LITERATUR Finsterer Trieb
Der Tod erwischt die Frauen just zu einer Zeit, als ihr Leben nach überstandenem Krieg eine Wende zum Besseren zu nehmen schien. Ein Frauenmörder treibt 1945 im Umkreis der Berliner U-Bahn-Station mit dem schönen Namen »Onkel Toms Hütte« sein Unwesen, in einem von den Amerikanern zum Sperrbezirk erklärten Terrain.
Pierre Frei, der Autor des Romans »Onkel Toms Hütte, Berlin«, lebte damals selbst als 15-Jähriger in Berlin. Später wurde er Journalist - Globetrotter Frei schrieb unter Pseudonym eine Menge Fortsetzungsromane für Illustrierte (den ersten, als er 23 war) und Drehbücher für deutsche TV-Serien, außerdem war er als Ghostwriter tätig. Ein erfolgreiches Reitlehrbuch ("Reiten - Der edle Sport - das große Freizeitvergnügen") erschien unter seinem richtigen Namen Peter Frei. Seit drei Jahren lebt der 73-jährige Schriftsteller mit seiner französischen Frau in einem Château bei Toulouse.
Mehrere Frauen werden von einem Psychopathen in kurzer Zeit brutal ermordet, eine im letzten Augenblick gerettet - als allwissender Erzähler schaut der Autor seinen Figuren dabei bis zum letzten Augenblick über die Schulter. Sie »hasse Sterbeszenen« geht etwa der Filmschauspielerin Karin durch den Kopf, als sie erdrosselt wird, und Marlene, einst Nobel-Prostituierte hoher Nazis, verwandelt sich im Ersticken wieder in die Moabiter Straßengöre, die sie einmal war: »Uffjepaßt Leute, Lene kommt!« Auch beim Sex geht es bei Frei munter und sprachlich recht unbedarft zu ("An diesem schwülen Berliner Augustnachmittag fand er eine gelehrige Schülerin"). So platt die Dialoge und erwartbar die Handlungsstränge sein mögen: Die atmosphärischen Details und das historische Lokalkolorit sind stimmig. Immerhin hat die Sex-and-Crime-Kolportage aus den Berliner Kriegs- und Nachkriegstagen Interesse im Ausland gefunden: Verlage in Frankreich, Großbritannien, Spanien, Brasilien, den USA und China wollen das Frei-Werk in Übersetzung bringen, was nicht vielen deutschen Romanen vergönnt ist.
* Pierre Frei: »Onkel Toms Hütte, Berlin«. Blessing Verlag,München; 544 Seiten; 22,90 Euro.