SARTRE Franz ins Freie
Franz! Franz! Franz!« schrie, stichwortgebend, Regisseur Vittorio De Sica durch den Park. Darsteller Maximilian Schell, in der verschlissenen Uniform eines großdeutschen Wehrmachtleutnants, taumelte über den Rasen auf die Kamera zu,
Sein Gesicht drückte Fassungslosigkeit aus - Schell hatte einen Mann darzustellen, der sich dreizehn Jahre lang Deutschland als verseuchtes Trümmerfeld vorgestellt hatte und nun das Wirtschaftswunder sah.
Schauplatz der Außenaufnahme war der Park des Schloßhotels Tremsbüttel bei Bargteheide in Holstein. Die Szene gehörte zu dem Film »Die Eingeschlossenen von Altona«, den De Sica nach dem Bühnenstück von Jean-Paul Sartre dieser Tage in und um Hamburg, anschließend in italienischen Ateliers bei Pisa dreht.
Mit den »Eingeschlossenen von Altona« wird zum drittenmal ein Bühnenwerk des französischen Existentialisten für die Kinoleinwand adaptiert. 1951 war Sartres Stück »Die schmutzigen Hände«, 1952 »Die ehrbare Dirne« verfilmt worden.
Die Verfilmungsrechte an seinem bisher letzten und wohl schwierigsten Schauspiel, den »Eingeschlossenen«, hatte Sartre nach der Pariser Uraufführung 1959 für 100 000 Dollar dem italienischen Produzenten Carlo Ponti verkauft. An der Drehbuch-Abfassung zeigte sich Sartre, der seinerseits am Drehbuch für den Freud-Film des Amerikaners John Houston arbeitete, nicht interessiert. Er machte nur zur Bedingung, daß Vittorio De Sica den »Altona«-Film inszenieren sollte.
Produzent Ponti verpflichtete den italienischen Star-Regisseur und ließ De Sicas Hausautor Cesare Zavattini ("Fahrraddiebe«, »Umberto D.") das Drehbuch schreiben. Als sich der italienische Produzent später mit Hollywoods »Centfox« zur Koproduktion liierte - die Gesamtkosten des Schwarzweiß -Films werden auf eine Milliarde Lire (6 400 000 Mark) geschätzt -, wurde auch noch der amerikanische Autor Abby Mann ("Das Urteil von Nürnberg") in die Drehbuch-Herstellung eingeschaltet. Mann sollte vor allem Zavattinis Dialoge überarbeiten. Für die Hauptrollen engagierten Ponti-De-Sica »Centfox« den Schweizer Schell, die Ponti-Gattin Sophia Loren, die Amerikaner Fredric March und Robert Wagner.
Den Regisseur De Sica stellte die Aufgabe, Sartres »Eingeschlossene« zu verfilmen, vor ein doppeltes Problem. Einerseits mußte er das langwierige Stück, das Sartre selbst für die Pariser Premiere auf immer noch vier Stunden Spieldauer zusammenstrich, auf handelsübliches Kinomaß reduzieren (De Sica: »Der Film wird immer noch lang genug"); andererseits hatte er das in einem einzigen Haus spielende Bühnenwerk filmergiebig auszuweiten.
Schauplatz des Sartre-Stücks sind die Zimmer einer Elbehaussee-Villa, in der sich der ehemalige Leutnant und Hamburger Werftbesitzer-Sohn Franz Gerlach seit 1946 von seiner Familie und von der Außenwelt abgeschlossen hat. Franz hatte in Rußland Gefangene gefoltert und wollte nach Kriegsende nicht so weiterleben, als sei nichts geschehen.
Der Exleutnant trägt weiterhin Uniform und versucht, sich vor einem imaginären Tribunal des 30. Jahrhunderts für die im Krieg begangenen Untaten zu rechtfertigen. Nur seine Schwester Leni - De Sica möchte die Rolle mit der Französin Anouk Aimée besetzen - darf zu ihm ins Zimmer. Sie versorgt ihn und wird seine inzestuöse Geliebte. (De Sica: »Den Inzest können wir natürlich nur eben andeuten.")
Schwester Leni mildert des Bruders Gewissensbisse, indem sie ihn glauben läßt, Deutschland sei von den Siegern grausam verwüstet worden und die Deutschen würden zu Millionen durch Hunger und Seuchen hinweggerafft.
Nach dreizehn Jahren dieser selbstverordneten Dunkelhaft öffnet endlich die Schauspielerin Johanna (im Film: Sophia Loren), Gattin des jüngeren Gerlach -Sohnes Werner (Robert Wagner), dem Schwager Franz die Augen. Franz muß erkennen, daß sein Vaterland eher unter Verfettung als Verwüstung leidet, daß die Gerlach-Werften mächtiger florieren denn je, daß die Geschichte seine Kriegsverbrechen nicht gesühnt hat.
Darauf verläßt Franz Gerlach sein Zimmer, setzt sich mit seinem kehlkopfkrebs-todkranken Vater in Lenis Porsche und rast über die Elbchaussee in den Unfallfreitod.
Anders als der Bühnenautor Sartre, der seinen existentialistischen Helden hinter der Szene entfernt, läßt nun Regisseur De Sica ("Wir müssen soviel wie möglich ins Freie") dem Film-Franz sichtbaren Auslauf ins deutsche Wirtschaftswunder.
Nachdem der von Maximilian ScheU dargestellte Exleutnant seine Klausur verlassen, die warnenden »Franz«-Rufe seines Vaters ignoriert und den Familienpark durchtaumelt hat, gerät er zunächst an die Elbe und sieht, zutiefst schockiert, die stattlich restaurierte Gerlach-Werft. Danach erblickt er in einem Gasthaus Arbeiter vor dem Fernsehschirm - die Szene wurde im Schulauer Fährhaus gedreht -, beobachtet durch ein Fenster des Reeperbahn-Lokals »Zillertal« hektischen Amüsierbetrieb und erschaut schließlich schaudernd Axel Springers Verlagshochhaus.
Auch den Schauspielerberuf der Dramenfigur Johanna Gerlach will Regisseur De Sica für eine szenische Bereicherung seines Lichtspiels auswerten. So soll die Johanna-Darstellerin Sophia Loren als Mitwirkende in Theater-Aufführungen von Brechts »Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui« und Brecht-Weills »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« zu sehen sein.
Die »Mahagonny«-Szene, in der Sophia Loren den durch die Weil-Witwe Lotte Lenya kreierten »Alabama-Song« vortragen soll, wollte De Sica ursprünglich vom Ostberliner Brecht-Theater am Schiffbauerdamm beziehen. Die Verhandlungen mit der Schiffbauerdamm -Direktrice und Brecht-Witwe Helene Weigel scheiterten jedoch. Nun haben die Filmleute das Stadttheater Heidelberg, das »Mahagonny.« zur Zeit spielt, oder die Hamburger Staatsoper, deren projektierte Brecht-Weill-Aufführung dem 13. August zum Opfer fiel, vielleicht aber im kommenden Herbst nachgeholt wird, als »Mahagonny«-Zulieferer ins Auge gefaßt.
Noch andere Ausweitung erfährt das Sartre-Drama im Film etwa durch den Stapellauf des Tankers »Esso Spain«, den De Sicas Kameramann Gerardi letzte Woche auf der als Gerlach-Betrieb figurierenden Howaldt-Werft filmen durfte, sowie durch den SPIEGEL, der im »Eingeschlossenen«-Film mit einer Titelgeschichte über die Gerlachs und einem Titelbild des von Fredric March verkörperten Werftbesitzers Gerlach erscheinen soll. Im Theaterstück hatte die »Frankfurter Allgemeine« über die Gerlachs berichtet.
Während De Sica zugibt, daß er Kurzgeschichten grundsätzlich lieber als Theaterstücke verfilmt, scheint die spezielle Schwierigkeit, an der manche deutsche Inszenierung der »Eingeschlossenen von Altona« scheiterte - dem Publikum *klarzumachen, daß der deutsche Dekor des philosophieträchtigen Sartre-Stückes nicht realistisch zu verstehen ist -, den Regisseur nicht zu schrecken.
»Nicht wirklich, nicht realistisch«, aber auch nicht nur als Erörterung deutscher Schuld oder als verschlüsselte Auseinandersetzung mit französischen Algerien-Verfehlungen wollte der Existentialist Sartre sein »Altona«-Stück verstanden wissen. Sartre: »Tatsache ist, daß wir in einem Jahrhundert der Gewalt und des Blutes leben, und auf eine gewisse Art haben wir diese Gewalt und diese Ungerechtigkeit in uns selbst. Daher ist das Problem, um das es geht: darzustellen, was wir, heute sind« (SPIEGEL 20/1960).
Filmregisseur De Sica ("Unser Stil ist nun mal der Neorealismus") will zwar die »ermüdenden philosophischen Gespräche« abkürzen und die exzentrischen Sartre -Figuren nicht als philosophische Ideenträger, sondern als »wirkliche Menschen« erscheinen lassen, sie so dem Normalverständnis näherbringen; er glaubt aber, daß die hanseatische Realität, die er, vorwiegend bei trübem Wetter, in Hamburg und Umgebung einfing, die Botschaft des Sartre-Schauspiels nicht verdecken wird.
Schwärmte der Regisseur: »Es ist doch eine magische Realität. Das Schloß (Tremsbüttel) ist magisch, Hamburg ist magisch, die Elbe ist magisch.«
Nicht überall an der Elbe freilich stießen De Sicas Magie- und Motivsucher auf das rechte Verständnis. So wollte beispielsweise die Werft von Blohm & Voss keine Aufnahmen für die Verfilmung von Sartres Schiffbauer -Drama auf ihrem Gelände gestatten. Zwei Jahre zuvor hatte die Hamburger Schiffbau-Firma das Dach ihres Verwaltungsgebäudes dem Regisseur Bernhard Wicki für seinen Film »Das Wunder des Malachias« überlassen. Wicki benutzte das Blohm & Voss-Dach als Schauplatz einer satirisch überdrehten Wirtschaftswunder-Party.
Eingedenk dieser Erfahrungen verweigerte sich die Werft nun dem Italiener De Sica. Erinnert sich De Sicas Produktions-Assistent Jerzy Macc: »Herrn Georg Blohm gefiel die Ideologie des Sartre-Stückes nicht.«
Ein Blohm & Voss-Sprecher: »Einmal haben wir uns für den Film breitschlagen lassen - einmal und nie wieder.«
»Eingeschlossenen«-Regisseur De Sica, Hauptdarstellerin Sophia Loren in Hamburg: Absage von Blohm & Voss
Hauptdarsteller Schell
Schock an der Elbe