Flotte von Terrinen - DER SPIEGEL
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KUNSTMARKT Flotte von Terrinen

Das »Welfensilber« -- Kunstmarkt-Hit und Politikum. Kann das Rokoko-Service eines Hildesheimer Bischofs für deutsche Museen gesichert werden?
• aus DER SPIEGEL 10/1981
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Über Senftöpfe und Zuckerstreuer wuchert Muschelornament, Leuchterarme winden sich wie Ranken, Musikantenfiguren thronen auf Terrinendeckeln, und in Tafelaufsätzen, die wie Pavillons geformt sind, finden galante Feste statt.

Diese glänzende Tischzier, vor reichlich 200 Jahren im bayrisch-schwäbischen S.231 Augsburg aus Silber hergestellt und ins Norddeutsche geliefert, ist weit mehr als bloß ein fürstliches Service des Rokoko. Sie gilt vielmehr in München als »nationales Monument des Kunsthandwerks in Bayern«, wird in Stuttgart als »ein Stück schwäbische Kultur« geschätzt, und in Hildesheim ist sie gar ein unentbehrliches »Teil Identität«.

Von den Museumsleuten, die so schwärmen, ist keiner ganz ohne Chance, den Silberschatz für sein Haus zu erwerben. Er ist ihnen, freilich für Millionen, durch Kunsthändler angeboten. Und an zwei Orten sind Partien der Offerte zur Förderung der Kauflust auch vorläufig ausgestellt: der größere Teil im Bayerischen Nationalmuseum, ein kleinerer im Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim.

Nach Hildesheim hatte das lange unzugängliche und erst vor kurzem wieder aufgetauchte Tafelsilber ursprünglich gehört. Es war eine Bestellung des dortigen Fürstbischofs Friedrich Wilhelm von Westphalen, der sein Amt 1763 angetreten hatte.

Der geistliche Herr fand damals ein leeres Haus vor. Seine Vorgänger waren 200 Jahre lang aus der Familie Wittelsbach gekommen. Die nötige Ausstattung brachten sie selber mit, und sie wurde nach dem Tod eines Bischofs jeweils von der Familie wieder abgeholt.

Also nahm Friedrich Wilhelm einen Kredit von 50 000 Talern als Vorschuß auf seine Einkünfte kommender Jahre und bestellte unter anderem drei Züge Pferde sowie vier Hofkutschen. In Augsburg, dem in Deutschland führenden Ort der Branche, gab er ein standesgemäßes Silbergeschirr in Auftrag. Preis allein dafür: 21 922 Taler, 6 Groschen, 5 Pfennige.

Die stattliche, wenngleich nach den Maßstäben regierender Zeitgenossen keineswegs exorbitante Summe verschaffte dem Fürstbischof nicht nur ein (wegen des Materials) wertbeständiges, sondern auch modernes Service. War vorher schlichtes Geschirr üblich gewesen, so neigte das 18. Jahrhundert zu reichem Dekor, ja zu zweckfreien Kunstgegenständen als Tafelaufsätzen. Der gedeckte Tisch wurde, einem Fachautor zufolge, ein »Ort des erholsamen Verweilens und der Besinnung«.

Von derlei »profanem Kultgerät«, dem an damaligen Höfen gebräuchlichen »Wald von Leuchtern, der Flotte von Terrinen« (so der Münchner Museumskonservator Klaus Maurice), ist heute freilich kaum noch eine Anschauung zu gewinnen. Das meiste Tafelgerät wurde noch im 18. Jahrhundert wieder eingeschmolzen, nur schätzungsweise ein Prozent blieb übrig.

Das Hildesheimer Service entging als »dauerndes Inventar« des Fürstbistums dem Schmelzofen. Auf vorerst dunklen Wegen gelangte es schließlich zum Auktionshaus Sotheby Parke Bernet und in dessen Genfer Filiale am 12. November letzten Jahres zur Versteigerung.

Fest steht, daß infolge der Säkularisation das -- deswegen auch »Welfensilber« genannte -- Service an das Königreich Hannover übergegangen war. 1866, nach der Annexion des Landes durch Preußen, entwich der bis dahin regierende Monarch nach Österreich -- mit dem Welfensilber im Gepäck? Sotheby gab jetzt kühl bekannt, die königliche Familie habe das Service anscheinend »im ersten Viertel dieses Jahrhunderts« veräußert. Demgegenüber hält sich die Vermutung, in Wahrheit sei es »erst vor kurzer Zeit ausgeführt und zur Versteigerung freigegeben« worden ("Handelsblatt").

Das Tafelsilber, rund 600 Einzelstücke, ist also ein Kunstmarkt-Hit und ein Politikum. Dr. Helmut Seling, Münchner Antiquitätenhändler und Autor eines dreibändigen Spezialwerks über die Augsburger Goldschmiedekunst, findet es »sensationell, daß es etwas in dieser Geschlossenheit überhaupt noch gab«, und reklamiert die Ware entschieden für den »deutschen Kulturbereich«. »Kein Land der Welt, außer vielleicht Deutschland, hätte dieses Service ausreisen lassen.«

Bei Sotheby in Genf kam das Silber in 67 Partien zur Versteigerung, wurde restlos verkauft und brachte zusammen mehr als 5 Millionen Franken. Selings Ersuchen, das Ensemble abschließend noch einmal geschlossen auszubieten, war abschlägig beschieden worden.

»Aus einer Art kultureller Verantwortung« hatte der Händler, der auch gemäß dem »Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung« beim Bundesinnenministerium gutachtet, eine Auktionsstrategie entwickelt. Als Fachmann ohne Eigenkapital trieb er ausländische Finanziers wie seinen Londoner Kollegen S. J. Phillips auf und überredete Einzelinteressenten, nicht mitzubieten.

In »offener Feldschlacht« (Seling) mit dem Würzburger Händler Albrecht Neuhaus, der gern »diese Dinge direkt« und damit relativ billig nach Deutschland gebracht hätte, schnellten dennoch die Preise in die Höhe -- für das teuerste Stück, den größten Tafelaufsatz, auf 560 000 Franken. Im Frühjahr S.232 zuvor hatte Seling ein vergleichbares Stück für 100 000 Franken ersteigert.

Das von Seling instruierte Konsortium erstand schließlich für rund vier Millionen Franken (einschließlich Aufgeld) eine gezielte Auswahl von 130 exemplarischen und besonders prächtigen Stücken, Neuhaus 122 vergleichsweise bescheidenere Teile. Seling bietet seinen Erwerb für 6,5 Millionen Mark in München an, Neuhaus den seinen für 1,7 Millionen in Hildesheim. Beide Händler halten, während die Kreditzinsen an der Gewinnspanne zehren, ihre Offerte noch bis Ende März aufrecht.

Seling hatte freilich auch die Idee vertreten, daß »die Bundesländer Objekte in dieser Größenordnung gemeinsam erwerben und vielleicht vom Bund mit einem Zuschuß versehen werden« sollten -- eine Art Nationalstiftung ad hoc. Eine vergleichbare Aktion war, von Ex-Bankier Hermann Josef Abs koordiniert, schon einmal geglückt, als 1978 in London der Nachlaß des deutsch-jüdischen Emigranten Robert von Hirsch versteigert wurde. Gelder der Nationalstiftung sicherten damals romanisches Goldschmiedewerk und Dürer-Aquarelle für deutsche Museen.

Auch fürs Hildesheimer Silber setzte Abs sich ein, als Seling ihn darum anging. Und auf sein Betreiben stand das Thema auf der Tagesordnung, als am 19. und 20. Februar die Leiter der Länder-Staatskanzleien in Bonn die nächste Ministerpräsidentenkonferenz vorbesprachen. Eine Empfehlung indes kam nicht zustande.

Statt auf eine konzertierte Länder-Aktion setzt Lenz Kriss-Rettenbeck, Chef des Bayerischen Nationalmuseums, auf den »Sammelansatz« für zwölf staatliche Münchner Sammlungen, der pro Jahr 5 Millionen Mark bereithält. Soll das Tafelsilber damit erworben werden, müssen Kriss-Rettenbecks »Kollegen ihre Ansprüche auf Jahre reduzieren«.

Wenn der Münchner Kauf nicht zustande kommt, so steht in Stuttgart das Württembergische Landesmuseum mit einer -- vorerst vagen -- Aussicht auf Sondermittel aus Lottogeldern bereit. Hildesheim ist am ärmsten dran. Sicher sind ihm nur je drei Kannen und Platten, die eine lokale Stiftung in Genf ersteigert hat. Doch mit dazu beigesteuerten 30 000 Mark sieht das Land Niedersachsen seine Pflicht als erfüllt und seine Möglichkeiten als erschöpft an.

Dabei möchte Museumsdirektor Arne Eggebrecht nicht nur die von Neuhaus angebotenen Stücke kaufen, sondern »die Tafel wieder komplett anrichten« -- notfalls durch periodischen Leihverkehr mit München. Vorerst richtet er einen »dringenden Appell« an private Spender: Von dem Silber-Angebot müsse »ganz Deutschland, speziell aber Norddeutschland und Niedersachsen gleichsam ''national'' berührt sein«.

S.231Oben: Leuchter von Johann Philipp Heckenauer. Unten: Tafelaufsatzvon Bernhard Heinrich Weyhe (ausgestellt im BayerischenNationalmuseum).*

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