MUSEEN Flops im Sauseschritt
Vor ein paar Monaten in Las Vegas wirkte der Optimismus von Thomas Krens noch unerschütterlich. Der Chef der New Yorker Guggenheim Stiftung kam ganz gelassen und in Lederkluft auf seinem Motorrad angerauscht, um sein jüngstes Museum und nebenan noch eine Ausstellungshalle zu eröffnen. Die Spaßdemonstration war umso überzeugender, weil er seine Freunde aus dem Guggenheim-Motorrad-Club mitbrachte, darunter die Hollywood-Stars Dennis Hopper, Lauren Hutton und Jeremy Irons.
Aber der kuriose Mix aus Glamour und Hard-Rock-Party nutzte nichts. Ebenso wenig wie die schillernde Umgebung: Die beiden neuen »Guggenheims«, die von dem holländischen Stararchitekten Rem Koolhaas entworfen und im Oktober eröffnet wurden, stehen in der Kitsch-Hotelstadt »Venetian«. Nur animieren sie nicht so viele Wüstenstadttouristen zum Kunstgenuss, wie Krens prophezeit hatte. Statt erhoffter 5000 Besucher pro Tag kommen nur 3000.
Der schleppende Start unter der Sonne Nevadas ist die kleinste aller Krisen im Reich der Guggenheim-Museen. Krens, 55, kann - und mag - nicht leugnen, dass viele seiner lauthals angekündigten Museums- und Kooperationsprojekte von Venedig bis Tokio gerade sang- und klanglos zu scheitern drohen.
Nicht nur das: Ausgerechnet am Hauptstandort New York will er Ausstellungsflächen reduzieren, außerdem 80 von 440 Mitarbeitern entlassen, möglicherweise ein Museum schließen und überhaupt »alles etwas langsamer angehen lassen«.
Überraschende Worte aus dem Munde des erfolgsverwöhnten Kunst-Gullivers, der im Sauseschritt über den Planeten zischt und ständig nach neuen Museumsgrundstücken und Sponsoren Ausschau hält. Nun musste er in New York auch noch zwei seit langem angekündigte Ausstellungen absagen: eine über den modernen Klassiker Kasimir Malewitsch, die andere über den US-Künstler-Superstar Matthew Barney.
Kunsthistoriker und Betriebswirtschaftler Krens sieht es so: »Es ist eine ganz normale Managementstrategie, sich regelmäßig neu zu organisieren.«
Peter Weibel, Chef des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe und einer der Kooperationspartner von Krens, sagt dagegen: »Das Guggenheim-Prinzip ist am Ende.« Zu schnell sei dieser private Museumskonzern in den vergangenen Jahren gewachsen, nun fehle es an Geld.
Bestimmt werden sich jetzt einige Konkurrenten schadenfroh die Hände reiben, vor allem solche, die schon immer meinten, dass ein Museum nicht wie ein beliebiger Kaffee- oder Cheeseburger-Filialist geführt werden sollte. Bisher klang bei solchem Genörgele immer auch Neid durch. Denn Mega-Manager Krens schien alles zu gelingen. Aus der betulichen Guggenheim-Stiftung machte er einen Weltkonzern. Zunächst gehörten dazu nur das weltberühmte, aber etwas angestaubte Solomon Guggenheim Museum an der Fifth Avenue, eine Filiale im New Yorker Stadtteil SoHo - über deren Schließung Krens nun nachdenkt - und die Sammlung Peggy Guggenheim in Venedig.
Der Urknall, der eine fast schon imperiale Energie freisetzte, war der Blitzerfolg des 1997 eröffneten Guggenheim-Museums im baskischen Bilbao - zu dem mittlerweile jedes Jahr mehr als eine Million Touristen pilgern. Mit der Deutschen Bank eröffnete Krens eine Ausstellungshalle in Berlin, mit der traditionsreichen russischen Eremitage nun das Museum in Las Vegas und nebenan einen eigenen Kunstraum.
Seine liebste Museumsvision aber wird womöglich nie Wirklichkeit werden: Ihre
glitzernde Gestalt verdankt sie dem Architekturmaestro Frank O. Gehry, von dem auch der pompöse Knautsch-Bau in Bilbao stammt. Gehry hatte den Auftrag angenommen, ein weiteres Guggenheim für New York zu entwerfen - und lieferte das Modell einer bombastischen Silber-Wolke auf Stelzen ab: Mittlerweile gilt das Blech-Knäuel als das berühmteste ungebaute Museum der Welt. »Die Chancen, dass es einmal eröffnet wird, stehen fünfzig zu fünfzig«, gesteht Krens nun ein.
Denn die Kosten werden von ihm auf gigantische 900 Millionen Dollar geschätzt - trotz intensiver Sponsorenfahndung hat er erst ein Drittel beisammen. Den größten Teil davon spendiert der Guggenheim-Präsident Peter B. Lewis. Natürlich suche er weitere Geldgeber, Schecks könne er aber noch nicht präsentieren, sagt Krens.
Schlechte Zeiten selbst für Sponsorenlieblinge wie ihn. Er kann sich damit trösten, dass er nicht der einzige Museumschef mit Geldproblemen ist. Und das nicht nur, weil die Kunstmäzene - auch schon vor dem 11. September - knauserig geworden sind. Viele amerikanische Privatmuseen haben zudem Teile ihres Stiftungsvermögens an der Börse angelegt. Die aber hat sich noch nicht vom Absturz des vergangenen Jahres erholt.
Trotzdem seien die Aussichten für Gehrys Entwurf nach dem 11. September besser als vorher, glaubt Krens. Zwar leide die Stadt und damit auch sein Haus unter dem Mangel an Touristen. Doch würden existenzielle Werte wieder eine größere Rolle spielen - zu denen gehöre ganz sicher die Kultur.
Mag sein. Doch die New Yorker sehen auch skeptisch auf alles, was nach der Zerstörung der Zwillingstürme ein neues architektonisches Wahrzeichen in Manhattan werden will. Gehrys Stelzen-Bau, der auf einem stillgelegten Pier über dem East River installiert werden soll, würde die Skyline von New York grell auftakeln. Krens, der nun 60 Millionen Dollar in die Feinplanung stecken will, verspricht deshalb, »flexibel« bei der architektonischen Hülle sein zu wollen. Aber erst in drei Jahren will er eine endgültige Entscheidung über Bau oder Nichtbau treffen. »Bei einem Nein sind die 60 Millionen Dollar futsch.«
Weitere 20 Millionen Dollar haben er und seine Geschäftspartner womöglich schon Ende des Jahres verloren. So hoch ist die Summe, die bisher in das Internet-Projekt »guggenheim.com« geflossen ist. Höhepunkt der Seite ist die rauchige Stimme von Harley-Fan Dennis Hopper, der die Geschichte des Motorrades erläutert - die aber gibt es umsonst.
Doch eigentlich wollte Krens mit der Web-Seite eine nie versiegende Geldquelle erschließen: etwa durch den Verkauf von Bildmaterial, kostenpflichtige Schulungen und Serviceleistungen wie das Buchen von Reisen. Nur scheint sich dieser Traum nicht schnell genug zu erfüllen. »Wir sind Jahre davon entfernt, irgendetwas im Internet zu verkaufen«, gesteht Krens.
Das ist nichts Verwerfliches in Zeiten, in denen die E-Commerce-Euphorie in einen Web-Frust umgeschlagen ist. Doch die erst halbfertige Utopie von der »einzigen wirklichen globalen Kulturinstitution« (Eigenwerbung) will auch weiterhin bezahlt werden. Und die Sponsorenverträge mit dem Kreditkarten-Giganten Visa oder der Wodka-Marke Absolut bringen nur ein paar hunderttausend Dollar pro Jahr ein. »Das reicht nicht«, sagt Krens.
Und so hat er sich eine Frist gesetzt: Ende 2002 will der Kunst-Manager darüber befinden, ob sich seine Internet-Firma zu einer Cashmaschine mausern kann. Wenn nicht, wird die kommerzielle Seite zu einer schlichten Museums-Homepage umfunktioniert.
In Weibels Zentrum für Kunst und Medientechnologie, das an der Entwicklung der Web-Seite beteiligt war, mag man nicht mehr an eine Zukunft von »guggenheim. com« glauben: »Uns wurde angedeutet, dass wir nicht mehr so viel Arbeit in das Projekt hineinstecken sollen«, sagt Museumschef Weibel.
Seine Enttäuschung hält sich in Grenzen. Er plant ein neues Netzmuseum gemeinsam mit dem Badischen Landesmuseum - und mit einem Zuschuss vom Land Baden-Württemberg: »Im Kunstbetrieb geht es eben doch nicht ganz ohne staatliche Hilfe.«
Dabei galt die private Guggenheim-Stiftung immer als Vorzeigebeispiel dafür, dass man auch ohne öffentliche Mittel Museen betreiben kann. Wenn man sich nur eng genug mit der Wirtschaft verbandelt:
Mit dem Herrenmode-Fabrikanten Boss initiierte Krens etwa einen Kunstpreis, BMW förderte die erste Präsentation der Motorradschau. Oder er organisierte eine Ausstellung über den italienischen Designer Giorgio Armani - der dem Haus prompt 15 Millionen Dollar spendete.
In der übrigen Museumswelt wird das Crossover von Kunst und Kommerzkultur regelmäßig erst kritisiert, dann kopiert. Das New Yorker Metropolitan Museum zeigte die Klamotten von Jackie Kennedy und hängte Kleiderkreationen von Gianni Versace auf, bald nachdem der Designer in Florida ermordet worden war. »Darüber regt sich niemand auf«, klagt Krens.
Ungeniert wird mittlerweile auch Guggenheims gar nicht mehr so erfolgreiches Filial- und Vernetzungssystem nachgeahmt. So will auch das Pariser Centre Pompidou Dependancen gründen. Und das New Yorker Museum of Modern Art hat sich - wie auch etliche europäische Museen - mit dem japanischen Immobiliengiganten und Museumsgründer Minoru Mori verbrüdert. Ärgerlich für die Guggenheim Stiftung, die auch mit Mori verhandelt hatte.
Wer heute neue Museumsdirektoren einstellt, sucht nach Krens-Klonen. Allmählich trifft das Original aus New York weltweit auf lauter gleichgesinnte, wenn auch jüngere Konkurrenten - auf einem hart umkämpften Museumsmarkt.
Derweil entwickelt sich Krens selbst vom Vorreiter zum Opfer seiner eigenen frohen Globalisierungskunde. Immerhin lässt der Unermüdliche in Rio de Janeiro gerade von dem französischen Architektenpromi Jean Nouvel eine Machbarkeitsstudie für ein neues Museum anfertigen. Eine russische Bank hat ein »Guggenheim Moskau« angeregt.
Bei einer Vernissage in der Deutschen Guggenheim in Berlin hat Krens vor kurzem wieder alte Bekannte getroffen. Etwa Hilmar Kopper, den Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank. Mit ihm habe er über das Thema Risiko-Kapital geredet, sagt Krens. Risiken müsse man nun einmal eingehen: »Aber wir sind keine Verrückten, die etwas ohne Sinn und Verstand machen.«
Daueroptimist Krens scheint sich sicher zu sein, dass auch wieder bessere Zeiten kommen. ULRIKE KNÖFEL, MARTIN WOLF
* »The Art of the Motorcycle« in Las Vegas.