MEDIZIN Fahnder im Knochenmark
Die bösartige Geschwulst war nach mehrstündiger Arbeit aus den Darmschlingen entfernt. Doch der Chirurg am Hamburger Universitäts-Krankenhaus Eppendorf dachte noch nicht daran, sein Handwerkszeug beiseite zu legen.
Assistiert von einem Nuklearmediziner, suchte er mit einer leicht in der Hand liegenden Spezialsonde, die einem Geigerzähler ähnelt, nach weiteren Absiedlungen des Tumors - und hatte Erfolg: Auch eine mit bloßem Auge kaum sichtbare Tochtergeschwulst in der Leber wurde die Patientin los.
Noch immer sterben die meisten Krebspatienten, so ein gängiges Wort unter Medizinern, »nicht an der Primärgeschwulst, sondern an den Metastasen«, den Ablegern des Tumors. Die schon ausgestreuten Tochtergeschwülste bleiben bei der Operation unentdeckt im Körper zurück - auch wenn der Chirurg den Tumor bis »tief ins Gesunde« herausschneidet. Zudem können bei vielen Patienten kaum wahrnehmbare Metastasen oder einzelne ausgestreute Tumorzellen im Körper zirkulieren - unauffindbar mit den üblichen Diagnosemethoden.
Die im Blut oder der Lymphflüssigkeit umherstreunenden Miniagenten können die tückische Zellbotschaft verbreiten und Krebskolonien in entfernten Organen oder in den Knochen bilden. So etwa meldet sich bei jeder zweiten Frau, die wegen eines Krebsknotens in der Brust operiert wurde, innerhalb von fünf Jahren die Geschwulst in Form von Fernmetastasen zurück.
Mit zwei neuartigen Verfahren, die derzeit in Hamburg und Augsburg erprobt werden, könnte die Jagd auf die heimtückischen Krebsnester in Zukunft erfolgreicher verlaufen:
Zum Operationszeitpunkt schon vorhandene Tochtergeschwülste, die der Chirurg während des Eingriffs im Wirrwarr von Gewebe, Blut und Eingeweiden leicht übersehen könnte, lassen sich vor oder während der Operation mit speziellen Pfadfindersubstanzen sichtbar machen ("intraoperative Immunszintigraphie").
Mikrometastasen oder einzelne Tumorzellen können mit Hilfe spezieller Tests an einer potentiellen Vermehrungsstelle, im Knochenmark, aufgespürt werden, lange bevor sie sich in einen raumgreifenden Zellhaufen verwandelt haben.
Spürhunden gleich, fahnden bei der Hamburger Diagnosetechnik sogenannte monoklonale Antikörper nach Tochtergeschwülsten. Die in einem biochemischen Huckepack-Verfahren transportierten radioaktiven Markierungsstoffe können auch solche Krebsherde enttarnen, die bei herkömmlichen Durchleuchtungsverfahren unentdeckt bleiben.
Sonst leicht zu übersehende Brückenköpfe der Primärgeschwulst, auch wenn sie nicht mehr als zwei Zentimeter Durchmesser aufweisen, lassen sich auf diese Weise markieren. Sie können noch vor der Operation durch Messungen von außen geortet werden. Noch kleineren bösartigen Zellabsiedlungen kommen die Chirurgen mit der neuartigen Sonde während der Operation auf die Spur.
Im Gegensatz zu der Hamburger Neuheit kann die in Augsburg entwickelte Fahndungsmethode fürs erste noch nicht direkt zur Tumortherapie beitragen. Aber auch das von dem Augsburger Onkologen Günter Schlimok (in Zusammenarbeit mit der Uni München) entwickelte und seit Anfang der achtziger Jahre schon an nahezu 1000 Patienten getestete Verfahren bringt die Krebsmediziner einen Schritt voran.
Bisher konnten Krebsknoten im Körper eines Patienten bei allen bildgebenden Diagnoseverfahren frühestens festgestellt werden, wenn sie ein Volumen von rund einem Kubikzentimeter erreicht hatten - in diesem Stadium aber besteht die Krebsgeschwulst bereits aus rund einer Milliarde Zellen.
Demgegenüber hat das in Augsburg entwickelte Suchverfahren ein geradezu phänomenales Auflösungsvermögen: Schon eine einzelne Tumorzelle läßt sich unter 100 000 gesunden Knochenmarkszellen erkennen. Dort aber, im Knochenmark, siedeln sich im Blut umhertreibende Krebszellen mit Vorliebe an.
Mit einem bestimmten, auf gentechnischem Wege herstellbaren monoklonalen Antikörper ("CK 2") lassen sich die ins Knochenmark eingeschleusten Krebszellen sichtbar machen. Die Suchsubstanz reagiert auf Zytokeratin, eine Skelettzelle, die nur in Tumorgewebe, nicht aber in gesunden Knochenmarkszellen vorkommt. Durch ein mit der Suchsubstanz in die Krebszelle geschleustes Enzym wird eine Farbreaktion ausgelöst.
Das Augsburger Suchverfahren besitzt ein erstaunlich hohes Maß an Zuverlässigkeit. So fand der Augsburger Onkologe in einer Gruppe von Frauen, die nach einer Brustkrebs-Operation als geheilt entlassen worden waren, bei fast jeder dritten in den Knochenmarksproben einzelne Tumorzellen. Diese Quote entspricht annähernd der statistisch bekannten Rückfallhäufigkeit bei Brustkrebs - was für die Akkuratesse der neuartigen Suchmethode spricht.
Bestätigt wurde deren Zuverlässigkeit auch durch die nun durchschnittlich schon zweieinhalb Jahre andauernde Nachbeobachtung der betroffenen Frauen. Bei den Patientinnen, bei denen die CK-2-Methode einzelne Krebszellen angezeigt hatte, mußten mehr als 80 Prozent mit einem neuerlichen Krebsbefund ins Krankenhaus. Hingegen wurde nur jede zehnte von diesem Schicksal getroffen, wenn der Test negativ ausgegangen war. Auch bei Patienten, die wegen Magen- oder Darmkrebs operiert wurden, ließen sich ausgestreute Tochterzellen mit der CK-2-Methode relativ zuverlässig entdecken. Wie weit diese frühzeitige Entdeckung von Metastasen therapeutisch genutzt werden kann, steht einstweilen noch dahin.
Gewinn verspricht das Verfahren aber all jenen, bei denen der Test negativ ausgeht: Sie könnten zumindest vor vermeidbarem Schaden bewahrt werden. Bisher mußten sich etwa Brustkrebspatientinnen nach der Operation häufig auf bloßen Verdacht hin einer vorbeugenden Chemotherapie unterziehen, die den Organismus schwer belastet.
Künftig ließe sich diese Behandlung gezielt auf Risikopatientinnen beschränken - auf solche also, bei denen der CK-2-Zelltest des Knochenmarks eine neue Krebsgefahr signalisiert. #