Philosophie Fesselnde Technik
Vor drei Jahren überraschte der Bochumer Philosophie-Ordinarius Otto Pöggeler mit der Behauptung. es gebe in Westeuropa, aber auch in Jugoslawien und der Tschechoslowakei eine Art von »Heidegger-Marxismus«. Sein West-Berliner Kollege Reinhart Maurer hat nun entdeckt, wer der bedeutendste Heidegger-Marxist ist: Herbert Marcuse, Initiator der Neuen Linken.
Für Maurer weist das Denken des als politisch konservativ geltenden Martin Keidegger und des Neomarxisten Marcuse überraschende Parallelen und Berührungspunkte auf: Es kreist um »das gleiche geschichtsphilosophische Problem«, und die erhofften Lösungen sind von »ähnlicher Struktur«. Das Problem ist die Deutung der technischen Welt, und die erhofften Lösungen nennt Maurer schon im Titel seines neuen Buches: »Revolution und Kehre"*.
In der Tat beeinflußt nicht nur der revolutionäre Neomarxist Marcuse. sondern auch der vermeintlich abstrakte Seinsdenker Heidegger den wachsenden Protest gegen die Zwänge der technischen Welt. gegen Atomkraftwerke. Umweltverschmutzung und Computerisierung des Menschen.
Beide sind davon überzeugt, daß die Technologie das menschliche Leben absolut beherrscht und sich daher nicht nur auf Industrie und Maschinenwesen beschränkt, sondern alles Denken und Handeln durchdringt: also »die vergegenständlichte Natur, die betriebene Kultur, die gemachte Politik und die übergebauten Ideale« (Heidegger).
Ausdrücklich beruft sich Marcuse in seinem Buch »Der eindimensionale Mensch« auf Heidegger. Er zitiert dessen Satz über den neuzeitlichen Menschen. der als »der sich durchsetzende Hersteller aufsteht« und daher immer schon Natur und Geschichte als Instrumente eines radikalen Herrschaftswillens versteht.
Dieser Aufstand des Menschen aber verwandelt die Herrschaft der Logik in
* Reinhart Maurer: »Revolution und Kehre. Studien zum Problem gesellschaftlicher Naturbeherrschung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt: 240 Seiten: 18 Mark.
die Logik der Herrschaft, in die rechnende Rationalität eines unbedingten, die Menschen selbst unterwerfenden »Willens zum Willen. der nur noch sich selbst, sein eigenes Funktionieren und daher die Machbarkeit und Verfügbarkeit von allem und jedem will.
»Die Logik der Vernunft ist selbst die Organisation der Herrschaft des vorsätzlichen Sichdurchsetzens«. sagt Heidegger daher, und Marcuse macht nur noch die politische Brisanz dieses Satzes offenbar: »Die unaufhörliche Dynamik des technischen Fortschritts wurde von politischem Inhalt durchdrungen und der Logos der Technik in den Logos fortgesetzter Herrschaft überführt. Die befreiende Kraft der Technologie. .. verkehrt sich in eine Fessel der Befreiung, sie wird zur Instrumentalisierung des Menschen.«
Aber auch mit der Antwort auf die Frage, was die radikale Entfremdung des Menschen durch die Technologie politisch bedeutet, ist Heidegger Marcuse vorangegangen: »Für dieses Wollen wird ... unaufhaltsam . alles zum Material des sich durchsetzenden Herstellens. Die Erde und ihre Atmosphäre wird zum Rohstoff. Der Mensch wird zum Menschenmaterial, das auf die vorgesetzten Ziele angesetzt wird
Die moderne Wissenschaft und der totale Staat sind als notwendige Folgen des Wesens der Technik zugleich ihr Gefolge.«
Ebenso hat Heidegger vor Marcuse betont: »Weil die Wirklichkeit in der Gleichförmigkeit der planbaren Rechnung besteht, muß auch der Mensch in die Einförmigkeit eingehen. um dem Wirklichen gewachsen zu bleiben« Und auch hier macht Heidegger selbst die politische Konsequenz klar: Nationale Unterschiede und politische Systeme werden auf die »Gleichförmigkeit der Führerschaft« hin nivelliert -- einer Führerschaft, die nur mehr an das Machbar-Verfügbare denkt und für die daher »alle Staatsformen nur noch ein Führungsinstrument unter anderen sind«.
Diese These Heideggers läuft untergründig mit Marcuses Überzeugung konform, die westlichen Demokratien seien nur noch dem Namen nach liberal, weswegen Marcuse das Paradox einer »demokratischen erzieherischen Diktatur freier Menschen« empfiehlt.
Zugleich aber fordert er -- zuletzt in Frankfurt 1974* -- eine Gesellschaft, »in der das Bedürfnis der Lust am befriedeten Leben und seiner befriedeten Umwelt in den gesellschaftlichen Produktionsprozeß selbst eingeht«. Mit diesem Konzept einer befriedeten Technik nähert sich Marcuse wiederum Heidegger. Auch Marcuse wünscht die Rückkehr der Technik zur Dienstschaft.
Dieser Heidegger und Marcuse gemeinsame Protest gegen die Allmacht der Technik äußert sich jedoch in zwei Formen: aktiv im Programm einer politisch-ökonomischen Revolution der Gesellschaft, passiv in der Suche nach neuen Heilswahrheiten, die eine Wende ankündigen, in der »Kehre«.
Heidegger verkörpert in dieser Alternative die Meditation der Kehre, ein »besinnliches Denken«, das sich als Antwort auf das »rechnende Denken« der technischen Welt versteht. Es geht nur noch darauf aus, auf das »Ereig-
* Herbert Marcuse; Zeit-Messungen, Drei Vorträge und ein Interview«, es 770; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 68 Seiten; 4,50 Mark
nis« der Kehre -- die Ankunft eines neuen Weltalters, die Abkehr von der Technokratie -- vorzubereiten. Erst diese von einem übermenschlichen Sein geschickte Wende der Geschichte wird die Menschen laut Heidegger das gelassene »Ja und Nein zur technischen Welt« lehren und »die Zurücknahme der technischen Welt aus ihrer Herrschaft zur Dienstschaft« ermöglichen.
Marcuse hingegen optiert für eine aktive »Umkehrung des Trends«, also für die von Menschen machbare Revolution. Er, für Maurer der »politisierte, marxistisch angewandte Heidegger«, vertraut wie die Aufklärung und der gesamte Marxismus auf die Autonomie des Menschen, der aus eigener Kraft die Geschichte in das Reich der Freiheit und der »schöpferischen Arbeit« verwandeln wird.
Doch auch für den besinnlichen Denker Heidegger »verändert das Denken die Welt«, es ist in sich schon »die ursprüngliche Ethik« und »ein Tun, das zugleich alle Praxis übertrifft«.