FERNSEHEN / Telemann FINTEN-KULI
Mittwoch, 28. März, Erstes Programm, 21.50 Uhr: »Der lustige Mann und das Schwäbische Meer«, Hans-Joachim Kulenkampff als Boden-Seemann - hatte das Programmheft geprotzt. Und Millionen Frühaufsteher, langentbehrter Labsal gewärtig, hatten zuvor ohne Murren einem Berufsratespiel und einer soziologischen Studie die Stirn geboten.
Was aber kam?
Zunächst kam die NDR-Ansagerin, entschuldigte sich für den »vielleicht etwas phantasievollen« Titel und warnte eindringlich vor der Erwartung eines »preisgekrönten Filmkunstwerks«. Sodann sang ein Knabenchor »Wem Gott will rechte Gunst erweisen ...«, und schließlich schnurrte eins von jenen Feature -Füllseln herunter, wie sie das Werbefernsehen in Bündeln feilbietet.
Mit dem Unterschied: Nicht irgendein schmal besoldeter Kultur-Plaudertöner war es, der da groß aufgenommene Bodensee-Vegetabilien mit dem Salze des Witzes ("Eßt mehr Früchte!« »Da haben wir den Salat!") und Landschaftstotalen mit Goethe-Zitaten anreicherte, sondern es war der einzige immer noch voll gültige TV-Quizstar der Bundesrepublik. Es war »Kuli«.
Was Wunder, daß sich des Volkes angestaute Huld in Befremdung verkehrte.
Dabei hatte der Großmeister mit seinem Erscheinen als »lustiger Mann« weder Ehrgeiziges im Sinn gehabt noch die kulenkampfflose, die schreckliche Zeit beenden wollen. Es handelte sich, wie er leidmütig bekennt, um eine Urlaubs-Kaprice. Seine offizielle Wiederkunft findet frühestens im Spätherbst statt; beim alten Hessischen Rundfunk, mit der neuen Unterhaltungsreihe »Die Sonntagsrichter«.
Kulenkampff: »Das hat nichts mit dem 'Fernseh-Gericht' zu tun. Unsere Idee ist schon vier Jahre alt. Wir - Dieter Hildebrandt von der 'Münchner Lach- und Schießgesellschaft', Wolf Schmidt von der 'Firma Hesselbach' und ich - wir wollen, in Acht-Wochen-Abständen, ein Tribunal bilden, das sich ernsthaft, wenn auch auf kabarettistische Weise, mit allgemeinen Mißständen befaßt. Zum Beispiel mit dem Kitsch, der Schnulze oder dem einfallslosen Wahlkampf. Es sollen Zeugen auftreten, die zum Thema wirklich etwas zu sagen haben: Film-Trupps sollen für 'Beweismaterial' sorgen, und nach den Plädoyers von Ankläger (Hildebrandt) und Verteidiger (Kulenkampff) wird der Vorsitzende (Schmidt) statt eines Urteils eine 'Empfehlung' verkünden. Alles live und mit Publikum.«
Telemann hörte mit Vorfreuden: Bereits im Juni wollen die Sonntagsrichter, unter Ausschluß der Öffentlichkeit, zu einer Probe-Aufzeichnung zusammentretern und das Ärgernis »Reklame« vor die Schranken laden.
Doch sogleich folgte der Dämpfer: »Wenn ich sehe, das wird nichts, nun, dann lasse ich's eben. Es muß ja nicht sein.«
Aufs neue also die Marter der Ungewißheit!
Erinnern wir uns: Zehn Monate sind es her, seit uns die Greuelnachricht schreckte: Er geht. Er will nicht länger des Fernsehens Kuli sein. Und ebensolange peinigen uns seine Beweggründe.
Das Seher-Interesse, grimmte er, sei innerhalb Jahresfrist erheblich gesunken - nämlich von 90 Prozent (1960) auf 86 Prozent (1961). Und: Besser zu früh Schluß gemacht als zu spät. Und: Die Zuschauer mäkeln, wenn die Krawatte, und die Kritiker, wenn die Pointe nicht sitzt. Und überhaupt: Showmaster zu sein, ist für einen gelernten Schauspieler keine Beschäftigung.
Außerdem schwitzt man dabei so leicht.
Seit ihm die Werbesendezeit je Filmehen von zweieinhalb Minuten auf zwanzig Sekunden
geschmälert wurde, will er nicht einmal mehr für das Waschmittel »Rei« Schirm-Wache stehen. Und auch seine TV-Film-Produktionsfirma vegetiert, mangels Tatendrangs, gewerbesteuerpflichtig vor sich hin.
Grund. »Man kann bei uns in Deutschland sowieso nicht reich werden. Wozu also etwas tun, was einem keinen Spaß macht?«
Von dieser Erkenntnis-Stufe bis zum buddhistischen Nirwana ist es nur noch ein kurzer Schritt. Denn wahrlich, alles Tun allhier ist eitel. Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.
Wer kann es wissen? Vielleicht war sein Auftritt als »Boden-Seemann« eine Art Abschiedsgeschenk?
Sollte Hans-Joachim Kulenkampff den Gipfel der Weisheit noch vor dem Herbst erklimmen, würden sich, aus allen Richtungen der Windrose, die Reise-Omnibusse nach Kulis Wohnsitz schlängeln. Und des Verwunderns würde kein Ende sein.
Denn mag unsere TV-Volksseele auch darüber verelenden - unsere Republik würde um eine touristische Sehenswürdigkeit reicher werden: Sie besäße, als einziges Land dieser Erde, einen Fernseh-Star, dem man mancherorts begegnen kann, nur nicht im Fernsehen.
Merke: »Ich warte auf ergiebigere Aufgaben« (Hans-Joachim Kulenkampff).
Kulenkampff