Fleißig üben - DER SPIEGEL
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MODE Fleißig üben

Der Klumpschuh ist der Mode-Renner der Saison: Mini- und Hosen-Mädchen staksen auf Brikett-Sohlen und Blockabsätzen -- und der Absatz steigt.
• aus DER SPIEGEL 20/1972
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Ein »fürchterliches Gestelze« beobachtet Westdeutschlands führender Orthopäde. Professor Wilhelm Thomsen in Bad Homburg vor der Höhe: »Ich lach' sie aus, die Mädels, die alles mitmachen und jetzt auch die klobigen Dinger tragen.« Und der »Wachhund der Fußgesundheit« (Thomsen über Thomsen) urteilt: »Die wissen ja gar nicht mehr, was Schreiten ist.«

Doch Otto Büscher, Hauptgeschäftsführer im »Bundesverband des Deutschen Schuheinzelhandels«, findet: »An Füßen langbeiniger Mädchen sieht das verdammt gut aus. Grazilität auf so ein massives Podest gestellt, wird noch graziler.«

Die widersprüchlichen Ansichten gelten einem Mode-Phänomen, das in diesem Frühjahr die westliche Welt beherrscht: Auf der Fifth Avenue in New York wie über Roms Via Veneto, in der King's Road Londons wie in Samt-Germain-des-Prés in Paris stelzen die Mädchen (ob sie nun weitschwingende Hosen oder auch Rockreste tragen, die kaum mehr das Gesäß bedecken) auf zehn Zentimeter hohen Plateau-Sohlen und noch höheren Blockabsätzen. Plattformschuhe, meldet die Jourdan-Boutique an den Champs-Elysées, machten nun »85 Prozent des Verkaufs« aus. »Nach Schuhen mit normalen Sohlen greift überhaupt niemand mehr«

Die Bundesrepublik hinkt nicht hinterher: Über den Jungfernstieg in Hamburg und über den Kurfürstendamm in West-Berlin stolzieren schon modebewußte Mädchen, als hätten sie Braunkohlenbriketts unter den Füßen. »Fleißig üben«, empfiehlt das Journal »Brigitte« und wünscht »Hals- und Beinbruch«. Männer schrumpfen neben den Klotz-Mädchen ungefähr auf den Zustand, auf dem die Women's Liberation sie haben will -- sie werden klein und mickrig. »Mein Mann«, fand die Pariser »Brigitte«-Korrespondentin Renée Rebuffat, »ist neben mir gar nicht mehr vorhanden«

Die Befürchtung. daß Fachkliniken für Orthopädie demnächst möglicherweise mehr Patientinnen mit Fußgebrechen aufnehmen müßten, erscheint nicht so abwegig. Auch der »Verband deutscher Schuhgroßhändler« rechnet damit, daß in diesem Jahr »gut ein Drittel aller Damenschuhe« der neuen Moderichtung folgen werde. »Schulmädchen wie ältere Semester springen drauf«, meldet die Einkaufsgenossenschaft »Deschuh« in Düsseldorf.

»In rauhen Mengen«, so das »Institut für Schuhmode«, gehen die Klumpschuhe weg. Die Frankfurter Boutique »Caprice« war schon im Februar ausverkauft. Jedes zweite Paar Freizeitschuhe, so das Mode-Institut, würde in diesem Sommer mit Massiv-Sohlen ausgestattet sein.

Verkaufsgespräche, so die »Caprice« -- Chefin Irmgard Uthe, beginnen nicht selten mit der Frage: »Knicken sie leicht um?« Die Verkäuferinnen sind gehalten, die Kundinnen darauf hinzuweisen, daß die neue Form doch erheblich von der gewohnten abweicht -- und etwa 50 Käuferinnen mußten unterschreiben, daß sie die »Riesenbrocken« auf »eigene Gefahr« erworben hätten.

Die Mode-Schnurre hat eine lange Geschichte. Schon vor zweieinhalbtausend Jahren führte der griechische Dichter Sophokles den Kothurn für die Darsteller von Tragödien ein; mit den Schauspielern gelangte die dicke Sohle auch ins alte Rom, wo sie von den Damen freudig als Modeneuheit akzeptiert wurde.

Andere Vorläufer des Modegags waren die Hochschuhe japanischer Geishas, die europäischen »Trippen« aus dem 16. Jahrhundert und gewiß auch die holländischen »Klompen« -- dicksohlige Holzschuhe, die viel Lärm verursachen und der Gesundheit eher abträglich sind.

Italiens Schuster, die jahrelang die Schuhmode mit Pfennigabsätzen und überspitzen Formen beeinflußten, setzten sich nun auch an die Spitze der Dicksohlen-Bewegung. Zuerst waren die neuen Sohlen aus Holz gefertigt (Büscher: »Wer das trägt, soll sich ruhig die Knochen brechen"), dann aus Kork oder aus dem Kunststoff Polyurethan (Institut für Schuhmode: »In gewissen Grenzen flexibel").

»Je höher, desto besser«, lautet die Devise auf der Londoner King's Road. Derzeitiger Absatz-Höchststand: 18 Zentimeter. »Wer abstürzt«, unkte die Frankfurter »Caprice«-Chefin Uthe, »ist selber schuld: Einer muß nachgeben -- der Fuß oder der Schuh.«

Nachgeben kann die Schuhindustrie vorläufig nicht. »Wir müssen da durch«, sagt Büscher, »die Massivität muß voll ausgekostet werden, bevor wir zu feineren Linien kommen.« Denn: »Das ist wie ein Naturgesetz.«

Wer denkt, die Klompen-Abkömmlinge seien nur eine flüchtige Erscheinung, täuscht sich. Die Wintermode wartet schon hinter der Tür: mit hohen Absätzen, nichts als hohen Absätzen und dicken Kreppsohlen an Stiefeln.

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