Formidable Affäre - DER SPIEGEL
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Schriftsteller Formidable Affäre

• aus DER SPIEGEL 2/1973
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Ex-Ganove Henri Charrière hat eine Fortsetzung seines Memoiren-Bestsehers »Papillon« geschrieben: »Banco«.

Der Papillon flattert wieder. Jener französische Ex-Sträfling, der vor drei Jahren seinen Ganovennamen »Papillon« (Schmetterling) zum Titel seiner Memoiren gemacht und sich damit zum Bestseller-Autor aufgeschwungen hatte (Wehauflage: 12 Millionen) - dieser Henri Charière hat seinen abenteuerlichen Lebensbericht jetzt fortgesetzt:

In »Banco« schildert er, was ihm nach der Flucht aus dem Bagno in Cayenne widerfahren ist. Die »Papillon«-Fortsetzung, bei Laffont in Paris erschienen, steht schon auf der französischen Bestsellerliste. Bereits im Juli kommt sie bei Molden deutsch heraus.

Das Manuskript hat der nun 65jährige ehemalige Unterweltler, der seit seinem Autoren-Erfolg einen blauen Jaguar fährt, in einer Villa an der spanischen Sonnenküste fertiggestellt -- »Papi«, durch »Papillon«-Tantiemen etwa sieben Millionen Mark schwer, und seine Lebensgefährtin Rita haben den Alterssitz für rund eine halbe Million Mark erworben. Papis Bücherregale bergen ausschließlich »Papillon«-Ausgaben in 23 Sprachen, seine Vitrinen ungezählte Schmetterlinge in vielerlei Form -- gezeichnet und gemalt, aus Papier, Porzellan oder Plastik.

Den Titel seines neuen Memoirenbandes hat Henri Charrière dem Glucksspieler-Jargon entnommen: »Banco« bedeutet das Spiel eines einzelnen gegen die Bank -- ein hohes Risiko. Doch so saftige Abenteuer wie im ersten Band kann er im zweiten nicht mehr bieten. Papillons spätere 25 Jahre in Venezuela sind mit eher mageren Gaunerstückchen gefüllt, und die meisten gehen schief.

In Caracas, zum Beispiel, trifft er einen alten Montmartre-Kumpan namens Paulo, der ihn für eine »formidable Affäre« gewinnt: Papi und Paulo graben sich unter der Straße an einen Banktresor heran. Aber der Tunnel wird entdeckt und eingestampft.

Zusammen mit »Leo dem Großen« raubt er in einer südamerikanischen Stadt, deren Namen er verschweigt, aus einem Leihhaus einen Batzen Schmuck und vergräbt ihn unter einem Baum. Aber als er die Beute später ausgraben will, findet er den Baum nicht wieder -- Straßenarbeiter haben ihn inzwischen gefällt. Charrière: »Banco verloren«.

Trotzdem verhilft dieses Unternehmen den Charrière-Lesern zu einem jener Schauer, die sie von ihrem Papi erwarten: Er wird von der Polizei gefaßt, rüde verhört und schließlich in eine Tiefkühlkammer des Schlachthofs eingesperrt. Als sie ihn wieder herauslassen, zeigen ihm die Polizisten die Leiche seines Komplicen -- »steif wie ein Brett ... sie hatten ihn lebendig eingefroren«.

Bald schon wechselt der Papillon zum ehrlichen Leben über. Er lernt Rita kennen und betont: »Sie ist kein leichtes Mädchen, erst nach drei Tagen gibt sie sich mir hin.« Papi und Rita betreiben ein Hotel, später mehrere Bars in Caracas und versuchen sich am Krebsfang -- glücklos.

Den »Papillon« hatte Charrière noch im Hinterzimmer seiner Bar »Scotch Club« in Caracas geschrieben. »Aber die Nächte von Caracas werden immer vulgärer«, so urteilt er jetzt in »Banco«; der neuen Kundschaft fehle »die Lebensart der privilegierten Klasse«.

Die feine Lebensart hat der arrivierte Abenteurer inzwischen in Paris reichlich genossen -- er rühmt es reichlich rührend in seinem neuen Buch. Seinen Verleger Robert Laffont, 56, bewundert er als »gereiften Typ junger Gott«, und er schwärmt vom Mittagessen in Laffonts »gepflegtem Heim« am Bois de Boulogne: »Ich kann Dir, Leser, nicht genug die bewegende Schönheit dieses Augenblicks beschreiben.« Auch ein Tee-Stündchen bei Simone de Beauvoir hinterließ tiefe Spuren. Papi: »Ich spüre die große Klasse einer Frau, ich spüre Esprit.«

»Es wäre noch einer Untersuchung wert«, so stichelte in ihrer »Banco«-Besprechung jetzt die Zeitung »France-Soir«, »wie das erlesenste literarische Milieu von Paris damals einer solchen Papillon-Schwärmerei erliegen konnte.« Diesmal nämlich blieb das Milieu eher reserviert: Charrière, so erkannte beispielsweise nun »Le Monde«, sei wohl doch kein zweiter Genet.

Den Verleger Laffont ficht das freilich nicht an. Er hat als Erstauflage 200 000 »Bancos« drucken lassen. »Wer »Papillon' gelesen hat«, hofft er, »will auch »Banco' lesen.«

Verleger Fritz Molden will mit 100 000 Exemplaren starten. Für das »Papillon«-Copyright hatte er 50 000 Mark bezahlen müssen. »Banco« kostete ihn jetzt das Dreifache.

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