Erste Hilfe Folie als Feigenblatt
Kurz greift sich der Mann in der U-Bahn-Station an die stechend schmerzende Brust, schnappt nach Luft, dann knicken ihm die Beine weg: plötzlicher Herzstillstand. Aus dem Mundwinkel rinnt ein feiner Speichelfaden über das bläulich-blasse Gesicht. Das ist das Zeichen zur Flucht. Die umstehenden Fahrgäste entfernen sich betont unauffällig.
Geht es nach dem Willen von Notfallspezialisten und Industrie, sollen die zufälligen Zeugen in dieser Situation das Portemonnaie zücken: Zum Vorschein kommt eine Plastikfolie mit einem fünfmarkstückgroßen Filter aus Spezialvlies, zusammengefaltet nicht sperriger als ein Erfrischungstuch.
Jeder Laie soll die Folie auf dem Gesicht des Patienten plazieren können, Ekel und Angst vor Aids überwinden und mit der Beatmung durch Nase und Mund beginnen. Seit kurzem gibt es das »Notfall-Beatmungstuch« der Gräfelfinger Firma Laerdal Medical in den meisten Apotheken zu kaufen. Preis: vier Mark.
Nötig ist die Folie nicht, ihre Wirkung ist psychologisch. »Sie hat ganz klar eine Feigenblattfunktion«, sagt der Würzburger Anästhesiologe Professor Peter Sefrin: »Die Folie soll die Berührungsängste senken.« Seit dem Höhepunkt der Aids-Diskussion Mitte der achtziger Jahre wird fast gar nicht mehr von Mund zu Mund beatmet, stellt Sefrin, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bayerischer Notärzte, verbittert fest: »Die Ursachen sind Egoismus und Unsicherheit.«
Mehr als 90 000 Menschen sterben in der Bundesrepublik jährlich an den Folgen eines akuten Herzinfarktes; bis zu 10 000 hätten eine Chance zu überleben, wenn sie innerhalb von drei Minuten Herzmassage und Atemspende erhielten.
»Wenn man die Verweigerung der Ersten Hilfe aus Angst vor Aids durch diese Tücher bekämpfen kann, ist das eine sehr humane Sache«, sagt Professor Meinrad Koch, Leiter des Aids-Zentrums des Bundesgesundheitsamtes. Aus diesem Grund empfiehlt auch die Bundesärztekammer die Folien. Wenn das Produkt erst einmal am Markt eingeführt ist, soll eine Aufklärungskampagne zur Wiederbelebung gestartet werden.
Dabei ist die Angst vor einer Aids-Infektion bei Mund-zu-Mund-Beatmung denkbar unbegründet. Das Risiko ist minimal, noch geringer als beim Küssen. Die gesamte Fachliteratur kennt keinen Fall einer Aids-Infektion bei Erster Hilfe.
Notfall-Experte Sefrin rät auch im Aids-Zeitalter zur Wiederbelebung ohne Scheu und ohne Schutz: Kleiner als 1:50 000 ist das Risiko, auf einen Träger des HIV-Virus zu treffen und sich dann auch noch zu infizieren, wie das Münchner Max-von-Pettenkofer-Institut errechnet hat. Zum Vergleich: Das Risiko eines tödlichen Unfalls im Straßenverkehr liegt bei etwa 1:7500.
Die geringe Infektionsgefahr wird durch die Folie weiter gemindert. Der feuchtigkeitsbeständige Vliesfilter, der geringe Ausatmungsdruck des Patienten und die Schwerkraft wirken zusammen und machen für den Beatmer den Kontakt mit dem Speichel des Bewußtlosen unwahrscheinlich.
Noch in diesem Monat soll eine weitere Beatmungsfolie, genannt »Ambu-Life-Key«, in die Apotheken kommen. In die Mitte dieser Folie ist ein kleines Kunststoffventil eingeschweißt, das den Helfer auch bei stark blutenden Wunden im Mundbereich schützen soll. Doch der Pfennig-Artikel wird 14 Mark kosten - zuviel für eine reine Vorsorgemaßnahme.
Dennoch hofft auch die »Life-Key«-Vertriebsfirma Heraeus darauf, daß das Bundesverkehrsministerium die Folie zwingend für die mehr als 31 Millionen Kfz-Verbandskästen in der Bundesrepublik vorschreibt: »Das ist unser Traum.« Für Michael Lenz von der Deutschen Aids-Hilfe wäre das »sehr übertrieben, wie schon die Einführung der Aids-Handschuhe 1988«.
Gegenwärtig wartet das Verkehrsministerium auf die Ergebnisse einer Tauglichkeitsprüfung für die verschiedenen Erste-Hilfe-Folien: »Wir spielen mit dem Gedanken, die Tücher vorzuschreiben, denn das Beatmungsproblem muß gelöst werden.« f