Gestorben Fredric Jameson, 90
Verfasste hellsichtige Kommentare: Literaturwissenschafter Fredric Jameson
Foto: Duke UniversityDer amerikanische Literaturwissenschaftler ist in Deutschland zeit seines Lebens merkwürdig unbekannt geblieben, obwohl er seine Verbindung von literarischer Hermeneutik und marxistischer Geschichtsphilosophie als Schüler deutschsprachiger Denker entwickelte. In Yale hat Fredric Jameson bei Erich Auerbach studiert, dessen Standardwerk »Mimesis« von 1946 bezog er immer wieder in seine Arbeiten ein. Jamesons wirkungsvollste Bücher sind zum einen das 1991 publizierte »Postmodernism, or, The Cultural Logic of Late Capitalism«, eine materialistische Analyse postmoderner Philosophie und Ästhetik, bis heute nicht auf Deutsch erhältlich. Zum anderen die Essaysammlung »Das politische Unbewusste: Literatur als Symbol sozialen Handelns«, 1988 bei Rowohlt erschienen und seit langem vergriffen. Wenn man dieses Buch heute noch einmal liest, wird deutlich, dass Jameson nicht nur einer der glänzendsten Stilisten der jüngeren Geisteswissenschaften war. Die Hypothesen zur unbedingten Geschichtlichkeit von Literatur weisen seine Überlegungen auch als hellsichtigen Kommentar zu aktuellen Debatten aus, etwa über den Eingriff in den Sprachgebrauch älterer Romane. Seine permanente, fast theoriedarwinistische Rede von der Überlegenheit marxistischer Theorie mag sich heute befremdlich lesen. Die Verzahnung von Literaturtheorie und materialistischer Philosophie ist dennoch eine lohnenswerte Lektüre. Vielleicht hat Jamesons Tod den tröstlichen Effekt, dass zumindest seine beiden Hauptwerke endlich (wieder) der deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich werden. Fredric Jameson starb am 22. September in Killingworth, Connecticut.