SOMMERFESTSPIELE Finanzdesaster in Avignon
Die Situation ist da, und sie ist eine traurige Sensation: Anhaltende Streiks von Bühnenarbeitern und -künstlern stürzen eine französische Kulturinstitution in die Existenzkrise - die zahllosen Sommerfestspiele im Juli, die nicht zuletzt Tausende Touristen anlocken. Jetzt fiel der Vorhang in Avignon und beschädigte einen Mythos: Zum ersten Mal seit seiner Gründung 1947 musste das größte Theaterfestival der Welt abgesagt werden. Kurz zuvor waren schon die Veranstaltungen von Montpellier, La Rochelle und Aix-en-Provence geplatzt. Allein in Avignon müssen 74 000 bereits verkaufte Karten zurückbezahlt werden; der wirtschaftliche Schaden für die Stadt und die Region wird auf 40 Millionen Euro beziffert. In Frankreich gibt es 117 000 Teilzeitbeschäftigte in der Kulturindustrie ("intermittents"). Sie genossen bisher eine einzigartige soziale Absicherung: Wenn sie 510 Stunden im Jahr arbeiteten, was insgesamt drei Monaten entspricht, bekamen sie für die restlichen neun Monate Arbeitslosengeld. Die großzügige Regelung riss ein Loch von 828 Millionen Euro in die Sozialversicherung. Deshalb soll die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes ab 2004 um einen Monat gekürzt werden. Doch jetzt scheint die ganze Zukunft des weltberühmten Festspielbetriebs gefährdet - die Krise der Sozialsysteme wird zur Krise einer ganzen Kultur.