»Es könnte heute geschehen«
SPIEGEL: Mr. Washington, Sie spielen zum dritten Mal - nach dem südafrikanischen Freiheitskämpfer Steve Biko und dem US-Bürgerrechtsführer Malcolm X - eine reale Figur, den Boxer Rubin Carter. Macht es Ihren Job als Darsteller schwerer, gegen ein historisches Vorbild anzuspielen?
Washington: Nach Malcolm X wollte ich eigentlich nie wieder eine authentische Figur verkörpern. Es hat acht Jahre gedauert, bis ich die Rolle des Rubin Carter übernommen habe. Der Druck ist einfach größer. Man ist empfindlicher gegenüber Kritik, denn jeder Zuschauer hat seine eigene Auffassung, wie der Betreffende war und wie sein Leben verlaufen ist.
SPIEGEL: Tatsächlich gab es für Ihre Leinwandbiografie »Hurricane« in den USA prompt heftige Kritik, weil der Film sehr frei mit den Fakten umgeht. Verstehen Sie den Unmut?
Washington: Es waren nicht die Zuschauer, die den Film kritisierten, sondern nur ein paar Journalisten, die geschrieben haben, dass Rubin seine Freilassung vielleicht anderen Leuten zu verdanken hat, als der Film es zeigt.
SPIEGEL: »Hurricane« stellt es so dar, als hätte sich jahrelang nur eine Gruppe von Kanadiern für Carter eingesetzt, und ignoriert die Arbeit seiner Rechtsanwälte und anderer Freunde.
Washington: Das ist einfach eine der Schwierigkeiten, wenn man versucht, einen Spielfilm aus einer realen Biografie zu machen. Man muss Figuren verschmelzen und Ereignisse zusammenfassen, damit nicht 200 Leute über die Leinwand marschieren. Der Zuschauer muss einige Figuren kennen lernen, um ihre Geschichte verfolgen zu können.
SPIEGEL: Der Film lässt auch einige unerfreuliche Details aus Carters Leben weg, etwa die Tatsache, dass er als junger Mann wegen einiger Überfälle vier Jahre im Gefängnis saß. Wäre »Hurricane« nicht vielschichtiger geworden ohne diese Beschönigung?
Washington: Da will ich Ihnen nicht widersprechen.
SPIEGEL: Hatten Sie Einfluss darauf, wie »Hurricane« seinen Helden porträtiert?
Washington: Ja, aber wir hatten schon einen zweieinhalb Stunden langen Film - man kann nicht alles zeigen. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass wir etwas mehr von Rubins dunkler Seite aufnehmen, um hervorzuheben, welche unglaubliche Entwicklung er durchmacht. Es gibt zum Beispiel eine Szene mit Rubin als elfjährigem Jungen. Darin attackiert er einen Mann, der einen seiner Freunde belästigt hat. Im Drehbuch stand nur »Er sticht auf ihn ein«, aber nicht, wohin und wie schlimm. Im Film sieht man jetzt, wie Rubin dem Mann mit einem Klappmesser eine Wunde am Arm zufügt.
SPIEGEL: Tatsächlich war es wohl so, dass er den Mann fast umgebracht hat.
Washington: Wissen Sie das so genau? Jedenfalls war es die Entscheidung des Regisseurs, die Szene so zu inszenieren.
SPIEGEL: Kannten Sie Carters Fall, ehe Ihnen die Rolle angeboten wurde?
Washington: Nein, ich wusste nichts darüber, bis mich einer der Produzenten 1992 ansprach. Dann habe ich mich mit ihm getroffen und bin nach Toronto geflogen, um Rubin und seine kanadischen Freunde kennen zu lernen. Aber vorher hatte ich noch nicht einmal das legendäre Lied von Bob Dylan gehört.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Fälle wie der Rubin Carters heute noch passieren?
Washington: Ja, selbstverständlich. Es gibt hunderte, wenn nicht tausende von fälschlich Verurteilten, von denen niemand etwas weiß, weil sie nicht Rubins Bekanntheitsgrad haben.
SPIEGEL: Rubin Carter wurde Opfer des Rassismus. Hat sich in den USA die Lage in den letzten 30 Jahren verbessert?
Washington: Ich weiß, dass das, was Rubin damals widerfahren ist, heute noch geschehen könnte. Ich weiß, dass heute ein Drittel aller jüngeren schwarzen Männer in den USA mit dem Gefängnissystem in Berührung gekommen sind - was in den sechziger Jahren nicht der Fall war. Aber ich weiß auch, dass es viele Verbesserungen gegeben hat. Ich möchte gern glauben, dass es heute größere Chancen gibt, gegen Diskriminierung zu protestieren. Unser Film ist ein Beispiel dafür. Ich glaube nicht, dass ein Film wie »Hurricane« vor 30 Jahren hätte gedreht werden können. INTERVIEW: SUSANNE WEINGARTEN