Fernsehen »Es wird langsam knapp«
SPIEGEL: Erfundene TV-Berichte, lügnerische Selbstdarsteller und unechte Psychowracks in Talkshows - sind Fälscher die besseren Entertainer?
Meiser: Mir hat noch niemand einen Betrüger unter meinen Gästen nachgewiesen. Darauf sind mein Team und ich ein bißchen stolz. Die Redakteure besuchen vor der Sendung die Eingeladenen zu Hause. Wir wissen, wie die Wohnzimmer aussehen, wir recherchieren im Bekanntenkreis. Wir arbeiten mit Interessenverbänden und Selbsthilfegruppen.
SPIEGEL: Neulich hatten Sie Luxusfrauen eingeladen. Gibt''s für die jetzt Selbsthilfegruppen?
Meiser: Wenn eine Frau sich als Luxusweib ausgibt und im Zobel herumläuft, dann sieht man doch, ob sie sich damit bewegen kann. Oder ob sie sonst nur löchrige Jeans trägt.
SPIEGEL: Ein falsches Luxusweib nimmt der Zuschauer vielleicht noch hin.
Meiser: Bei dem Thema wäre eine Hochstaplerin in der Tat nicht so schlimm. Wenn uns dagegen jemand bei Themen wie Abtreibung oder Mietstreit aufs Kreuz legen würde, sähe es viel böser aus. Es versuchen immer wieder Leute, uns einen reinzusemmeln.
SPIEGEL: Wie der dubiose Lachsack-Erfinder Walter Thiele. Der kam in Ihre Sendung, weil er eine ziemlich seltsame Vorsorge treffen wollte. Der 74jährige suchte per Anzeige einen Heiratskandidaten für seine Gattin. Thiele behauptete, er wolle nach seinem Tod Frau und Vermögen in guten Händen wissen.
Meiser: Ich hatte über die Annonce in der Zeitung gelesen und dachte zunächst einmal, das ist zwar merkwürdig, aber vielleicht ist das eine neue Art des Lebensgefühls.
SPIEGEL: Da waren Sie nicht der einzige: Mehrere Fernsehsender stürzten sich auf den Mann. Zum Beispiel Ihre Sat-1-Konkurrentin und künftige Kollegin Margarethe Schreinemakers.
Meiser: Margarethe und ich hatten eine Absprache getroffen. Sie hatte Thiele zuerst und machte einen Hinweis: nächsten Montag bei Hans Meiser.
SPIEGEL: Frau Schreinemakers wurde nicht mißtrauisch bei Thieles Geschichte, er sei mehrfacher Millionär und ein Wohltäter, obwohl ihre Redakteure den angeblichen Millionär in einer Mietwohnung antrafen.
Meiser: Die hat ja nicht soviel Zeit bis zu und in ihrer Sendung. Wir konnten zum Glück gründlicher und vorsichtiger sein. Die Redaktion hat vier Tage lang Herrn Thiele hinterherrecherchiert, und ich hatte nach deren Ergebnissen den Eindruck, daß der Mann lügt.
SPIEGEL: Trotzdem durfte er in Ihrer Sendung auftreten.
Meiser: Ich bin kein Richter. Außerdem kann man vor so jemandem warnen, indem man ihn im Studio präsentiert. Der Mann war am Ende ganz nervös, und wir mußten ihn in den Werbepausen ständig nachpudern.
SPIEGEL: Kann es sein, daß den Talkshows die potentiellen Gäste ausgehen?
Meiser: Wenn ich Ende dieses Jahres insgesamt 1000 Sendungen gemacht habe, werde ich etwa 10 000 Gäste im Studio gehabt haben. Ja, es wird langsam knapp.
SPIEGEL: Bei der Fülle von Plaudersendungen wird bald jeder Deutsche mal in einer Talkshow aufgetreten sein.
Meiser: Die Kriterien für die Auswahl unserer Gäste haben sich seit Sendebeginn 1992 nicht geändert. Wir laden - mit wenigen Ausnahmen - nur solche ein, die noch in keiner anderen Talkshow waren. Es kommt aber schon ab und zu vor, daß zwei oder drei Headhunter verschiedener Sendungen denselben Menschen einladen wollen.
SPIEGEL: Kein Wunder. Dieselben Themen kehren auf verschiedenen Sendern immer wieder: Ältere Frau liebt jüngeren Mann, Fremdgehen, Ehekrach.
Meiser: Wir sind mit diesem Konzept die ersten in Deutschland gewesen. Ich wäre froh, wenn der Konkurrenz etwas anderes eingefallen wäre.
SPIEGEL: Warum denn? Die wollen doch genauso erfolgreich sein wie Sie.
Meiser: Na klar, und wenn ich mir unsere Quotenhits mit vier bis fünf Millionen Zuschauern ansehe, sind das alles normale, fast Puddingthemen: »Geschwister von Prominenten«, »Mit den Waffen einer Frau - Racheengel«, »Streit ums Haushaltsgeld«.
SPIEGEL: Diese Sendungen liefen 1993 und 1994 bei weniger Konkurrenz. Jetzt reden auch andere nachmittags mit. Da wird es auch bei den Gesprächsstoffen schwieriger.
Meiser: Die Themen werden schriller. Heute läuft doch bei manchen sogar etwas wie »Helfen Haferflocken bei Fußpilz?«
SPIEGEL: Viel verschämter sind Sie auch nicht: Wir erinnern uns an die Sendung über Paare, die nicht zueinander passen.
Meiser: Bei uns blieb die Geschmacksgrenze gewahrt. Ich erinnere mich, er war 1,96 groß, sie 1,48. Die Regisseurin hatte die Idee, die sollten mal kurz während der Sendung aufstehen. Da habe ich nein gesagt, weil das wie vorgeführt ausgesehen hätte. Außerdem gab es einen Einspielfilm aus deren Wohnzimmer, wo man den Größenunterschied deutlich sah. Im Studio fand ich das zu gestellt.
SPIEGEL: Die Wirklichkeit der Talkshows, auch die Ihrer, hat Züge von Scherz, Satire und niederer Bedeutung: »Wir kriegen euch alle - wenn Frauen flirten«.
Meiser: Was ist denn die normale Wirklichkeit? Wer will sich erdreisten, das zu definieren? Als ich eine Voodoo-Sendung gemacht habe und jemand aus Kassel behauptete, er könne einen anderen am Bodensee mit Gedanken von einem Fluch befreien, dann stehen ich und mindestens fünf andere Leute im Studio da und grinsen. Aber ob man dem glaubt, muß jeder Zuschauer selbst entscheiden.
SPIEGEL: Ins Fernsehen darf alles, was der Fall ist? Oder ziehen Sie eine Schamgrenze?
Meiser: Ja, zum Beispiel wenn die amerikanische Kollegin Oprah Winfrey über Geschlechtsverkehr talkt. Meine Frau und ich haben uns das viermal angesehen, weil wir es einfach nicht glauben konnten. Da sitzt ein Pärchen, und der Mann erzählt, wie er es anderthalb Stunden vor der Niederkunft getan hat und dann das Fruchtwasser herauslief. Das finde ich geschmacklos, eine solche Sendung würde ich nie machen. Auch Inzest wäre kein Thema für mich, also etwa Vater und Tochter zusammenbringen _(* Mit Gelegenheitsstrippern. )
und die Tochter sagen lassen: »Du hast mich vergewaltigt.« Und der Vater antwortet: »Aber nur einmal.«
SPIEGEL: Was treibt denn überhaupt Menschen dazu, ihr Intimstes vor der Kamera auszubreiten?
Meiser: Das Motiv ist manchmal ganz simpel: Ich will ein Star sein.
SPIEGEL: Aber der sind Sie doch. Wie stellen Sie sich auf Geltungssucht und Redefluß der Eingeladenen ein?
Meiser: Die Kollegen geben mir vor der Sendung eine Art Psychogramm jedes Gastes. Da steht: schwafelt, schweift ab, ist maulfaul, weint leicht.
SPIEGEL: Sie mögen keine Tränen?
Meiser: Ob Sie es glauben oder nicht, meine Regisseurin hat strikte Anweisung, bei Tränen umzuschneiden.
SPIEGEL: Warum?
Meiser: Das ist mir zu intim. Wenn jemand in seinem persönlichen Leid dasitzt und in Tränen aufgelöst ist, dann muß ich den Kopf nicht noch bildschirmfüllend zeigen.
SPIEGEL: In Ihrer Live-Sendung über Abtreibung, die in der vergangenen Woche ausgestrahlt wurde, verlor eine Frau die Fassung.
Meiser: Ja, sie ist 29 und hatte das zweite Mal abgetrieben, nachdem sie von ihrem Lebenspartner vergewaltigt und geschwängert worden war. Meine Kolleginnen, die vorher mit ihr gesprochen hatten, waren sicher, daß sie ihre Gefühle unter Kontrolle halten könne. Aber dann brach alles wieder in ihr auf, und wir haben sie aus dem Bild genommen. Während der Werbepause habe ich ihr angeboten, das Studio zu verlassen, aber sie wollte nicht. Sie hat noch hinterher bitterlich geweint. Mit dem Zusammenbruch hatten wir nicht gerechnet.
SPIEGEL: Und jetzt rufen mitleidige Menschen bei der Frau zu Hause an?
Meiser: Nein, bei intimen Themen nennen wir nur die Vornamen, um die Leute zum Beispiel vor anonymen Anrufern zu schützen. Ganz am Anfang durften sich Gäste mit Perücke, Sonnenbrille und angeklebtem Bart maskieren. Brillen und Perücken können sie immer noch tragen, aber es wird kein Bart mehr angeklebt und kein Weißer mehr schwarz geschminkt.
SPIEGEL: Kollegen aus der Branche benutzen Milchglasscheiben.
Meiser: Das kommt bei mir nicht in Frage. Da könnte ich ja meine Mitarbeiter hinsetzen. Das würde viel Geld sparen und wäre vielleicht sogar eine gute Sendung. Aber Betrug. Y
* Mit Gelegenheitsstrippern.