FERNSEHEN / Telemann FRAZERNISATION
O Fatum, daß du deiner Günste
Füllhorn so ungescheut über Treusinnige und Verräter ausschüttest! Wie hätte Telemann, als er vor Jahresfrist (SPIEGEL 4/ 1962) die Täter zweier von insgesamt drei »Tim Frazer«-Serien kundmachte, ahnen sollen, daß auch er noch Nervenkitzel am Leibe erleben würde?
Es war nach dem dritten Spielsechstel. Uninteressiertheit lastete schwer genug auf dem Ahnungslosen, schwerer noch auf dem, der vorauswußte: Die Hauptbösewichte im ost-westlichen Spionagekomplott sind der Arzt (Paul Klinger) und der Schiffsmodellbauer (Ernst-Fritz Fürbringer).
Da plötzlich das Inserat in der Wiener »Kronen Zeitung": Einer, der nicht wollte, daß sich »Millionen Menschen um einer billigen Pointe willen vor die Fernsehapparate zwingen lassen«, setzte für 3000 Schilling in Umlauf, »der Mörder« höre auf den Zunamen Anstrow.
Ein Irrtum, wie sich einen Tag später herausstellte, gleichwohl knisterte Spannung auf. Nicht der Enthüllung wegen - dieser Durbridge hätte selbst dann kein Pulsjagen verursacht, wenn als Mordbube ein Kurienkardinal in Frage gekommen wäre -, sondern ob des Rätsels: Wer war der Inserent?.
Die Anzeigen-Damen der »Kronen Zeitung« beschrieben ihn als einen »richtigen Rock-Hudson -Typ«, sehr gepflegt, des wienerischen Tonfalls zur Gänze entratend und »25 bis 40 Jahre alt«. Rock-Hudson-Typ? grübelte Telemann genüßlich - wär es vielleicht der WDR-Fernsehdirektor Dr. Lange, dem wie kaum einem daran gelegen sein mußte, daß der Langweiler Tim ins Gerede käme?
War es der Präsident des »Bundesverbandes der Deutschen Industrie«, Fritz Berg, der die vermeintliche Schaulust deutscher Spätarbeiter sabotierte?
Handelte es sich um einen Sendboten des Gaststättengewerbes, der Bundesbahn, der Lufthansa, der Kegelbahnvermieter, der Boxveranstalter oder jener unbekannten Kampfgruppe, die auch das Bielefelder Annoncengeschäft durch *den vollbezahlten Hinweis hochkurbelte, das Darbieten fünffach unterbrochener Kriminal-Lichtspiele sei »Kintopp« und »billigste Spannungsmache«? Köstliche, nimmer endenwollende Ungewißheit!
Um ehrlich zu sein: Als der Matrose Anstrow unversehens Publizität erlangte, vibrierten Telemanns Nerven noch aus einem anderen Grunde. Es wäre ja möglich gewesen, daß Autor Francis Durbridge die 14 Stunden, die er dem Vernehmen nach täglich am Schreibtisch verbringt, genutzt und seinen »Tim Frazer« so »vollständig umgearbeitet« hätte, wie er im vorigen Januar ankündigte.
Indes, aus der Schlüsselfigur, die Telemann seinerzeit mit »der seriös wirkende Kolonialbeamte a.D. (Mittäter: der Arzt)« umschrieben hatte, wurde ein ehrsam erscheinender Schiffehenbastler, der seine Missetäterschaft gleichermaßen mit einem Doktor med. teilen mußte. Welch kümmerliche Metamorphose, wenn man die Vorkehrungen berücksichtigt, mit denen Durbridge -Kriminelle abgeschirmt werden.
Um allen Verantwortlichen den Ernst ihrer Lage und die Notwendigkeit von Vergatterung und vierziffriger Konventionalstrafe vor Augen zu führen, wirft Telemann abermals den Handschuh und verrät: Die Täterin der nächsten Tim-Frazer-Fabel ist »das amouröse junge Mädchen aus gutem Hause«!
Folge: Francis Durbridge wird den SPIEGEL lesen und das Fräulein flugs in eine Oberkirchenratswitwe aus Devonshire verwandeln oder, kontrastvoller noch, in eine Kuppellmutter aus Soho. Das kann er, weil die deutsche Produktion des zweiten Frazer-Teils erst im Mai beginnt und weil es zur Fertigung von Durbridge-Dauerdramen nicht logischer noch gar psychologischer Rücksichtnahme bedarf.
Doch Telemann wird der Alten hohnlachend das Spitzenhäubchen vom Kopf reißen - woraufhin Durbridge, nicht mehr faul, erst einen schiefmäuligen Rasenmähmaschinenvertreter, danach einen hinkenden Grand-National-Jockei und schließlich, in die Enge getrieben, den blattergesichtigen TV-Kolumnisten eines Nachrichten-Magazins durch die Handlung fädelt. Aber stets wird dem Briten ein »lck bün all do!« entgegenschallen.
Eine Spannung, die durch solch wettkämpferisches Zusammenspiel und mit Hilfe einer zunehmend einsatzfreudigen Inserentenschaft zustande käme, wäre vor mimischer Behinderung gefeit und böte zudem eine reelle Chance, daß die Bundesöffentlichkeit zwölf weiteren »Tim Frazer«-Abenden gefaßter entgegensieht.
Merke: »Millionen Fernseher bekommen feuchte Hände, wenn sie seinen Namen hören« (die Illustrierte »Quick« über Francis Durbridge).
Durbridge