FERNSEHEN / Telemann FAUST-KAMPF
Und so werden sich denn ... in den Archiven die Filmbüchsen stapeln, und Zu jedem festlichen Anlaß wird etwas Passendes auf Lager sein. Zu Ostern Bernanos, zu Pfingsten ein uriger Orff, zum Tag des Baumes 'Der Wildschütz', zum Renommieren Euripides und zu Weihnachten Hanneles Himmelfahrt' ...«, scherzte Telemann vor Jahresfrist (SPIEGEL 13/1959). Heute weiß er, daß es, außer der deutschen Politik, noch einen anderen Bereich gibt, in dem satirische Übertreibung und kurzfristige Vorhersage ein und dasselbe sind: das deutsche Fernsehprogramm.
Fünf Tage nach obzitiertem Scherz nämlich, am Ostermontag des Jahres 1959, wärmte der Bayrische Rundfunk ohne Grund das Weihnachtsmenü von 1956 ("Die Hochzeit des Figaro") auf, heuer servierte er gar schon am Ostersonntag Eingewecktes aus der TV-Ernte von 1957 ("Don Carlos"). Konnte hier noch blinder Zufall im Spiel sein? Und wenn nicht: Welche Methode mochte dahinterstecken, daß ein Sender, der in zwei aufeinanderfolgenden Jahren Oster-Spätdienst hatte, zweimal die Programmnotleine zog - wo doch die kalendarische Beweglichkeit dieses Festes nicht so groß ist, daß man es - etwa infolge allzu frühzeitiger Planung - aus den Augen verlieren könnte?
Die Auskünfte, die Telemann in München-Freimann erhielt, waren, obwohl sich Fernsehdirektor Dr. Münster und sein Chefredakteur Robert Lembke gerade auf Studienreisen befanden, nicht ohne Reiz. Plauderte der Eiskunstlaufexperte Heinz Maegerlein: »Ursprünglich sollte Goethes 'Faust' gesendet werden, aber alle 'Faust'-Aufführungen, die uns angeboten wurden, darunter auch eine aus Wien, waren unbefriedigend.« Und Helmut Hammerschmidt, stellvertretender Stellvertreter des Dr. Münster, ergänzte: »Ich weiß, daß Lembke zweimal wie ein Löwe darum gekämpft hat, am Ostersonntag keine Wiederholung zu bringen. Doch die Programmkonferenz bestand darauf, weil niemand eine bessere Lösung vorschlagen konnte. Außerdem wurde geltend gemacht, daß mindestens eine Million Zuschauer die gelungene 'Don-Carlos'-Inszenierung von Fritz Umgelter noch nicht gekannt haben.«
Woraus wieder mal zu ersehen ist, wie leicht man als alleinstehende Fernsehstation ins Gerede kommt. Was kann der Bayrische Rundfunk dafür, wenn da weit und breit kein »Faust« gegeben wird, der aufs bundesdeutsche Elektronen-Auge paßt? Hätte er sich eigenschöpferischer Fährnis aussetzen und selber einen inszenieren sollen? Und wer wollte es den Programmkonferenzteilnehmern verübeln, daß sie ihre nackte Denkfaulheit in so schmucke Argumente kleideten? Die Ausrede von
der einen Million Noch-Nicht-Kenner ist schließlich so gut wie jede andere.
Freilich: Wenn das Fernsehen heil über künftige Ostern kommen möchte, wird es sich doch noch mal einen »Faust« leisten müssen. »Vom Eise befreit sind Strom und Bäche.. Es gibt da schon recht preiswerte Einstudierungen. Denn wo kein österlicher, weihnachtlicher oder pfingstlicher Mißklang entstehen soll, dort muß wenigstens der Klassiker-Vorrat komplett sein. Der deutsche Fernsehzuschauer hat sich nun mal, verwöhnt von den dienstälteren Unterhaltungsmedien, darauf eingestellt, daß ihm an besonderen Tagen etwas Besonderes geboten wird. Dies bedeutet für den Fernsehdirektor von Welt: Entweder er wird dem alljährlich wiederkehrenden Anlaß durch lagerfähige Saison-Requisiten oder alljährlich wiederkehrende Anstrengungen gerecht.
Schlaue Sender legen ihren Notvorrat so geschickt an, daß es niemandem auffällt, für welchen periodischen Zweck da gehamstert wird. Beispiel: der Südwestfunk, der den Film »Ein gewisser Judas« erstmals an einem 19. November (1958) aufs Programm setzte, um an einem Palmsonntag (1960) behaupten zu können, daß es nicht Sendenot, sondern fromme Absicht gewesen sei, was ihn zur Wiederholung veranlaßt habe. Weniger schlaue Sender, wie zum Beispiel der Süddeutsche Rundfunk, repetieren ihr Oster-Pensum, indem sie »Das Turiner Grabtuch' einmal für den Gründonnerstag (1958), ein andermal für den Karsamstag (1959) anberaumen.
Da nun der Feiertage viele, sonstiger Ansporne zu Fernseh-Hochleistungen jedoch nur wenige sind, und da überdies in den Kuratorien und Gremien Leute sitzen, denen die strikte Einhaltung des Festkalenders wichtiger ist als aller Einfallsreichtum dieser Erde, wird eines Programmkonferenztages auch Faust-Kämpfer Lembkes Löwenherz matter schlagen. Das dürfte spätestens jener Tag sein, an dem das Jahresprogramm unter »einmalige Anschaffungen« abgebucht und das Feiertagsfernsehen in den Rang einer eintönigen Kulthandlung erhoben wird.
Eine andere Möglichkeit wäre noch die, daß unsere Sender im nächsten Jahrzehnt genügend originale Feiertagslabsal produzieren, um im übernächsten einen entsprechenden Einfallsnot-Vorrat ihr eigen zu nennen. Dies allerdings würde bedingen, daß in den Fernsehfunkhäusern wenigstens ein paar Menschen amtieren, die sich vorstellen können, daß jemand an hohen Festen aus Neugier, ja, sogar zum Vergnügen fernsehen möchte.
Merke: »Phantasie ist ein Göttergeschenk, aber Mangel an Phantasie auch« (Christian Morgenstern).