Eulenaugen - DER SPIEGEL
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Eulenaugen

Reinhard Kaiser: »Der Zaun am Ende der Welt«. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt; 136 Seiten; 29,80 Mark.
• aus DER SPIEGEL 10/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie kriegt man Kinderglauben und Adorno, Hegel und Hecht blau, den Heidedichter Arno Schmidt und den Nordpolforscher Cook unter einen Hut? Und wie stülpt man diesen über ein ewiges Menschheitsthema? Mit gezinktem Ernst, wie sonst.

Reinhard Kaiser, 39, der im Hauptberuf anderer Leute Bücher übersetzt, von Neil Postman bis Groucho Marx, meldet sich hier erstmals mit eigenen Worten zu Wort. Das große Thema ist einem Literatur-Debütanten angemessen: Es geht um das Ende der Welt.

Nicht um das zeitliche, wohlgemerkt, sondern um das räumliche, um den Ort eben, wo »die Welt mit Brettern vernagelt« ist und der Mensch steht wie der Ochs vorm Berge; ein alter Gärtner hatte Kaiser, als er noch ein Däumling war, von dieser Grenze erzählt.

Das Kindheitsrätsel, zeigt sich, ist ein Stoff zum Träumen, Kombinieren; der Bretter-Metapher wachsen, wenn kennerische Ironie sie dreht und wendet, unvermutet Flügel, Krallen, Eulenaugen. Resultat: eine kurios blitzende Naturgeschichte des Wesens, das mit dem Kopf durch die Wand will.

Das lockende Ende der Welt kann beispielsweise der Nordpol sein. Oder es liegt, als »Herz der Finsternis« (Joseph Conrad), irgendwo tief im Dschungel.

Als Alexander der Große sich auf seinem Zuge am Ende der Welt wähnte, stieß er auf einen Jungbrunnen, in dem gepökelte Fische lebendig wurden. Kaiser-Schnitt zu Adorno: Der aß einmal genießerisch Hecht blau im österreichischen Ort »Fischamend«, völlig unberührt davon, daß ihn der asketische Georg Lukacs zu den Verdammten des »Grandhotel Abgrund« zählte.

So schießt Kaisers Buch wie ein Weberschiffchen von einem zum anderen Ende der Erde. Deren Kugelform freilich hindert, jemals an ein Ende zu gelangen, was Arno Schmidt verzweifelt fragen ließ: »Wo soll man denn hinfliehen?« Die »Flucht vor dem Ende der Welt ans Ende der Welt« (Kaiser) muß eine Chimäre bleiben.

Kaisers schwereloses End- und Denkspiel, als Genre eine Rarität im deutschen Rechtschreibwesen, läßt sich von Autoritäten nicht zu Boden ziehen: »Die Welt ist nirgends mit Brettern zugenagelt«, hatte Hegel dekretiert. Aber Philosophen können es sein.

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