Fixe Idee - DER SPIEGEL
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BÜCHER Fixe Idee

Die Adenauer-Sekretärin Anneliese Poppinga hat promoviert: über das »Grundsätzliche« der Adenauer-Politik.
• aus DER SPIEGEL 7/1975
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Sie hat es eigentlich immer gewußt: Das Grundsätzliche in der Politik Konrad Adenauers war Konrad Adenauer.

Und dennoch hat sich Anneliese Poppinga, Adenauers langjährige Vertraute und Sekretärin, ans Werk gemacht. ihrem Chef wissenschaftlich »Grundsätzliches« im Sinne eines« geordneten Verhältnisses zwischen »Geschichtsverständnis, Weltanschauung und politischer Praxis« nachzuweisen.

Die heutige Geschäftsführerin der Stiftung »Konrad-Adenauer-Haus« wurde von der Ludwig-Maximilians-Universität München, bei Professor Nikolaus Lobkowicz, für diesen Versuch 1974 »magna cum laude« promoviert. Die Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart will ihre Untersuchung Ende Februar veröffentlichen.

Doch wissenschaftlich und mit Herz zugleich, so zeigt sich, ist Konrad Adenauer nicht beizukommen. Es bleibt auch nach dieser Fleißarbeit einer äußerst wohlmeinenden Autorin das Urteil Heinrich Bölls, das er nach der Lektüre der Adenauer-Memoiren fällte: Die Politik des ersten Kanzlers sei eine »Einübung in Materialismus, Opportunismus, Pragmatismus und Zynismus«. Gerade das aber wollte die Autorin widerlegen. Sie habe stets »die fixe Idee« gehabt, feste Grundsätze als Schlüssel der Adenauer-Politik nachweisen zu können.

Das muß wohl eine fixe Idee bleiben, denn eine »durchreflektierte Geschichtsphilosophie« konnte Anneliese Poppinga aus einem halben Jahrhundert gesammelter Zitate Konrad Adenauers nicht destillieren.

Die Autorin, die zuerst Atomphysik und Philosophie studieren sollte, geriet per Zufall als Sekretärin an das Auswärtige Amt, ins Büro des grantigen Tokio-Botschafters Kroll. Für Adenauer hatte sie damit eine harte Bewährungsprobe glänzend bestanden.« Die hat drei Jahre bei Kroll ausgehalten, dann hält sie es auch bei mir aus.« Die neue Vorzimmer-Dame errang das Vertrauen des Bundeskanzlers -- und der auch ihres.

Frau Poppingas politischer Standort ist leicht zu ermitteln, er ist, so allgemein wie möglich, christdemokratisch. Die gleichzeitige Bemühung um wissenschaftliche Distanz aber führt zu einem unfreiwilligen Adenauer-Verriß, von dem sie sich freilich immer wieder subjektiv distanziert.

Adenauer habe, so urteilt sie, historische Kenntnisse gehabt, die »kaum den Rahmen der Durchschnittsbildung der gehobenen Bürgerschicht seiner Zeit« überschritten. Geschichte war für Konrad Adenauer selbsterlebte Erfahrung. Dafür hatte er eine Weltanschauung. die er selbst in so schwammigen Formeln wie »christlich-humanistische Weltanschauung« eher empfand als dachte.

Daß er auf dieser Grundlage Materialismus gleich Marxismus gleich Kommunismus gleich Sozialdemokratie zu verketzern pflegte, stürzt die zwischen Wissenschaft und Loyalität hin- und hergerissene Autorin in Schwierigkeiten: »Derartige Fehlinterpretationen«, so Frau Poppinga, waren Adenauer »offensichtlich keineswegs peinlich«. Auch Frau Poppinga kann sich der Einsicht nicht verschließen, daß »der Eindruck mangelnder Schlüssigkeit seiner Politik nicht zu leugnen« sei.

Im einzelnen kreidet sie ihrem Chef folgende Widersprüche an: Entspannung hieß für Adenauer eine Annäherung zwischen Moskau und Washington. Zugleich fürchtete er ein bilaterales Arrangement der Supermächte und forderte daher ein Vereinigtes Europa als dritte eigenständige Macht.

Einerseits wollte Adenauer den Westen stark machen, auch militärisch, um die Sowjet-Union zu Verhandlungen zu nötigen. Andererseits wußte er sehr wohl, daß Moskau erst zu einem Augenblick bereit sein werde, wenn es die Furcht vor dem Westen verliere. Zwar sollte Moskau die Furcht vor dem Westen verlieren, gleichzeitig aber forderte er öffentlich ein Gesamteuropa, das die osteuropäischen Staaten mitumfassen sollte -. eine Forderung. die in der UdSSR nur als Revanchismus verstanden werden konnte.

Um das »Grundsätzliche« in Adenauers Politik für ihre Dissertation zu retten, führte die Autorin den Willen des Kanzlers »als konstitutives Element« ein -- daß er unbedingt und jederzeit sowohl das eine wie auch das andere gewollt habe, immer basierend nach ihrer Ansicht auf »Wandel, Spannung und Bewegung«, immer gegründet auf den Kanzler und seine Beurteilung des Ernstes der Lage, den er für einen Dauerzustand hielt.

Was Adenauer zu diesem Versuch einer theoretischen Festlegung seiner Politik gesagt hätte? Die Autorin im Tonfall ihres Ex-Chefs: »Da laachste disch kapott.«

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