Biographien Faustischer Duft
»Mir behagt an Wagner«, schrieb der 24jährige Friedrich Nietzsche im Oktober 1868, »was mir an Schopenhauer behagt, die ethische Luft, der faustische Duft, Kreuz, Tod und Gruft ...«
Die Stilisierung des 31 Jahre älteren Richard Wagner zum Dürer-Ritter, der für seine Kunst mit Welt, Tod und Teufel kämpft, zum Doktor Faustus also einer neuen welterlösenden Kunst, hielt nicht lange vor: Acht Jahre später, bei den ersten Bayreuther Festspielen, entsetzte sich Nietzsche über den snobistischen Fanatismus der Wagnerianer. Im Herbst 1876 sah er Wagner, das Idol seiner Jugend, seinen »Mystagogen in den Geheimlehren der Kunst und des Lebens«, zum letzten Male.
Als ihm der Komponist der »Götterdämmerung« auf einem Spaziergang im italienischen Sorrent gestand, mit seinem Atheismus sei es aus, sein (letztes Werk) »Parsifal« bedeute die Rückkehr zum Glauben, er habe bei der Feier des Abendmahls »Genuß« empfunden -- da reagierte Nietzsche nur noch mit beredtem Schweigen. »Er entschuldigte sich unvermittelt und ging durch die Dämmerung davon« -- so jedenfalls berichtet in einem jetzt erschienenen Buch* ein neuer Chronist der denkwürdigen Haßliebe zwischen dem Magier der Musikbühne und dem Denker des europäischen Nihilismus: Diet-
* Dietrich Fischer-Dieskau: »Wagner und Nietzsche. Der Mystagoge und sein Abtrünniger. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart: 312 Seiten; 32 Mark.
rieb Fischer-Dieskau, 49, im Hauptberuf Bariton.
Zweifellos ist Fischer-Dieskau der bedeutendste Liedersänger der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit seiner Kurwenal-Partie in Furtwänglers Platteneinspielung von Wagners »Tristan und Isolde« 1952 gilt er auch als überragender Opernsänger.
Wie viele prominente Solisten hat er sich vor kurzem entschlossen, selbst zu dirigieren. Aber auch das genügt ihm nicht: Er tritt als Autor vor die Rampe, er schreibt, er schreibt selbst. Er diktiert auf seinen Reisen, in der Hast und Mühsal des weltweiten Konzert- und Opernbetriebs, der ihm wenig Zeit und noch weniger Muße läßt, Manuskripte vorzubereiten, zu schreiben, zu prüfen.
Sein Bericht über Wagner und Nietzsche ist kein Debüt. Vor drei Jahren erschien ein umfängliches Werk über die Lieder Franz Schuberts die Fischer-Dieskau als erster Sänger vollständig auf Platten aufgenommen hat.
Der Musikkritiker Karl Schumann rezensierte damals in der »Süddeutschen Zeitung": »Hier schreibt eine Dreifachbegabung, die wissenschaftlich verfährt, weitgehend literarisch formuliert und vollends künstlerisch empfindet.«
Bei allem Respekt vor Fischer-Dieskaus musikalischer Integrität urteilte hingegen Englands angesehenste Literaturzeitschrift »The Times Literary Supplement": »Die literarisch-kulturellen Teile des Buches ... sind betrüblich schlecht. Hochtönende Klischees und eine Bildersprache. die sich leicht in unfreiwillig komischen oder unentwirrbar konfusen Metaphern verläuft, stoßen auf Absätze, die sich wie eingemachte Artikel aus Volkslexika oder altmodischen Schulfibeln lesen. Was schlimmer ist: Die mitgeteilten Informationen sind häufig ungenau oder entstellt.«
In seinem neuen Buch nun schreibt Fischer-Dieskau beispielsweise, der Frage nach der »musikalischen Romantik« habe Nietzsche »sein Leben als Philosoph« gewidmet -- eine dilettantische Reduktion« kein bedeutender Nietzsche-Interpret, weder Karl Jaspers noch Martin Heidegger, hat jemals so geurteilt.
Nietzsches »Zarathustra«, behauptet Fischer-Dieskau, »spiegelt die Stoiker in seinem Drängen auf innere Freiheit, auf Stolz und Würde« -- aber Zarathustra ist weder ein zum Selbstmord bereiter Stoiker noch ein liberal-kantianischer Studienrat, sondern Nietzsches Chiffre des »Übermenschen«, mit dem ein neues »tragisches Zeitalter« beginnt: das höchste Ja auch zum äußersten Nein, zu Vernichtung und Leid, die zum Leben gehören.
Fischer- Dieskau wiederholt auch die Behauptung von Nietzsches Schwester Elisabeth die seit Karl Schlechtas Forschungen als Prophetin ihres Bruders entzaubert ist -, Wagner habe im Gespräch mit Nietzsche seinen Stiefvater Ludwig Geyer als seinen Vater bezeichnet. Zwar zweifelte Nietzsche in einer Anmerkung zur ersten Nachschrift seiner Polemik »Der Fall Wagner« daran, daß Wagner ein »Deutscher« gewesen sei -- und der Stiefvater gilt der Geyer-Legende als Jude, aber es ist durch nichts erwiesen, daß Wagner Nietzsche dergleichen anvertraut hat.
Im Gegenteil: Wagner-Biograph Curt von Westernhagen führt eine Tagebuchstelle von Wagners Frau Cosima an, die ihren Mann am 26. November 1878 fragte, ob Geyer sein Vater gewesen sei. Wagner erwiderte: »Das glaube ich nicht -- meine Mutter hat ihn geliebt -- Wahlverwandtschaften.« Der entscheidende Punkt ist also die angeblich jüdische Herkunft des Antisemiten Richard Wagner. Fischer-Dieskau verweist denn auch auf den Biographen Robert Gutman, der »mit Recht« geschrieben habe, »daß nichts besser als Wagners wütender Antisemitismus ... das Wissen um seine jüdische Abkunft bezeuge«.
Gutman mußte jedoch zugeben, was die Familienforschung zweifelsfrei erwiesen hat und was Fischer-Dieskau verschweigt: »Ironischerweise ist es der Forschung bisher nicht geglückt, auch nur einen einzigen Juden in Geyers Stammbaum nachzuweisen.«
Fischer-Dieskau scheint ebenso. wenn auch halbherzig, die Bayreuther Legende zu akzeptieren, ein Freund Nietzsches, der »radikale Israelit« Dr. Paul Rée, habe Nietzsches Abfall von Wagner mitverschuldet. Die »Loslösung« von Wagner, so Fischer-Dieskau, falle jedenfalls zeitlich mit der neuen Freundschaft zusammen -- außerdem wiege »der Einfluß des Skeptikers (Rée) um so schwerer«, weil Nietzsche, man denke, in seinem damals neuen Buch »Menschliches, Allzumenschliches« nicht mehr das »Genie« verherrlicht habe.
Vergessen ist hierbei freilich die Tatsache, daß eine alte Freundin Nietzsches und der Wagners, Malwida von Meysenbug, mit ihrem gesunden Menschenverstand R& einen braven, harmlosen Menschen genannt hat. Fischer-Dieskau muß das zumindest in der Wagner-Biographie des verstorbenen Ludwig Marcuse gelesen haben -- die er offenkundig sehr, sehr gründlich, bis in die Diktion hinein, studiert hat aber er geht darüber hinweg.
Mit rührender Freude am Detail und dann wieder mit überraschend flotten Formulierungen hingegen schildert er das Leben seiner Heroen. So läßt sich Nietzsche für die erste Begegnung mit Wagner einen neuen Anzug machen. aber der Lieferant will ihn dem Wartenden nur gegen Sofort-Bezahlung überlassen. Der zornige »Nietzsche kämpfte im Hemd«, erfolglos: »Dann stürmte er in den Abend hinaus, ohne Frack, aber in Hochspannung.«
Nach dem Militärdienst er »ertrug das Unvermeidbare mit Anstand und Schopenhauer« -- ereilt ihn bei Gischer-Dieskau seine Bestimmung so: »Es wurde Nietzsches Schicksal, Idole zu stürzen.«
Die Grundsteinlegung für Wagners Festspielhaus in Bayreuth 1872 beschreibt der Autor: »Am Morgen des so feierlich plazierten Festaktes regnete es auf Bayreuths Grünen Hügel. Die Kunstbegeisterten und die auf ihr Mäzenatentum Stolzen spannten die Schirme auf. Über den aufgeweichten Boden hatte man Bretter gelegt, und Sänger, Dirigenten. Presse, politische Prominenz und Verehrer des Wagner-Werkes mögen sich als Märtyrer für den heiligen Zweck vorgekommen sein.«
Nicht als Märtyrer fühlte sich Fischer-Dieskaus Held offenbar im Sommer 1876 während der ersten Bayreuther Festspiele: »Wenn der Bayreuth-Besucher Nietzsche im Garten hinter Malwidas (von Meysenbug) dortigem Haus saß und seine Milch trank, ließ er die Gastgeberin nichts von seinen inneren Kämpfen merken; war doch das Haus auch fast immer von Menschen erfüllt.«
Nicht nur das scheint Nietzsche während der Festspiele verärgert zu haben: »Die Menschen, auf die es ankam, wurden inmitten der eleganten Toiletten und Brillanten kaum bemerkt.« Außerdem war die Organisation im Festspielhaus schlecht·. »Um jedes Schinkenbrot entstand in den Pausen ein Handgemenge.« Kein Wunder also: »Nietzsches Mißbehagen beschränkte sich nicht auf die Ästhetik, auch seine Gesundheit hatte sich wieder verschlechtert.«
Wen überrascht da noch, daß »Nietzsches Daseinsform« sich fortan »zur ständigen Unruhe, zur Suche nach dem seelisch und körperlich Zuträglichen gestaltete«?
So ließ sich neues Mißbehagen nicht vermeiden: »Ungeduld ergriff ihn, wenn man seine Stimme in einer Zeit nicht hörte, in der Weltflucht und Dekadenz Orgien feierten. Niemand mit Lust und Fähigkeit war zu entdecken, das aufsteigende und niedergehende Leben noch zu begreifen.«
Aber Nietzsche« Fischer-Dieskau versichert es, »erkannte auch mit Sorge, welches Unheil« seine Philosophie »in den Hirnen von Unwürdigen anrichten mochte«, hatte er doch schon einmal, mit der. Verehrung Wagners, »deutsche Untugenden wie Unklarheit, Schwulst und Schwerfälligkeit« gefördert.
Dem läßt sich nun wirklich nicht widersprechen.