Fiese Sprünge - DER SPIEGEL
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MUSIKTHEATER Fiese Sprünge

Die erste Oper des 30-jährigen Jörg Widmann erweist sich in München als spannender Mix aus Tumult und Schmelz.
Von Klaus Umbach
• aus DER SPIEGEL 30/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Guck an, geht doch: Oper mit »Tagesschau«. Endlich mal kein Shakespeare, kein Schiller; nichts aus dem altphilologischen Warenlager. Nein, diese Oper spielt - welche Wohltat! - in Präsens und Futur, zwischen Chefetage, Wall Street und Ethikkommission.

Chaos an der Börse, die Kurse im Keller, die Klänge in Panik, die Musik überschlägt sich im Trubel um Dax und Dow. Da, »die Märkte brechen weg«, kommt der Chemiker Milton wie gerufen mit seiner frohen Botschaft: »Es ist so weit«; er hat Patrizia, Mitinhaberin der Firma Biotec, erfolgreich geklont. Und schon taucht sie auf: Justine, das Double aus der Retorte. Die Konzernbosse drehen durch: gerettet. Große Pressekonferenz. Anschließend Kursfeuerwerk.

Im ersten Drittel seiner (ersten ausgewachsenen) Oper »Das Gesicht im Spiegel«, die am vergangenen Donnerstag im Münchner Cuvilliéstheater uraufgeführt wurde, macht der Freiburger Klarinettist und Komponist Jörg Widmann die große Sause durch den zeitgenössischen Tonsatz: Auch seine Musik dreht erst einmal durch.

Widmann setzt saubere, gespleißte, zerquetschte Töne, und er erfindet spitze, kalte Klänge von der Eissplittersorte, »fiese Sprünge« und »perverse Intervalle«, wie er selbst einräumt. Er lässt Akkorde schmirgeln und schreddern, die 4 Solisten und 19 Chorknaben flüstern, röcheln, schnalzen, kreischen; es gibt mikrotonale Passagen und Techno-Wumm, und ein paar Mal schmiert sogar ein richtiges Stück Walzer in vulgär-romantischen Klangsumpf ab.

Doch Widmann, noch Youngster und schon Profi, ist kein Radaubruder. Offensichtlich hat er nur so vehement aufgedreht, um desto effektvoller dimmen zu können. Kaum nimmt das Kunstprodukt Justine nämlich menschliche Gefühle wahr, da zieht Widmann andere Saiten auf, da wird er Weichzeichner, Pointillist, Virtuose der Valeurs. Er kann auch das, gerade das.

Wenn sich der Plot vom Börsencrash zum hochdramatischen Dreiecksverhältnis zuspitzt, werden Terzette und Quartette nach klassischem Muster vernehmbar; was anfangs ruppig verstört hat, verheilt; melodische Bögen weiten sich zu satt gebutterten Kantilenen, und über weite Strecken taucht die Oper in tonale Wellness ein - einmal, kaum zu glauben, immerhin acht Minuten in a-Moll.

Sicher hat sich Widmann für sein »Gesicht im Spiegel« auf dem Baumarkt der Tonwaren gründlich umgehört und eingedeckt. Aber die Oper ist rundum sein Geschöpf - und nicht geklont.

KLAUS UMBACH

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