SOWJET-UNION Frau, komm mit
Mai 1945: Ein deutscher Jüngling steht
am Straßenrand und grüßt »Heil Hitler!«, sobald er Sowjet-Soldaten erspäht. Ein Russen-Auto stoppt. Rotarmisten packen den NS-Jünger; sein Schicksal scheint besiegelt.
Doch die Sowjet-Soldaten erweisen sich als leutselige Krieger. Sie streifen dem Hitler-Buben die Hose ab, versohlen ihm das nackte Hinterteil und lassen ihn laufen.
Die gutherzigen pädagogischen Prügel werden in einem neuen sowjetischen Film verabreicht, der unter dem Titel »Frieden dem Neugeborenen« Anfang des Monats auf den Filmfestspielen in Venedig preisgekrönt worden ist; in dieser Woche wollen die Sowjets ihn auf einer Informationsschau in Paris zeigen. »Es ist«, formulierte ein Kritiker in Venedig, »der erste wirklich antimilitaristische und pazifistische Film der Russen.«
»Frieden dem Neugeborenen« soll demonstrieren, daß die russischen Sieger im Jahre 1945 nicht nur hart zu kämpfen wußten, sondern auch Humor und Güte walten ließen. Erwartungsgemäß sparten die beiden jungen Regisseure Alexander Alow und Wladimir Naumow alle Frau-komm-Widerwärtigkeiten aus, die sich nach dem Einzug der Roten Armee 1945 in Deutschland abgespielt hatten. »Dann aber«, notierte der Kritiker der »Stuttgarter Zeitung«, »stimmt die Geschichte":
Während sich die deutsche Wehrmacht in alle Winde zerstreut, meldet sich
Leutnant Iwlew beim Sowjet-Kommandanten einer deutschen Kleinstadt. Der kriegslustige Iwlew, der frisch von der Offiziersakademie kommt, möchte sich noch rasch als Held bewähren und drängt auf Fronteinsatz. Allein, der Sowjet-Kommandant erteilt ihm einen nicht eben heldischen Auftrag: Der Leutnant soll einen schockgeplagten russischen Krieger und eine hochschwangere deutsche Hausfrau ins Feldlazarett nach »Kwikau« transportieren.
Die Fahrt durch Sachsen weitet sich zu einer abenteuerlichen, mit gängigen Spannungseffekten dargebotenen Film-Reise aus. Leutnant Iwlew muß Angriffe vereinzelter deutscher Endkämpfer abwehren, verstopfte Straßen und gesprengte Brücken überwinden, fanatische Jungdeutsche zum Frieden bekehren. Sein Chauffeur fällt einer meuchlings abgefeuerten deutschen Kugel, sein Lastwagen einer Panne zum Opfer. Nicht einmal die Amerikaner, die in langen Lastwagenkolonnen vorüberziehen, helfen dem bedrängten Sowjetmenschen. Iwlew: »Schöne Verbündete!«
Erst ein angeheiterter US-Soldat, der gerade seinen mit Whisky beladenen Lastwagen repariert hat, läßt sich mit dem Rotarmisten ein. Doch will der Ami
auch mit dem Russen zechen, nach Kwikau will er nicht. Nur unter Aufbietung aller Überredungskünste gelingt es Iwlew, den angesäuselten Kriegsgefährten zu beschwatzen.
Höhepunkt des Films und Endziel der Iwlew-Tour sind erreicht, als der Leutnant die von Wehen geplagte deutsche Frau ins Feldlazarett einliefert. Hilfreiche russische Hände bereiten die Entbindung vor. Dann erschallt das Anstands-Kommando: »Alles umdrehen!« Ein Deutscher wird geboren.
»Wäre der pazifistische Film schlecht«, notierte die Hamburger Korrespondenz »Filmpress«, »so wäre die Propaganda-Aktion der Russen mißglückt. Aber er
ist hervorragend inszeniert, gespielt und photographiert.«
Die Kritiker zeigten sich angetan von dem urigen Charme, mit dem die Sowjet-Regisseure die. Geburt zu einer pazifistischen Szenenfolge ausgebaut haben: *Während die Rotarmisten den Säugling bejubeln und wie eine Friedenspalme angaffen, verrichtet der kleine Deutsche seine Notdurft.
Schlußbild: Das Baby benäßt die eben abgelegten Kriegswaffen.
Sowjet-Film »Frieden dem Neugeborenen": Ehrfurcht vor deutschem Mutterglück