VIDEO Flöhe im Sack
In der Kommission saßen Manager und Techniker von 122 Video-Geräte-Produzenten und Kamera-Herstellern. Jahrelang werde die Runde tagen, so hatten Experten prophezeit, und wahrscheinlich wenig zuwege bringen.
Denn die Runde sollte erreichen, was der Video-Branche in den letzen zehn Jahren nicht gelungen war - eine einheitliche Norm für Video-Bänder- und Geräte zu vereinbaren.
Doch Ende letzten Monats, nach nur zwölfmonatigen Beratungen, hatte sich das Gremium zum Erstaunen der Fachwelt geeinigt: Statt der drei herkömmlichen, technisch völlig unterschiedlichen Video-Systeme wird es in Zukunft eine einheitliche Video-Technik geben - wie bei der Tonband-Kassette sollen dann auch Video-Bänder in jedem Recorder abspielbar sein. »Eine Sensation«, kommentierte Sanyo-Manager Albrecht Gasteiner.
Zentraler Punkt der Vereinbarung sind die technischen Richtlinien für die neue Einheitskassette: In ihrem, im Vergleich zu herkömmlichen Video-Kassetten zwergenhaften Plastikgehäuse (Abmessungen: 95 mal 62 mal 15 Millimeter) soll sich ein nur acht Millimeter breites, metallbeschichtetes Band spulen.
»Die Nachricht hat wie ein Blitz eingeschlagen«, so Dr. Klaus Müller-Neuhoff vom Deutschen Video Institut in Berlin. Verwirrt und verunsichert rätselten Video-Besitzer und Händler, ob es für ihre althergebrachten Geräte demnächst noch Ersatzteile und Bandmaterial geben werde. »Die Aufregung war groß«, so Dr. Michael Thiele von Grundig, »aber unbegründet.«
Denn vorerst soll, so die Vereinbarung der Norm-Kommission, die neue Baby-Kassette ausschließlich für die nächste Generation von Video-Kameras verwendet werden. Erst 1986 werden die ersten Einheits-Recorder auf den Markt kommen.
Damit begänne dann das Ende eines System-Chaos, das die Video-Käufer seit S.246 über einem Jahrzehnt verwirrt und die Verbreitung von Video erheblich gebremst hat: Anstatt sich am Anfang der Video-Ära zusammenzusetzen und sich auf eine einheitliche Technik zu einigen, entwickelten die großen Hersteller mit Millionenaufwand im sinnlosen Konkurrenzkampf eigene Recorder-Varianten.
Am erfolgreichsten war dabei (mit einem weltweiten Marktanteil von inzwischen 64 Prozent) die Victor Company of Japan (JVC), eine Tochter des Elektronik-Konzerns Matsushita, mit ihrem »VHS-System«; Sony entwickelte sein »Beta-System« (Marktanteil: 18 Prozent), bei dem die Bildsignale »dicht an dicht« (japanisch: »beta") auf dem Videoband gespeichert werden; 1980 brachten Philips und Grundig mit »Video 2000« eine weitere Rekorder-Variante auf den Markt. Die Folge: Kassetten eines Systems passen nicht in andere Gerätetypen.
Die eigentlich längst fällige Einigung auf ein einheitliches Recordersystem brachten die Hersteller freilich nicht aus eigenem Antrieb zustande: Vielmehr wurden die Konkurrenten von dem machtvollen japanischen Industrie-Ministerium (Miti), das durch Direktiven die Entwicklung der japanischen Technologie und Wirtschaft erheblich beeinflußt, zur Einigung gezwungen. »Nach westlichen Maßstäben ist es ein Wunder«, so Gasteiner, »daß man diese Flöhe in einen Sack gebracht hat.«
Dabei nützte das Ministerium rücksichtslos die japanische Marktmacht auf dem Video-Sektor aus: 90 Prozent aller verkauften Video-Recorder kommen aus japanischen Fabriken. Wenn sich erst einmal die einheimischen Hersteller über ein Video-Normsystem einig seien, so der Plan des Ministeriums, müßte der Rest der Welt zwangsläufig nachziehen.
Die Rechnung ging auf: Auf Order des Ministeriums trafen sich Vertreter der japanischen Hersteller, kurze Zeit später stießen Philips-Abgesandte dazu - am Schluß saßen alle Recorder-Produzenten, Kassettenhersteller und Kamera-Fabrikanten mit am Tisch. »Für Video ist dies der Beginn einer neuen Ära«, so der JVC-Manager Junko Yoshida über das Ergebnis der Verhandlungen.
Verhindert wurde durch die Einigung auf eine Kassetten-Norm vor allem dadurch, daß bei den Video-Kameras ein ähnliches System-Chaos entsteht wie bei Video-Recordern; auf dem besten Wege dazu war die Branche schon: Viele Hersteller - etwa Grundig, Panasonic und Hitachi - hatten eigene Mini-Kassetten für eine neue Generation von nur drei Kilo schweren, tragbaren Video-Recordern ("Portables") entwickelt; später, so die Pläne, sollten die Klein-Kassetten direkt in die Kameras integriert werden.
Dank der Acht-Millimeter-Normkassette könnten, so jedenfalls hoffen die Hersteller, die Video-Kameras das nächste S.247 Milliardengeschäft der Video-Branche werden: Über kurz oder lang, so erwarten sie, werden Hobby-Filmer ihre Super-8-Kameras beiseite legen und sich einen Kamera-Recorder anschaffen.
Denn die neuen Video-Kameras - erste Prototypen werden auf der diesjährigen Berliner Funkausstellung vorgestellt - sind ebenso leicht und einfach zu handhaben wie herkömmliche Filmapparate, aber wesentlich vielseitiger: Die Baby-Kassette wird in das Gerät eingelegt, ein integriertes Miniatur-Aufnahmegerät zeichnet das Gefilmte auf, das Ergebnis kann Sekunden später am Bildschirm betrachtet werden. Dazu muß die Kamera lediglich per Kabel mit einem Fernsehgerät verbunden werden.
Zwar werden die Kamera-Recorder, wenn sie nächstes Jahr in die Geschäfte kommen, mit Preisen zwischen 1600 und über 3000 Mark wesentlich teurer sein als herkömmliche Filmapparate - dafür jedoch kostet die Ein-Stunden-Kassette wesentlich weniger als Filmmaterial mit entsprechender Spieldauer. Überdies kann das Magnetband beliebig oft überspielt werden.
Erst wenn es - etwa durch Verwendung dünneren Bandmaterials - den Technikern gelingt, die Spieldauer der Klein-Kassetten auf mindestens drei Stunden zu verlängern, wollen die Hersteller die ersten Einheits-Recorder zur Aufzeichnung von TV-Programmen auf den Markt bringen - eine neue Generation von Video-Geräten, die in den nächsten 15 Jahren die herkömmlichen Video-Systeme verdrängen wird. »Das wird jedoch nicht schlagartig gehen«, so Thiele, »sondern ganz langsam und gemach.«