an die englische Cunard Line zu verkaufen.
Die Schiffe waren - Mitte Mai - noch nicht übergeben, da gaben die Käufer schon eine erste Sparmaßnahme bekannt: Die norwegische Flagge wird nicht durch die britische, sondern durch das Billig-Banner der Bahamas ersetzt - von britischem Seefahrerstolz, während des Falkland-Abenteuers noch aller Welt vorgeführt, keine Spur.