Experiment 271 - DER SPIEGEL
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Raumfahrt Experiment 271

Mit Drahtschere und Brecheisen reparierten die »Skylab«-Astronauten ihr 2,6 Milliarden Dollar teures Himmmelshaus.
• aus DER SPIEGEL 24/1973
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Kaum war die Apollo-Fähre, vor gut zwei Wochen. in die Umlaufbahn eingeschwenkt. da meldete sich Kommandant Charles Conrad aus der Kapsel: »Wir reparieren alles.« Amerikanisches Handwerkerethos« Jahrgang 73.

Nacheinander übten sich Conrad und seine Begleiter, der Arzt Joseph P. Kerwin und Kopilot Paul 1. Weitz, in verschiedenen Berufen: als Elektriker (weil beim Andocken der Apollo-Kapsel an das Himmelslabor Skylab anfänglich der Koppelmechanismus bockte); als Sonnendach-Konstrukteure (um die 2,6-Milliarden-Dollar-Raumstation vor dem Hitzetod zu retten); als Feinmechaniker (als es galt, die Feineinstellung des Sternenteleskops zu reparieren); und schließlich noch als Raumklempner und Brechstangen-Amateure -als sie am Donnerstag letzter Woche, um die Energienot zu beheben, das ursprünglich verklemmte Sonnenpaddel freizurrten (siehe Photo Seite 136).

270 Experimente, so kommentierten irdische Beobachter, habe der Skylab-Flugplan ursprünglich vorgesehen -- doch dieses, das 27L, sei nun das eigentlich wichtige: Die Astronauten hätten gezeigt, wozu der Mensch in der feindlichsten Umwelt, 435 Kilometer über der Erde, fähig sei.

400 Pfund Extra-Nutzlast hatten die drei Astronauten in ihrer Apollo-Kapsel mit nach oben genommen: Werkzeug in verschiedenen Varianten, vom Sonnenschirm-Mechanismus, der hernach die metallen glänzende Folie über Teile des Skylab-Rumpf es spannte, bis hin zu Brechstangen und Drahtscheren in mehreren Größen. Doch auch die Knochensäge, die mit Kerwins Notarzt-Besteck schon im Skylab verstaut worden war, wurde als mögliches Hilfsmittel beim Angriff auf das verklemmte Sonnenpaddel in Betracht gezogen.

Auf erträgliche 28 Celsius-Grade (von vorher zeitweilig mehr als 50 Grad) war die Temperatur gesunken, als die Raumhandwerker dann in ihrem 28-Tage-Domizil heimisch zu werden suchten. Wider Erwarten bereitete die bis dahin nie gekannte Bewegungsfreiheit den drei schwerelos Schwebenden mehr Vergnügen als Probleme.

Ein aus der Raumstation übertragenes TV-Programm, untermalt von der Leitmelodie des Weltraum-Thrillers »2001«, bewies es: Conrad und Kerwin, beide in Shorts, hüpften, schlugen Kobolz und Rad unter dem Kuppeldach des Raumlabors, und Weitz »glitt umher wie ein Haifisch« ("Newsweek").

»Keiner von uns«, meldeten die Skylab-Bewohner, »ist seekrank geworden.« Mit Brustschwimmbewegungen könnten sie sich spielend leicht durch die Raumstation bewegen, man stoße nirgendwo hart an, und wenn man sich gezielt wegdrücke, dann gehe der Schwebeflug »geradezu superschnell«.

Erprobt wurde unterdes auch eine Gangart, über die Astronauten und Betreuer vorher heftig diskutiert und sogar gewettet hatten -- ob sie im Skylab möglich sein werde oder nicht: Wie Motorrad- »Todesfahrer« » die sich auf dem Rummelplatz mittels Zentrifugalkraft sicher in einen Rundkurs entlang der Seitenwände treiben lassen, so rannten Conrad und Kollegen über die zylindrische Wandung des »Workshop«. Auch in dem relativ kleinen Laufkreis von sechs Meter Durchmesser erzeugten sie genügend Fliehkraft, um auf den Beinen zu bleiben.

Anpassungsfähig zeigte sich auch das menschliche Gehirn, zum Beispiel beim Auseinanderhalten von oben und unten im Zustand der Schwerelosigkeit. Das Gehirn, so fand Mediziner Kerwin, kommandiert sich dabei selbst. »Wenn du deinen Körper um 90 oder auch 180 Grad schwenkst und deinem Gehirn sagst: »Das soll jetzt oben sein«, dann folgt es diesem Befehl innerhalb von zwei Sekunden -- »Okay' das ist jetzt oben.«

Probleme gab es auch von der harmloseren Sorte. Conrads erster Versuch, das Vakuum-Klo zu benutzen, endete mit einem »kompletten Versagen«. Als er schwitzend und mit sich immer wieder lösenden Anschnallgurten auf dem Trimm-Dich-Fahrrad vom Sattel rutschte, kam er sich vor »wie ein Cowboy auf einem nicht zugerittenen Pferd«. Und auch vom Umweltproblem Lärm blieben die Astronauten nicht verschont. Klagte Conrad: »Wenn man im Wohntrakt schwebt, und außenbords zündet gerade eine der Steuerdüsen, dann meint man, jemand schlägt mit dem Vorschlaghammer gegen die ganze Kiste.«

Unterdes war auch die wissenschaftliche Ausbeute der Skylab-Bewohner schon bemerkenswert. Beispielsweise entdeckten sie ein Loch in der Sonnenhülle, das irdische Beobachter noch niemals hatten sehen können. Doch die Arbeit mit dem 121 Millionen Dollar teuren Bord-Teleskop und mit den nicht viel weniger aufwendigen Erdbeobachtungsgeräten schien erneut gefährdet, als vorletzte Woche auch noch zwei von den 18 Bordbatterien ausflippten -- Energiekrise Nummer zwei.

Sie zu beheben, wagten Conrad und Kerwin am Donnerstag letzter Woche das bislang kühnste Manöver einer Raumschiff-Crew. Mit der Drahtschere am superlangen Griff zerschnitten sie den Haltebolzen, durch den das zweite, noch intakte Sonnenpaddel sich am Rumpf verklemmt hatte.

* Am Eßplatz ihrer Raumstation.

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