Flackernde Botschaft - DER SPIEGEL
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KOSMOS-SIGNALE Flackernde Botschaft

• aus DER SPIEGEL 17/1965
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hallo CTA-102 - ist dort jemand?« Die Frage, mit der unlängst der amerikanische Biochemiker Professor Isaac Asimov einen Wissenschaftsartikel in der »New York Times« überschrieb, war in das Milchstraßensystem gerichtet.

Antwort empfingen, wie Anfang letzter Woche die sowjetische Nachrichtenagentur Tass verkündete, die Sowjet-Astronomen Gennadij Scholomitski und Nikolai Kardaschew. »Wir sind nicht allein im Universum«, hörten, laut Tass, die Sterndeuter des Moskauer Sternberg-Instituts. Kardaschew: »Intelligente Lebewesen einer Super-Zivilisation senden uns Klopfzeichen.«

»CTA-102«, von den Sowjet-Astronomen als Ursprungsort der kosmischen Botschaft benannt, ist die. Bezeichnung, unter der bereits 1960 amerikanische Himmelsforscher eine noch unerklärte Quelle starker Radiostrahlung im Weltall katalogisierten: Das ferne Himmelsobjekt ist auf der Erde, selbst durch stärkste Fernrohre, unsichtbar: nur durch die Ausstrahlung von Radiowellen, die mit den fußballfeldgroßen Parabol-Antennen, sogenannter Radio-Teleskope aufgefangen werden können, macht es sich bemerkbar.

Was die Sowjets dazu veranlaßte, das Funk-Fiepsen von CTA-102 als himmlische Klopf-Botschaft zu deuten, war ein mysteriöses, »regelmäßig alle hundert Tage wiederkehrendes Flimmern« der Radiostrahlung, das Scholomitski beobachtet zu haben glaubt.

»Noch vor etlichen Jahren«, so schrieb unlängst der amerikanische Wissenschaftsautor Walter Sullivan, »wäre es wissenschaftlichem Selbstmord gleichgekommen, hätte man ernsthaft die Frage nach zivilisierten Lebewesen auf fernen Planeten erörtern wollen.«

Doch heute sind selbst prominente Wissenschaftler in Ost und West nicht mehr abgeneigt, die Existenz außerirdischer Zivilisationen zu diskutieren.

Schon aufgrund statistischer Überlegungen glaubten die meisten Wissenschaftler die These verwerfen zu müssen, der Mensch sei das einzige Geschöpf seiner Art im Kosmos. So rechnete etwa der einstige Chef des amerikanischen »Nationalen Radioastronomischen Observatoriums«, Professor, Otto Struve, vor:

- Allein in der Milchstraße gibt es

rund 100 Milliarden sonnenähnliche Sterne. Schätzungsweise jeder zehnte Stern hat ein Planetensystem.

- Wenn jeder dieser Sterne nur von

fünf Planeten umgeben ist, müßte es allein in der Milchstraße 50 Milliarden Planeten geben.

Angesichts einer solchen Fülle von erdähnlichen Himmelskörpern hielt Forscher Struve es für wahrscheinlich, daß auf etwa einer Milliarde Milchstraßen-Planeten lebensfördernde Bedingungen herrschen. Und auch zu der Frage, wie viele davon intelligenzbegabte Wesen beherbergen könnten, gibt es wissenschaftliche Schätzungen. Im November 1961, als in Green Bank (US-Staat West-Virginia) eine Gruppe renommierter amerikanischer Wissenschaftler zu einem Kolloquium über »Extraterrestrisches intelligentes Leben« zusammentrat, stellte der US-Astronom Frank D. Drake sogar eine mathematische Formel über die Zahl möglicher außerirdischer Zivilisationen auf. Sie lautet: N = R*f(p) n(e) f(l) f(i) f(c) - L.

Die meisten Faktoren dieser Gleichung haben statistische Bedeutung*, doch die besonders kritische, weil am wenigsten definierbare Größe »L« umschreibt ein kosmisches Zeitproblem: den Zeitraum in der Geschichte eines belebten Planeten, während dessen eine vernunftbegabte Gesellschaft von Lebewesen geneigt und dank ihrer technischen Ausrüstung fähig ist, mit fernen Himmelsvölkern in Kontakt zu treten.

Wie schmal dieses kosmische Kommunikations-Fenster sein kann, veranschaulichte einmal der Hamburger Raumfahrt- und Fernseh-Professor Heinz Haber in einem TV-Vortrag.

Nach heutiger Kenntnis, so erläuterte Haber, ist das Weltall mindestens fünf Milliarden Jahre alt. Stellt man sich diesen Zeitraum auf ein Jahr zusammengedrängt vor, so werden, die Zeit-Verhältnisse verblüffend anschaulich: Ende Januar hätte sich aus dem Urnebel das Sonnensystem gebildet; Anfang März waren Meere und Kontinente auf der Erde fertig. Erst um die Mitte des Modelljahres entstand das irdische Leben, um Weihnachten herum starben die Saurier aus. In den letzten zehn Minuten der Silvester-Stunde lebten Neandertaler. Und die menschliche »Weltgeschichte« beschränkt sich auf eine halbe Minute, das »technische Zeitalter« gar auf weniger als eine Sekunde.

Wenngleich also die Himmelsforscher, so etwa der renommierte britische Astronomie-Professor Fred Hoyle, »eine Million möglicher Stätten des Lebens innerhalb der Milchstraße« für denkbar halten, so erscheint andererseits die Wahrscheinlichkeit gering, daß in der einen oder anderen jener fernen Welten die Zivilisations-Sekunde gerade rechtzeitig anbrach, den heutigen Erdbewohnern Funk-Kunde davon zu geben.

Dennoch beschlossen amerikanische Astronomen im Jahre 1960, die nähere Nachbarschaft des Sonnensystems nach interstellaren Funkzeichen begabter Weltraumwesen abzuhorchen. Die US -Forscher richteten die Antennen-Mulde des Radio-Teleskops von Green Bank auf die Umgebung der rund elf Lichtjahre* entfernten Sterngruppen »Tau« im Sternbild Walfisch und »Epsilon« im Sternbild Eridanus. Zwei Jahre lang lauschten die Astronomen ins All

- doch keine Botschaft war zu hören.

Unterdes wandte US-Astronom Drake sich einem Problem zu, das spätestens dann bedeutsam würde, wenn Erdbewohner ihrerseits fernen Sternenvölkern Nachricht senden wollten: der Frage, welche Art von Verständigungs-Code sich dafür eignen könnte.

Schon in früheren Jahrhunderten waren Vorschläge zur Kommunikation mit fremden Himmelskörpern gemacht worden. Der deutsche Mathematiker Karl Friedrich Gauß (1777 bis 1855) hatte empfohlen, in der sibirischen Steppe ein riesiges rechtwinkliges Dreieck als Waldstreifen anzupflanzen, eventuell mit an den Seiten aufgesetzten Wald-Quadraten - als kosmische Demonstration des Pythagoreischen Lehrsatzes (a2+b2=c2). Ähnlich hatte der Wiener Astronom Joseph Johann von Littrow (1781 bis 1840) vorgeschlagen, in der Sahara kilometerlange Kanäle auszuschachten, die sich zu geometrischen Figuren fügen; auf dein Wasser sollte des Nachts ein Brennstoff (Kerosin) entzündet werden. Und der französische Optiker Charles Cros (1842 bis 1888) wollte mit einem Riesenspiegel Sonnenlicht zum Mars blinken.

Zu Mitteilungen in ferne Milchstraßen-Bereiche eignen sich jedoch allenfalls Radiowellen. Und Astronom Drake hat eine Form möglicher Funk-Botschaften entwickelt, die von Intelligenzwesen auch ohne Kenntnis der Erdsprachen entziffert werden könnte - als eine Art kosmisches Kreuzworträtsel.

Drakes Nachricht ins All bestünde gleichsam aus einem langen Morsestreifen, auf dem in scheinbar unregelmäßiger Folge die Symbole »1« und »0« gereiht sind, insgesamt beispielsweise 209 Signale (siehe oberes Bild Seite 146).

»Einer der Mathematiker«, erläuterte Drake, »die auf dem Empfangs-Planeten zweifellos anwesend wären, wenn es um die Entzifferung einer so bedeutungsvollen Nachricht ginge«, würde dann die Idee haben, daß 209 ein Produkt aus den Primzahlen 11 und 19 ist*. Damit wären die Seitenlängen eines Plan-Rechtecks gegeben. Und wie die verschiedenen Helligkeitspunkte eines Fernsehbildes könnten dann die vernunftbegabten Sternbewohner die empfangenen Signale zu einem Bild-Mosaik zusammenfügen.

Wird das Signalbild von den Empfängern fälschlich als querformatiges Rechteck zusammengesetzt, bleibt die Botschaft sinnlos (siehe unteres Bild Seite 146). Wenn aber die Stern-Mathematiker dann auch die zweite Möglichkeit erproben und das Rechteck hochkantig zusammenfügen, so erkennen sie ein Wesen, das unten und seitlich je zwei Verlängerungen, oben zwei Löcher und zwei seitliche Auswüchse aufwiese - so also (würden die Empfänger nach Drakes Ansicht kombinieren) sehen Erdbewohner aus (mittleres Bild Seite 146).

Die für die Übermittlung solcher Weltraum-Botschaften günstigste, weil störungsärmste Funkwellen-Frequenz läge bei etwa 900 Megahertz - und eben dies lenkt das Ohrenmerk der sowjetischen Astronomen auf die Funkstrahlung von CTA-102 (und von einer ähnlichen Weltraum-Radioquelle »CTA 21"): Beide senden in dem Frequenzbereich um tausend Megahertz.

Bereits im November letzten Jahres hatte der Himmelsforscher Kardaschew im sowjetischen »Astronomischen Journal« den Verdacht geäußert, intelligente Lebewesen könnten die Urheber der Funksignale sein. Doch bereits damals

- und noch entschiedener jetzt, als Tass

die Mutmaßung der sowjetischen Forscher als Sensationsmeldung weiterfunkte - reagierten westliche Forscher mit Zurückhaltung und Skepsis.

Die rätselhaften Strahlungsschwankungen, erklärte etwa US-Astronom Drake, könnten, wenn sie überhaupt korrekt beobachtet worden seien, »leicht als natürliche Phänomene erklärt werden« - ähnlich dem Licht-Flackern bei sichtbaren Sternen.

Und Mitte letzter Woche, als sich auch die sowjetischen Forscher bereits von der Tass-Meldung distanzierten (Kardaschew: »Die Frage der Interpretation der Signale ist nicht vollständig klar"), verwies Dr. Allan Sandage, Astronom an den US-Sternwarten Mount Wilson und Mount Palomar, auf die enorme Sendestärke, mit der die Radiostrahlung von dem fernen Himmelskörper ausgeht:

Die auf CTA-102 wohnhaften Radiotechniker, so berechnete Sandage, müßten demnach über eine Energiequelle verfügen, deren Leistung die Sonne 100billionenmal übertrifft.

* So gibt etwa R* die Häufigkeit an, mit der sich bei der Entstehung des. Milchstraßensystems Sterne formten, f(p) bedeutet das Zahlenverhältnis zwischen Sternen und Planeten, n(e) die Anzahl von Planeten im Sonnensystem, auf denen Leben möglich ist.

* Ein Lichtjahr ist die astronomische Maßeinheit für die Entfernung, die das Licht im Zeitraum eines Jahres zurücklegt: rund neun Billionen Kilometer.

* Primzahlen: Zahlen, die nur durch sich selbst und durch 1 teilbar sind, wie 1, 3, 5, 7, 11 usw.

Sowjet-Astronom Scholomitski: In der Milchstraße...

... nach Klopfzeichen gelauscht: Britisches Radio-Teleskop Jodrell Bank

Ins All gefunkte Erdenbotschaft: Nachrichten verschlüsselt

Verstandene Erdenbotschaft

Menschenbild entziffert

Mißverstandene Erdenbotschaft: Primzahlen verwechselt

Mathematiker Gauß

a2 + b2 = c2 in Sibirien

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