Es wurmt - DER SPIEGEL
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THEATER Es wurmt

Die Berliner Schaubühne, die viel von ihrem Glanz verloren hat, bekommt 1988 einen neuen künstlerischen Leiter: Jürgen Gosch. *
• aus DER SPIEGEL 21/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als das Riesenspielzeug vollendet war, hatten die Spieler, für die es gebaut wurde, den Abenteuerschwung oder die Kraft verloren, um damit die Welt in Erstaunen zu setzen. Der 80-Millionen-Bau der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz, eingerichtet für das

berühmteste, höchstsubventionierte deutsche Privattheater, ist im Herbst 1981 fast lustlos in Betrieb genommen worden, beiläufig, ganz ohne Donnerschlag.

Und Donnerschläge sind auch seither rar geblieben in diesem Haus, das dem Theater den Weg ins 21. Jahrhundert weisen sollte. Wenn Jürgen Gosch vom Hamburger Thalia Theater die Schaubühne von 1988 an übernehmen soll, wird er dann anknüpfen können an jene staunenerregend kühnen, kraftvollen Theaterabende, die die Schaubühnen-Truppe in den 70er Jahren der Kärglichkeit ihres alten Quartiers abgetrotzt hatte? Oder wird der Niedergang der Renommierbühne sich fortsetzen?

Nachdem vor 14 Tagen das Berliner Theatertreffen begann, die jährliche Spitzenschau deutschsprachiger Inszenierungen, mußte der Kritiker Friedrich Luft geschmerzt feststellen: »Berlin ist Neese!« Daß Produktionen des Schiller-Theaters oder der Freien Volksbühne den Beifall der Jury fänden, hatten auch strammste Berliner Theaterpatrioten nicht erwartet. Aber doch die Schaubühne! Nein, dieses Jahr nicht einmal die. Luft: »Es wurmt.«

Auch die Großmeister Klaus Michael Grüber, Peter Stein, Luc Bondy, so muß die Jury befunden haben, schaffen die Wunder nicht mehr, von denen man einst geschwärmt hat: Man überging ihre letzten Taten zugunsten einiger Newcomer aus der Provinz.

In ein paar Monaten kann die Berliner Schaubühne ihr 25jähriges Bestehen feiern. Doch der Schaubühnen-Ruhm ist ein Stück jünger, er begann 1970, als die Stadt Berlin den Zuschuß für die tapfere linke Kreuzberger Kleinbühne um eine gute Million aufstockte, um dem Regisseur Peter Stein und seinem verschworenen Schauspieler-Trüppchen ein eigenes Haus zu verschaffen. Die siebziger Jahre, das war das Jahrzehnt des Erfolgs, des Weltruhms, inzwischen längst Legende - von »Peer Gynt« über den »Prinzen von Homburg« und die »Sommergäste« bis zur »Orestie«.

Das war Peter Steins Werk. Er war der King, auch wenn das Kollektiv-Statut ihm keineswegs Intendantenallmacht einräumte; er konnte seine Führungsrolle immer lässig bagatellisieren, weil sie immer unangefochten war. Sein ursprünglicher Co-Direktor Claus Peymann war schon in der ersten Saison weg vom Fenster; und fortan ließ Stein neben sich nur Regisseure ganz anderen Temperaments glänzen, Traumtänzer, Magier, kostbare Paradiesvögel wie Grüber Wilson und Bondy.

Doch mit dem lang ersehnten Traumschiff, dem technisch gloriosen Bau am Lehniner Platz, der wie ein Luxusdampfer seinen gewölbten Bug dem Ku'damm entgegenreckt, ist Stein nicht glücklich geworden. 1984 kündete er seinen Abgang von der Kommandobrücke an.

Was Stein empfand, läßt sich verstehen: Er war der Gipfelstürmer, der keinen unbezwungenen Achttausender mehr vor sich sieht, der Virtuose, der, als er alles kann, nicht mehr weiß, wozu es gut sein soll, müde der tausendfach bewährten Tricks, von der eigenen Brillanz angeekelt.

Als Stein ging, wollte die Schaubühne nicht einen Nachfolger von außen holen. Luc Bondy, Jahrgang 1948, rückte vor zwei Jahren ins Direktorium ein: Kein deutscher Zupacker und Macher wie Stein, sondern ein schweizerisch-französisches Weltkind, ein glücklicher Hasardeur ohne Herrschaftsehrgeiz und ohne zweihundertprozentige Identifikation mit dem Betrieb.

Er war wohl nie der Mann, den Dampfer, der längst nur noch dahindümpelte, wieder in Fahrt zu bringen. Er hat als Regisseur zuletzt (mit Ostrowskis »Ein heißes Herz") Pech gehabt, er hat Karriereträume fern von Berlin weitergesponnen und seit einer schweren Krankheit im letzten Herbst die ungeliebte Chefrolle kaum noch gespielt. Eben, bei den Filmfestspielen in Cannes, wurde in französischer Sprache sein Arthur-Schnitzler-Film »Das weite Land« uraufgeführt.

Nun holt sich die Schaubühne (Jahressubvention derzeit über 17 Millionen Mark) doch Hilfe und Stärke von außen: Im Management-Flügel kommt Hans J. Ammann, 33, dazu, bisher Intendant in Konstanz, und auf dem Kunst-Flügel Jürgen Gosch, 43.

Gosch ist einer von diesen strengen, intellektuell durchtrainierten Theatermachern aus der DDR, ohne deren Zustrom der westdeutsche Betrieb noch viel breiiger wäre, als er ohnehin schon ist. Goschs Regiekarriere in der DDR war kurz und mit dem ersten durchschlagenden Erfolg, einer frechen »Leonce und Lena«-Version 1978 an der Ost-Berliner Volksbühne, auch schon zu Ende. So hat der daheim in Ungnade Gefallene im Westen gastiert, in Hannover, in Bremen, seit 1981 ständig in Köln, dann in Hamburg, und doch lang an der Hoffnung auf Heimkehr festgehalten. Seit zwei Jahren, seit auch Frau und Kind die Ausreise-Erlaubnis bekamen, hat er einen westdeutschen Paß.

In der Kölner Zeit sind Gosch zwei hinreißend deutliche, theaterkräftige Inszenierungen gelungen, der »Menschenfeind« von Moliere und der »Ödipus« von Sophokles, die dann in Hamburg, beim Berliner Theatertreffen und auf anderen Festivals bejubelt wurden (für seinen »Ödipus« bekam Gosch als erster den »Europäischen Theaterpreis« auf der Theater-Biennale von Venedig).

Doch ein Showmann ist Gosch weiß Gott nicht, bei ihm wird nicht mit Glamour aufgebügelt und kein schwieriger Text unter Wert preisgegeben, und so hat er seinem Publikum oft auch langwierige, sperrige, grimmig glanzlose Seancen verordnet. Sein Theater ist Konzentrationsarbeit eines Asketen, eines Puritaners: Die Schaubühne kriegt, das hat sie noch nie gehabt, einen eher scheuen und schweigsamen, jedenfalls sehr ernsten Steuermann.

Demnächst werden sich Schaubühnen-Vergangenheit und Schaubühnen-Zukunft auf dem eleganten Parkett der französischen Klassik begegnen: An der Schaubühne will Peter Stein im Oktober Racines »Phädra« inszenieren, Luc Bondy im November Molieres »Menschenfeind«, und Jürgen Gosch, noch für das Hamburger Thalia Theater, bereitet »Horatius« von Corneille vor.

Mit voller Kraft zurück ins 17. Jahrhundert, so heißt also erst mal der Kurs des Dampfers, der doch vorausfahren wollte ins 21. Die Jury für das Theatertreffen 1988 wird schon die Gläser putzen.

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