FERNSEHEN Filz im Pütt
Wäsche auf der Leine, ein paar schäbig-schöne Siedlungshäuschen, leicht verrußtes Grünzeug drumrum, beim Schwenk über den Abendhimmel qualmende Schlote und bellende Köter. Kohlenpott.
Ein Kiekindiewelt strampelt mit dem Plastik-Dreirad übers Pflaster. Die alte Pfeiffer giftet mal wieder im buntgemusterten Nylon-Kittel aus dem Fenster. Der pensionierte Kriminalkommissar begießt in seinem kleinen Gewächshaus die Kakteen.
Der frühere Friedhofswärter Bühler (glänzend: Curt Bois, 80) humpelt, ebenso pfiffig wie tattrig, noch immer über den »Acker Gottes«, wo die Knappenkapelle zur letzten Ruhe tröstet. Der Oberstudienrat Wurm knattert, die deutschnationale Miene über dem Schillerkragen, im verräucherten Dorfsaal gegen die »roten Ratten« im Bonner Staat.
»Ein Leben lang« hat Opa Eberhard »geackert«, nun döst er mit seiner Staublunge, die eigentlich »Dachsfett« brauchte, auf dem handbestickten Paradekissen dem Exitus entgegen; und schon bei seinem Leichenschmaus werfen sich die Erben Grobheiten und Kartoffelklöße an den Kopf.
Milieu zum Riechen, Menschen zum Anpacken hat der Autor Max von der Grün schon immer aus seinem Revier der Eckkneipen, Emma-Läden und Schrebergärten glänzend auf Papier überschreiben können. Hier wird der Stallgeruch auch sichtbar: Fast ein Viertel des zweistündigen Films läßt Regisseur Alexander von Eschwege die Kamera gemütlich ausmalen. Die überschaubaren, scheinbar beschaulichen Lebensräume werden optisch liebevoll abgesteckt, die Typen schnappschußartig hineingesetzt. Eine Geschichte, die sich Zeit nimmt.
Horst Frank gibt das Tempo an: ein Schrank von einem Kerl, bis oben voll Wut, doch die Ruhe selbst. Die ehrliche Haut unter dem abgewetzten Lederwams, muffelt er als arbeitsloser Maurer Steingruber hinter einem neuen Job her. »Na, wieder nichts?« -- »Eh, eh.«
Das Angebot, für den windigen Unternehmer Balke Kisten mit mysteriösem Inhalt diskret durch die Stadt zu fahren, nimmt er nur widerwillig an, er macht nicht gern gemeinsame Sache mit Kanaillen im Mercedes. Als er seinen Freund Frank (von Manfred Krug mit plumper Sinnlichkeit gespielt) wegen dessen Techtelmechtel mit einem Flittchen zur Rede stellt, wirft dieser eine Kiste zu Bruch, der Inhalt scheppert ans Tageslicht -- Pistolen.
Sofort gibt Steingruber die Fahrerei auf und verdingt sich als Friedhofswärter. Dabei stößt er eines Tages auf eine merkwürdig verschobene Grabplatte, in der Gruft auf ein stattliches Waffenarsenal. Steingruber erkennt auch Balkes Kisten wieder. Unschuldig zwar, doch verdächtig sitzt er in der Patsche.
Die Spuren des ominösen Pistolengeschäfts führen zu neofaschistischen Gruppen. Seit längerem rührt Lehrer Wurm öffentlich die Trommel für seinen Verein »zur sittlichen und moralischen Erneuerung Deutschlands«, und ausgerechnet Steingrubers Tochter S.271 Claudia flippt nach rechtsaußen aus: Sie brennt von zu Hause durch und taucht bei einem von Wurms Faschistentreffen wieder auf.
Doch aus von der Grüns »Flächenbrand« steigt nicht nur neubraunes Gedünst auf, da kochen auch Parteischranzen und Mittelständische ihr Sanierersüppchen. Dieses Stück Ruhrgebiet ist üppig mit politischem Filz ausgelegt.
So wird Balke nicht nur bei dem geheimnisvollen Pistolenschmuggel mit den Rechtsradikalen beobachtet und beim nächtlichen Verladen der Waffen zur Rede gestellt, sondern auch von einer undurchschaubaren Lokal-Kamarilla in die Spitze jener Gesellschaft gewählt, die den Bergleuten die Eigenheime niederwalzen und an deren Stelle die Betonsilos hochziehen soll.
Da hilft es nichts mehr, daß Steingrubers Freund Frank sich zum Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins wählen läßt, um das Schleifen der Siedlung noch zu stoppen. Nachdem er, Steingruber und andere Aufrechte die Waffenkisten mit Hakenkreuzfahnen durch die Stadt gefahren haben, um den Leuten die Augen zu öffnen, wählen ihn die Genossen wieder ab: angeblich wegen parteischädigenden Umgangs mit der Hitler-Flagge, in Wahrheit wohl, weil auch Sozialdemokraten bei ihrer Kungelei mit höchsten Stellen Störenfrieden das Maul stopfen.
Alle diese Machenschaften, bei denen eine dreckige Hand die andere drückt, hat von der Grün saftig in den Griff bekommen, und von Eschwege verfiel nicht der Versuchung, die Affären aus dem Pütt zum politmodischen »Tatort« hochzuspielen. Ohne Blaulicht und ohne Ballermann betreibt er politische Aufklärung mit unterhaltsamen Mitteln. Er stellt geschickt auf Probleme scharf und behält doch die Menschen im Auge.
Nur: Wer hier eigentlich den »Flächenbrand« gelegt und geschürt hat, warum gerade die mozartbesessene Klavierspielerin Claudia, deren Eltern sich stolz »Sozialdemokraten seit Generationen« nennen, faschistisches Feuer gefangen hat, das unterschlagen Buch und Film. Laune eines Teenagers, Verführung in der Schule, schlimmer Trend der Zeit?
Als Claudia, kopflos und von der rechten Rotte erpreßt, wieder heimfindet, setzt es eine Ohrfeige, und die verdatterte Mutter fällt der verlorenen Tochter um den Hals. Schnitt. Keine Fragen, keine Erklärungen, wohl bloß ein familiärer Betriebsunfall.
Es schwelt bereits wieder in der Bundesrepublik, und beim letzten Oktoberfest flogen ja auch schon blutige Fetzen. »Flächenbrand« beweist, daß ein paar beherzte Demokraten die Flammen noch austreten können. Aber wer eigentlich gezündelt hat, das zeigt dieser Film leider nicht.
Klaus Umbach