Raumfahrt Faule Eier
Gemessen an der Zahl der Zuschauer schien es, als würde auf Cape Kennedy ein mittelmäßiges Autorennen stattfinden. Nur 100 000 Menschen, weniger als jemals zuvor, beobachteten am Sonnabend vorletzter Woche den Start der Skylab-II-Besatzung -- mit dem 29. Unternehmen schien die bemannte Raumfahrt in den USA endgültig ihre Massen-Anziehungskraft eingebüßt zu haben.
Auch als die Astronauten Alan L. Bean, Dr. Owen K. Garriott und Jack R. Lousma während der ersten Tage ihres geplanten Marathonfluges um die Erde über Schwindelgefühle und Brechreiz klagten, gab es keine sonderliche Aufregung. »Die drei sind eben große Individualisten«, scherzte Raumarzt Dr. W. Royce Hawkins über die Rewegungskranken. Skylab hatte schon größere Krisen durchgemacht.
Doch dann, Ende letzter Woche, war das Interesse wieder da. »Skylab ist in Not« verkündete »Bild«; »Gefangen im All!« textete die- »Hamburger Morgenpost«. Und: »Die Skylab-Männer können aus eigener Kraft nicht mehr zurück.«
Begonnen hatte das vermeintliche Drama, dessen Ablauf aus dem Drehbuch eines Stanley Kubrick hätte stammen können, am Donnerstagmorgen letzter Woche. 25 Minuten vor der normalen Weckzeit waren die Astronauten vom Schrillen einer Alarmglocke aus dem Schlaf gerissen worden. Kommandant Bean, der als erster aus dem Hängeschlafsack gekrochen war, registrierte eine eingefrorene Steuerdüse am angekoppelten Apollo-Raumschiff. Er taute sie mit Hilfe eines automatischen Entfrosters auf und schaltete die Düse ab -wieder einmal schien ein typisches Skylab-Problem behoben.
Für wichtiger hielten die Flugüberwacher im Houstoner Kontrollzentrum zu diesem Zeitpunkt Schwierigkeiten mit der Klimaanlage: Wasserdampf war in die Atmosphäre der Raumstation gedrungen; die Luftfeuchtigkeit war schon zwei Tage lang über dem normalen Wert.
·Wenige Stunden später freilich, als die Computer-Batterien in Houston genauere Auskunft über den Zustand der Steuerungssysteme gaben, leuchteten auch im Johnson Space Flight Center die Alarmlampen auf. Zumindest für einige Stunden planten die Krisenmanager der Nasa, die Astronauten innerhalb der nächsten 24 Stunden zurückzuholen. Denn die abgeschaltete Steuerdüse war schon die zweite, die ausgefallen war.
Den ersten Versager hatte es während des Rendezvous-Anflugs gegeben. Jedesmal, wenn Kommandant Bean die Steuerraketen zündete, wurde durch das rechte Seitenfenster ein Funkenregen sichtbar. »Sieht aus«, berichtete Marine-Major Lousma zur Erde, »als ob wir durch einen Schneesturm fliegen.«
Zwar ist das Apollo-Raumschiff auch mit zwei intakten Steuerdüsen (von insgesamt vier), ja selbst mit nur einer, noch voll manövrierbar -- aber den Technikern in Houston macht der doppelte Ausfall dennoch Kummer. »Wir befinden uns«, so umschrieb es einer von ihnen. »in der Lage einer Hausfrau, die ein Dutzend Eier gekauft hat, von denen sechs verdorben sind. Nun weiß sie nicht, ob die übrigen sechs nicht auch schon angegammelt sind.«
Das Unbehagen der Nasa-Techniker rührte vor allem daher, daß bei beiden Steuerdüsen ein Leck in der Zuführung des Sauerstoffträgers festgestellt worden war. Bis Ende letzter Woche konnten sie noch nicht klären, ob -- möglicherweise durch eine Verunreinigung in dieser Treibstoffflüssigkeit -- auch noch die anderen beiden Steuerdüsen leckgefressen werden könnten. Apollo-Direktor Glenn Lunney: »Zwei gleichartige Probleme geben mehr Anlaß zur Sorge als zwei verschiedene.«
Bislang zählten die Steuerdüsen der Apollo-Raumschiffe, das sogenannte Reaction Control System (RCS), zu den zuverlässigsten Bauteilen. Im Aufbau sind sie äußerst simpel, sie werden ohne jede anfällige Zündmechanik durch das öffnen und Schließen der Treibstoffventile in Betrieb gesetzt oder abgeschaltet. Sobald die beiden Treibstoffflüssigkeiten UDMH (Unsymmetrisches Dimethylhydrazin) und Stickstofftetroxid (als Sauerstoffträger) aufeinandertreffen. entzünden sie sich in den tulpenförmigen Brennkammern der Steuerdüsen von selbst.
Die Aufregung in Houston und auch im Skylab währte nur ein paar Stunden. Schon am frühen Nachmittag entschied Flugdirektor Christopher Kraft, es solle »alles so weitergehen, als hätten wir eine ganz normale Mission«. Falls keine weiteren Schäden vorkommen, würden die Astronauten die vollen 59 Tage im All bleiben.
Als Vorsichtsmaßnahme jedoch kurbelte Kraft zugleich ein Rettungsprogramm an, das seit Beginn des Skylab-Projekts fertig in der Schublade gelegen hatte.
Ingenieure der Raumfahrtfirma North American Rockwell hatten es vor drei Jahren ersonnen. Sie entwickelten ein System, nach dem ein dreisitziges Apollo-Raumfahrzeug innerhalb von acht Stunden in eine Fünf-Mann-Kapsel umgewandelt werden kann (siehe Graphik).
Zugleich erstellten Nasa-Planer für jede einzelne Skylab-Mission einen Raketen-Notfahrplan: Sollte der Ernstfall im All schon am ersten Tag eintreten, so kalkulierten sie damals, könnte die Rettungs-Mission erst 48 Tage später gestartet werden -- so lange dauert es, bis eine neue Saturn IB an den einzigen für diesen Raketentyp geeigneten Startkomplex geschoben, aufgetankt und überprüft werden kann. Aber mindestens zehn Tage würden die Vorbereitungen für einen Rettungsflug auch dann noch dauern, wenn eine Skylab-Mission schon einen Monat währt und die Rakete für die nächstfolgende Besatzung bereits auf der Startrampe auf. gebaut ist.
Da Bean und seine Kollegen jedoch erst sechs Tage unterwegs waren, müssen sie -- sollten sie per Rettungskapsel zurückgeholt werden -- mindestens bis 5. September warten, ehe ihr Entsatzschiff startbereit ist. Dies wird freilich nur der Fall sein, wie William C. Schneider, Chef des Skylab-Programms am Freitag letzter Woche erklärte, wenn noch weitere schwerwiegende Schäden oder gar ein Fehler am Hauptantriebssystem der Apollofähre auftreten sollten.
Die Astronauten im Himmelslabor, offenbar nicht weniger optimistisch als die »Allzweck-Handwerker« der ersten Skylab-Besatzung, zeigten sich »sehr glücklich« über die Entscheidung. weitermachen zu dürfen.
Einer von ihnen war schon einmal bei einer Beinahe-Katastrophe der Raumfahrt dabei gewesen. Jack Lousma saß als Astronauten-Verbindungsmann an der Konsole in Houston, als im Heck des Mondraumschiffs Apollo 13 ein Sauerstofftank explodierte. Lousma war der erste, der damals die klassische Meldung aus dem Weltraum vernahm: »We have got a problem.«