BÜCHER Fesselndes Prisma
Im November 1981 erklärte die linke französische Wochenzeitung »L'Express« ihren Lesern, warum ihrer Ansicht nach die Westdeutschen zu Zehntausenden gegen den Kahlschlag protestieren, den der Bau der (Flughafen-) Startbahn West erzwingt: »Der Wald stellt für die germanische Seele stets das Mysteriöse und Heilige dar.«
Der Essayist Lothar Baier, 41, der dies und andere Klischees zitiert, nach denen deutsche Grüne in der Wahrnehmung französischer Linker gelegentlich wie »Faschisten« aussehen, peinigt sein Publikum nicht mit fremdwortgepanzerten Diskursen für Eingeweihte. Er bietet vielmehr ein fesselndes Prisma ganz unterschiedlicher Momentaufnahmen der politischen und intellektuellen Szene Frankreichs.
Eine Reportage, vielleicht das Glanzstück des Buches, spürt der Ermordung des geschäftstüchtigen Notablen Prinz Jean de Broglie nach, einer Affaire, in die politisch hochkarätige Hintermänner verstrickt waren; literarische Essays beschäftigen sich auf ungewöhnlich differenzierte
Art mit zwielichtigen Schriftstellern wie etwa Celine; ein Aufsatz nimmt den »geschminkten Rassismus« der »Neuen Rechten« aufs Korn: »Während die Linke schuldbewußt die Bürde des Archipel Gulag auf sich nahm, hat die Rechte unbemerkt die Bürde von Treblinka ablegen können.«
Die Sympathie des Autors für Frankreich, die ihre konkrete Utopie im revolutionären Mai des Jahres 1968 gefunden hat, macht ihn keineswegs blind für französische Schwächen. Ebenso genau wie den »lauernden Antiintellektualismus«, der in der westdeutschen Alternativbewegung grassiert, attackiert er den »intellektuellen Chauvinismus« der Pariser Theoriepäpste aus dem Umkreis der »Neuen Philosophie«.
So schreibt Baier über Bernard-Henri Levy, den Verfasser der berühmten »Ideologie francaise": »Die Materialien, die Levy zusammengetragen hat, könnten zweifellos Anhaltspunkte für eine Entdeckungsreise in ein wenig bekanntes Frankreich bilden ... Aber der Blick, den sich der Autor zugelegt hat, gleicht dem eines Ermittlungsbeamten, der nur noch Indizien erkennt, die seinen Generalverdacht bestätigen: 'Ich kenne sein (Frankreichs) Schmutzgesicht, die Menagerie der Ungeheuer...' So könnte auch der Polizeikommissar Massart aus Paul Nizans Roman 'Die Verschwörung' gesprochen haben.«