NAY Flecke entfernen
Als ein »nationales Mißverständnis«, gespeist »aus dem Bodensatz von Mystizismus, Artistentum und Absage an die Vernunft«, haben zwei schriftstellernde Kunstmaler den Respekt denunziert, der dem Werk ihres Kollegen Ernst Wilhelm Nay, 62, in Deutschland entgegengebracht wird.
Die Nay-Kritiker, die in der »Zeit« zu Wort kamen, sind der Maler Hans Platschek, 41, der sich gelegentlich auch als Kunsttheoretiker versucht, und der Maler Klaus Jürgen-Fischer, 33, Redakteur der Baden-Badener Zeitschrift »Das Kunstwerk«.
Platschek zählte auf einem großformatigen Bild Nays mit ironischer Sorgfalt die Zahl der dort abgebildeten Farbscheiben (Platschek: »Nur 41 Stück sind unversehrt, die restlichen 70 sind nur als Halb-, Viertel- oder Kümmerscheiben erkennbar") und kam zu dem Schluß, »allein mit nichts als mit Scheiben läßt sich auch im Staat kein Staat machen«. Fischer kritisierte den »Sonderaufwand«, der offenbar veranstaltet werde, »um diesem Kölner Maler eine Weltgeltung zu sichern, die er nicht besitzt«.
Anlaß der Kritik an den Bildern des ungegenständlichen Malers Nay, die gegenwärtig im Hamburger Kunstverein gezeigt werden, war nicht nur die hervorgehobene Placierung seiner Arbeiten bei der »documenta III« in Kassel, sondern auch die besondere Reputation des Malers bei einflußreichen deutschen Kunstkritikern, wie Werner Haftmann und Will Grohmann. Unweigerlich werde Nays Name an erster Stelle genannt, schrieb Platschek, wenn es darum gehe zu entscheiden, »wer wann wie und in welcher Position die schönen Künste der Bundesrepublik repräsentieren soll«.
Tatsächlich hängen die ornamentalen Bilder von Ernst Wilhelm Nay, gefüllt zumeist mit in vielen Farben leuchtenden runden Flecken, nicht nur in fast allen öffentlichen Sammlungen moderner Malerei in der Bundesrepublik, sondern auch in großen amerikanischen, französischen, belgischen, brasilianischen und Schweizer Galerien. Zur diesjährigen Biennale in Venedig, zu der achtzehn der bedeutendsten Museen der Welt je eine kleine Auswahl der Bilder beisteuerten, die ihnen als die wichtigsten für die Moderne erschienen, haben allein drei - aus New York, Rio de Janeiro und Köln - je ein Gemälde Nays delegiert.
Der Autodidakt Nay, der bereits 1931 den Rom-Preis erhielt und während des Dritten Reiches im Verborgenen malen mußte, hat nach Kriegsende nicht wenige prominente Auszeichnungen erhalten, so 1952 den Kunstpreis der Stadt Köln (2500 Mark), 1955 den Hamburger Lichtwark-Preis (10 000 Mark), 1956 den Großen Kunstpreis von Nordrhein -Westfalen (10 000 Mark), 1964 den Berliner Kunstpreis (10 000 Mark). Für seine Aquarelle werden gegenwärtig Preise bis zu 4000 Mark, für Gemälde bis zu 40 000 Mark verlangt und bezahlt. Nay: »Früher ist es mir sehr schlecht gegangen. Ich gebe zu, daß es mir heute sehr gut geht. Und das können manche Leute einfach nicht vertragen.«
In die »documenta III«, wo für Nays Werke zwei große Räume reserviert waren, wurden Bilder von Fischer und Platschek nicht aufgenommen.
In der Kunstgeschichte sind Proteste von Malern, die sich durch den Ruhm der Älteren blockiert fühlen, häufig. Für die Bundesrepublik dagegen ist der öffentliche Aufstand zweier jüngerer Künstler gegen einen erfolgreichen älteren insofern neu, als sich in den ersten zwanzig Jahren nach dem Ende des Dritten Reiches Künstler, Kritiker und Händler dem Publikum gegenüber meistens als einheitliche Gruppe präsentiert haben, um gemeinsam für das Recht auf die Freiheit der Kunst zu werben - einschließlich des Rechts darauf, unverständlich zu bleiben.
Der in die Öffentlichkeit getragene Protest zweier - abstrakter - Maler gegen einen dritten - abstrakten - Maler ist ein Symptom dafür, daß diese Schonzeit zu Ende geht. Im zwanzigsten Jahre nach Kriegsende wird es offenbar nicht mehr als Gefahr angesehen, daß der öffentliche Angriff gegen einen modernen Maler vom Publikum als ersehnter Protest gegen die ganze Richtung aufgegriffen wird.
Dagegen glaubt Professor Alfred Hentzen, Direktor der Hamburger Kunsthalle, der nicht in der »Zeit«, sondern in der »Welt« zu Wort kam, die Nay-Kritiker würden immer noch den Beifall »von der falschen Seite« bekommen. Hentzen: »Kunstmaler Platschek sägt damit selbst an dem Ast, auf dem er sitzt.«
Der angegriffene Maler Nay reagiert auf die Kritik seiner Gegner gelassen: »Die Leute sind nayrotisch.«
Maler Nay: »Wer wann wie und in welcher Position«
Maler Platschek
»Nur mit Scheiben läßt sich ...
Maler Fischer
... auch im Staat kein Staat machen«