FERNSEHEN Finger da raus
Gästen im Studio fährt der ZDF-Moderator Herbert Hackl mitunter grob übers Maul.
»Haben Sie diese Frau reingelegt?« fragt er grimmig und faucht: »Das ist, schlicht gesagt, eine Schweinerei.« Wenn der Gescholtene sich stotternd zur Wehr setzt, höhnt er genüßlich: »Ihr Rechtsanwalt hat da einen lustigen Brief geschrieben, über den ich furchtbar gelacht habe.« Nach solchen Malicen bricht eine Flut von Zuschauer-Anrufen über den Sender herein.
Den meisten spricht Hackl aus der Seele: »Endlich mal ein offenes Wort, gebt"s den Brüdern.« Andere zetern über diese »hinterfotzigen« und »kommunistischen Methoden": »Sie wollen die Marktwirtschaft fertigmachen.«
Dreimal pro Jahr, jeweils 45 turbulente Minuten lang, befaßt sich das ZDF-Verbrauchermagazin »Reklamationen« keck und angriffslustig mit deutschen Firmen und Geschäftsleuten, die Kunden über den Löffel barbiert haben. Wer unredlichen Krautern und Krämern ins Garn gegangen ist, darf in der Mainzer Mecker-Ecke seine Wut über die verlorenen Groschen öffentlich ausposaunen.
Wenn die »Reklamationen«, ein Ableger der »Bilanz«-Redaktion« angemeierte Konsumenten zur Mitarbeit aufrufen, gehen bis zu 5000 Klageschriften im Sender ein. Drei, vier spektakuläre Fälle werden alsdann mit Opfern und Beschuldigten im Studio verhandelt. Für die nächste Sendung, am 5. Juli, suchen Hackl und sein Ressortkollege Felix Tolxdorff »Leute, die in der Behörden-Maschinerie verrückt gemacht wurden": Auch »Amtsirrsinn und Behörden-Willkür« sollen »knallhart attackiert werden«.
Im Kampf gegen Trug und Täuschung übt sich das »Reklamationen«-Team, seit 1973, mit wechselndem Erfolg. Während etwa Werbefachleute alle Beschwerden kalt lächelnd abwiegelten, zeigten Touristik- und Autobranche deutliche Trefferwirkungen. Als die Mainzer Bürgerrechtler skandalöse Hotel-Mißstände auf Mallorca drastisch zur Sprache brachten, sorgten die deutschen Veranstalter, die zunächst erwogen hatten, Hackl in Spanien verhaften zu lassen, eilends für Abhilfe. »Diese Sendung«, klagte ein Reiseleiter, »hat uns Hunderttausende von Mark gekostet.«
Um die oft hanebüchenen Preis-Praktiken in Kfz-Werkstätten anzuprangern, engagierte die Redaktion eine Mädchen-Riege, die Automobile mit manipulierten harmlosen Defekten zur Reparatur kutschierte. Testresultat: Ein Fuldaer Händler baute kurzerhand einen neuen Motor ein. In Bad Reichenhall durfte das ZDF-Girl mit einem Kuß für den Meister bezahlen. Eine in der Sendung bloßgestellte Wucher-Werkstatt verklagte das Fernsehen allen Ernstes mit dem Argument, die Chauffeuse habe unterm prallen T-Shirt keinen Büstenhalter getragen und die Monteure heillos verwirrt.
Vor Gericht haben die TV-Aufklärer, dank akkurater Recherche und Experten-Unterstützung, wenig zu fürchten. 14 Prozesse mit Streitwerten von mehreren Millionen Mark haben sie schon abgeschmettert. Um Sendeverbote mittels einstweiliger Verfügung zu durchkreuzen, werden die »Reklamationen« stets live ausgestrahlt.
Oft genug nämlich schlagen die betroffenen Firmen hart zurück. In Drohbriefen an die Anstaltsdirektoren kündigen sie horrende Schadenersatzforderungen und vorsorgliche Regreßansprüche an. Eine Wiesbadenerin, die sich zum »Reklamationen«-Beitrag über Schwindel mit Gebrauchtwagen gemeldet hatte, wurde tagelang von anonymen Anrufern terrorisiert: »Lassen Sie die Finger da raus, es wird Ihrer Gesundheit guttun.« Per Charter verfrachteten die Mainzer ihre entnervte Zeugin daraufhin nach Lanzarote.
Aus solchen Reaktionen schließt Hackl, daß die »Reklamationen« auf die Wirtschaft »wie ein Faustschlag wirken«. Handel und Industrie seien an solche Tribunale nicht gewöhnt. Doch scheint sich das Big Business neuerdings ins Unvermeidliche zu fügen. So hat das Versicherungsgewerbe« das »uns«, so Hackl, »zwar immer noch wie leprakranke Räuber betrachtet«, seine Bereitschaft zur Kooperation bekundet.
Im ZDF wird unterdes erwogen, genarrten Verbrauchern noch tatkräftiger beizuspringen: Nach dem baldigen Dahinscheiden der zu Tode ausgewogenen Programm-Nieten »Blickpunkt« und »Kontrovers« soll die Sendezeit für die »Reklamationen« verdoppelt werden.