Flaschen eingemauert - DER SPIEGEL
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JAHR 2000 Flaschen eingemauert

Eine Art Welt-Festival bereitet in München ein Komitee für die Jahrtausendwende vor. Ein Satellit ist schon angeheuert, der Champagner wird bereitliegen.
• aus DER SPIEGEL 47/1978
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Fünf große Veranstaltungszentren in Weltstädten sind schon gemietet, darunter der Madison Square Garden in New York und die Olympiahalle in München. Für mehr als einen vollen Tag ist auch ein Nachrichtensatellit gebucht, für Übertragungen von der deutschen Bodenstation in Raisting nach New York und nach Tokio sowie von Tokio nach New York, also rund um die Welt.

Die große Show kann beginnen -- am 31. Dezember 1999 um 11 Uhr Greenwich Mean Time, dreizehn Stunden vor 2000.

Veranstalter des fernen Festes sind die sieben Gründungsmitglieder eines »Committee 2000«, das unter der Nummer 9022 in das Münchner Vereinsregister eingetragen wurde. Vereinszweck ist laut Satzung des »politisch und weltanschaulich unabhängigen« Komitees die »Planung, Koordination und Durchführung der weltweiten Veranstaltungen und Festlichkeiten zur Jahrtausendwende«.

Der Präsident des Komitees, der Hamburger Journalist Max Schulze-Vorberg jr., hat inzwischen in einem Brief an 182 Staatsmänner um Zusammenarbeit für dieses Menschheitsereignis gebeten. Der Brieftext wurde von

* V. l.: Jürgen Burkhardt. Gerhard Heldmann, Max Schulze-Vorberg jr. Michael Kunze, Richard Dill, Hans-Peter Wodarz, Georg Sieber.

einem Diplomaten des Auswärtigen Amtes entworfen und von dem Münchner Psychologen und Komitee-Mitbegründer Georg Sieber einem »Impact-Test an 20 Managern« unterworfen und so auf acht Werbezeilen für das »Ereignis für die Menschheit« gekürzt.

Mehr Sorgen als die noch nicht weltweit durchgesetzte christliche Zeitrechnung (im Iran ist jetzt zum Beispiel das Jahr 1357) macht den Festveranstaltern das Alter potentieller Mitarbeiter und Förderer. »Welcher betagte Mensch«, so fragt sich Präsident Schulze-Vorberg, 32, »will heute über ein Ereignis nachdenken, das er selber womöglich nicht mehr erlebt?«

Vorsorglich bietet der Verein eine »computerunterstützte medizinische Überlebensprognose« für Neumitglieder sowie die (durch Anfragen bei der Berliner Bundesversicherungsanstalt verifizierte) These, daß bevorstehende runde Jubiläumszahlen erfahrungsgemäß das Durchhaltevermögen von Rentnern steigern. Auf die Wirkung der Zwei mit den magischen drei Nullen sind denn auch zahlreiche Pläne des Komitees abgestellt -- etwa das Verlagsprojekt »Countdown«, eine »Zeitschrift zur individuellen Gestaltung der Jahrtausendwende«, oder ein Chronometer, der die bis zum Millennium noch fehlenden Tage anzeigt -- derzeit rund 7700.

Geplant sind ein »Who is Who« mit 2000 wichtigen Leuten und eine Schallplatte, auf der 2000 Zeitgenossen -- von Rudolf Augstein bis Frank Zappa -- die Zahlen Eins bis Zweitausend aufsagen sollen, die letzte Ziffer sogar im Chor. Für Vereinsmitglied Michael Kunze, Gema-Aufsichtsrat und Erfinder des »Munich Disco-Sound«, bietet der Jahrtausendchor »studiotechnisch keine Schwierigkeiten«.

Ans Geschäftemachen denken die Zweitausender vorerst nicht, jedenfalls nicht alle. Unter den sieben Gründungsmitgliedern, deren Zahl laut Satzung jährlich nur um fünf erweitert werden darf, haben sich schon Fraktionen gebildet -- der »Rothschildischen« geht es um ökonomische Erfolge, die »Valentinische« pflegt den Spaß als solchen.

Typischer Anhänger des rothschildischen Prinzips ist etwa der Münchner Rechtsanwalt Jürgen Burkhardt. Der freut sich schon auf die Gebrauchsmusterschutzprozesse für das Komitee, das sich in Kürze die Ziffer 2000 mit allen Variationen schützen lassen will. Ein echter Valentiner hingegen ist Psychologe Sieber: »Wir wollen auf jeden Fall verhindern, daß die Leute wie bei der letzten Jahrtausendwende auf den Bergen stehen und angsterfüllt Sintflut und Weltuntergang erwarten -- und das auch noch vergeblich.«

Hoch hinaus wollen die Zeitenwender dennoch. Als Ort für die erste Pressekonferenz haben sie sich die Pyramidenspitze im Zahmen Kaiser auserkoren. Der 1997 Meter hohe Alpengipfel soll dabei durch ein Podest auf 2000 Meter erhöht werden. Ein »Prix deux Mille« soll gestiftet werden -- etwa für die Neudichtung der Märchen von 1001 Nacht oder für Wortschöpfungen wie Zweitausendfüßler und Zweitausendsassa.

Jedenfalls geht es dem Verein um »was Zweckfreies außerhalb unserer gewohnten Rhythmen«, so der Mitgründer und ARD-Programmkoordinator für Auslandsfragen, Richard Dill. Und Vereinsbruder Gerhard Heldmann, geschäftsführender Gesellschafter einer Computerfirma, will für das Komitee von dem in seinem Gewerbe geltenden »Principle of least astonishment« total abweichen und es durch ein »Principle of maximal astonishment« ersetzen.

Womöglich wird es für die Vereinsgründer die erstaunlichste Überraschung sein, daß es bis zur Zeitenwende bei ihrer »ein bißchen mit Träumen verbundenen Schnapsidee« (Präsident Schulze-Vorberg) bleibt.

Das siebente Vereinsmitglied, Hans-Peter Wodarz, Spitzengastronom aus Wiesbaden, ist auch auf dieses Ende wohl vorbereitet. Er will zweitausend Flaschen Bordeaux und Champagner ordern und sie, eingemauert in einem Keller, für das Millenniums-Menü bereithallen.

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