Film: Anatomie eines Falls - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 75

Empfehlung 3 Film: Anatomie eines Falls

• aus DER SPIEGEL 52/2023

Illustration: Studio Pong / DER SPIEGEL

Wie bewirbt man einen so grandiosen Film wie »Anatomie eines Falls«? Die beste Lösung fand kürzlich ein Londoner Kino. Statt der Goldenen Palme, die Regisseurin Justine Triet in Cannes gewann, oder des euphorischen Kritikerlobs schrieb das Kino schlicht ein Zitat aus dem Film auf seine Tafel: »I am innocent. You know that, right?« Es sind die Drehbuchzeilen des Jahres, vorgetragen von der Schauspielerin des Jahres. Sandra Hüller spielt in »Anatomie eines Falls« eine Frau, die des Mordes an ihrem Ehemann angeklagt ist. Doch die Beweislage ist uneindeutig, weshalb das Urteil – sowohl des Gerichts als auch des Publikums – davon abhängt, wem man was mehr zutraut: dem depressiven, larmoyanten Ehemann den Suizid oder der dominanten, manipulativen Ehefrau den Mord. In ihrem vierten Spielfilm führt die Französin Triet Justizthriller und Beziehungsdrama zusammen und entsorgt dabei die großen Klischees beider Genres. Kein Ermittler sagt einem, wann man Zweifel an den Aussagen der Angeklagten haben sollte, und kein Ehestreit stellt Sicherheit darüber her, mit was für einer Beziehung wir es hier zu tun hatten. Das ist nahezu perfektes Kino. Aber das wissen Sie, oder?

hpi
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 75