Fliegende Farben - DER SPIEGEL
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DESIGN Fliegende Farben

Architekten bekennen sich wieder zur Innenarchitektur: Vier neue Trends bestimmen die Raumgestaltung in den USA.
• aus DER SPIEGEL 9/1978
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alte Kunden erkannten ihre Bank nicht wieder. Nachdem die traditionsreiche »Banco di Napoli« ihre New Yorker Filiale vom Wallstreet-Distrikt an die Park Avenue im mittleren Manhattan verlagert hatte, präsentierte sich das einstmals bis auf die Knochen der Kassierer konservative Kreditinstitut in modernstem, superschickem Design: knallrot und schwarz, in Bronzeglas, poliertem Granit und rostfreiem Stahl, mit funkelnden Wänden und spiegelnden Decken.

Geradezu provozierend war der weithin leuchtende, gepanzerte Zylinder mit Tresor und Schaltern direkt an die Drehtür, fast auf die Straße gerückt.

Das neue elegante Image, das die Architekten-Gemeinschaft Skidmore, Owings & Merrill dem ehrwürdigen Geldunternehmen verpaßt hat, ordnet die US-Fachschrift »Progressive Architecture« ("PA") unter der Bezeichnung »Fancy« ein.

Fancy«, so die Trendsetter, ~si das »Neue Rokoko": dekorativer Modernismus, ohne aufgesetztes Ornament -- eine Reaktion auf die »Exzesse« des Modernismus in der Raumgestaltung der jüngsten Vergangenheit, auf die Auswüchse mi Weglassen.

Die Moderne war in eine Sackgasse geraten, als das Angebot »weniger ist mehr« allzu skiavisch befolgt worden war, bis zur Konsequenz »nichts ist gar nichts«, wie Spötter formulierten.

So gut wie gar nichts schienen die Stildeuter auch noch beim sparsamsten der neuen Trends vorzufinden, den sie unter dem Stichwort »Plain« als »neuen Minimalismus« einordnen.

Als Anschauungsmodell für den klaren »demokratischen Stil« -- der die ühertriebene Kargheit des Modernismus nur vorsichtig korrigiert -- gilt die monochrome Ästhetik des Designers Joseph D'Urso bei der Ausstattung der Schauräume für den New Yorker Modeschöpfer Calvin Klein.

Kleins Kreationen sind für Einfachheit und Understatement bekannt. Das gleiche kann für die Arbeit D'Ursos gelten.

Der Innenarchitekt legte alle Böden mit dunkelgrauem Industrieteppich aus, täfelte die Wände mit weißer Hochglanz-Emaille und placierte über der Laufstrecke der Mannequins einen langen Deckenspiegel, in dem die Kunden die Vorführmädchen -- spiegelverkehrt -- auch bei größtem Andrang verfolgen können.

D'Urso, findet Modemacher Klein, habe seiner Stilauffassung so treffsicher entsprochen, daß er nun auch weitere Räume in Chicago und Dallas von ihm einrichten läßt.

Wesentlich farbiger als die maschinenhafte Ästhetik von »Plain« wirken zwei weitere, völlig entgegengesetzte Trends, die von den »PA«-Autoren katalogisiert wurden:

* »Real«, praktische Umwelt, an physischen Bedürfnissen orientiert, gebaut und begreifbar;

* »Unreal«, Platz für Phantasie, Dienst an der Psyche, mehr gemalt als eingerichtet.

Alle vier Stilrichtungen belegen, daß Architekten sich wieder intensiver dem Innenraum der Häuser widmen, getreu der alten chinesischen Weisheit: »Nicht vier Wände machen ein Haus, sondern der Raum dazwischen.«

Zahlreiche amerikanische Architekten, die jahrelang nur auf Fassaden und Grundrisse ihrer Bauten fixiert waren, entdecken wieder die Einheit von Außenbau und Ausbau.

Besonders bunt treiben es dabei die, meist im Team mit Malern und Designern arbeitenden, Vertreter der Richtung »unreal«. Typische Beispiele ihrer Kreativität sind das comic-ähnlich angemalte Murray House in Cambridge (US-Staat Massachusetts) und die Nueva-Schule im kalifornischen Hillsborough, in der das Designer-Team »Flying Colors« außer den Farben auch die Zeiten fliegen ließ: buchstäblich, am Beispiel einer Uhr, um den Unterricht zu beflügeln, wie sie meinen.

Ein weiteres Paradestück dieser Richtung fand der amerikanische Architekt Frank Israel unweit der Londoner King's Road, wo der Maler Duggie Fields aus seinem Appartment und Atelier so etwas wie ein »Gesamtkunstwerk« gemacht hat: Aus eigenen Bildern und vielerlei Trödel, mit bemalten Wänden und künstlerisch verfremdeten Fenstern -- und hie und da phantastischem Dekor, wie dem Arm einer Schaufensterpuppe, der über eine Gardinenstange gehängt ist.

Derlei Accessoires fehlen freilich in der Umwelt, die sich die Familie Shinefield von den Architekten Charles Moore und Dimitri Vedensky auf einem Hügel in San Francisco einrichten ließ -- sie ist »real« und das in Perfektion.

Die Shinefields »wußten, was sie wollten«. Sie bekamen mehr.

Moore und Vedensky renovierten das Haus, das 1910, vier Jahre nach dem großen Beben, an einem der schönsten Punkte der Stadt errichtet worden war, mit Ausblick auf die Bay und die Brücke »Golden Gate«.

Mr. und Mrs. Shinefield -- er Kinderarzt, sie T-Shirt-Designerin -- wollten die Räume, nicht aber den Charakter des Hauses verändern; der fertigen Arbeit sollte zudem »nie anzusehen sein, was es gekostet hat«. Moore und Vedenksy, darüber hinaus, wollten Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden. Gelungen ist ihnen Zeitloses -- ein Raum für viele Zwecke, mit fließenden Übergängen.

Die Vorbilder der neuen Trends zeigen bereits Breitenwirkung, sie werden weithin diskutiert -- ein neues Bewußtsein für Raumgestaltung scheint sich anzubahnen.

Peiro Getzel, Filialleiter der »Banco di Napoli« in New York, mußte mittlerweite die Rolle eines Fremdenführers übernehmen: Sein Haus wurde zum Ausflugsziel für Architekten und Schaulustige.

Eine immer wiederkehrende Frage überhört er mit trotziger Liebenswürdigkeit -- die Frage nach den Kosten.

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