LITERATUR Fremde Freunde
Wie es so kommt: Zwei Freunde haben sich aus den Augen verloren. Der eine, kühl und kurz Stein genannt, in Österreich geboren, lebt als Professor in den USA, der andere, Stéphane, eine Bekanntschaft Steins aus Studententagen in Paris, arbeitet an der Seine als Staranwalt mit eigener Kanzlei.
Dann dieses Geschenk: Zum 50. Geburtstag des Freundes schickt Stein, selbst etwas jünger und Vater zweier Töchter, ein Ticket: Hin- und Rückflug in die USA, ein Jahr gültig. »Komm mich bald besuchen!«, schreibt er dazu. Kurz bevor die Flugkarte verfällt, kommt Stéphane tatsächlich, immerhin für sechs Tage. Eines jener auf den ersten Blick schlichten Alltagsabenteuer hebt an, die nur gute Erzähler packend anzugehen verstehen - wie Erich Wolfgang Skwara in seinem Roman mit dem schwermütigen Titel: »Zerbrechlichkeit oder Die Toten der Place Baudoyer"*.
Mit Nachdruck wird derzeit auf den aus Österreich stammenden, in Kalifornien lebenden (und Literaturwissenschaft lehrenden) Schriftsteller aufmerksam gemacht. Skwara, 54, erhielt vergangenes Jahr den Hermann-Lenz-Preis und wurde von seinem Kollegen Martin Walser in die Nähe von Thomas Bernhard und Samuel Beckett
gerückt, ja in der Prosakunst sogar als ihnen überlegen gerühmt.
Das macht hellhörig, aber auch skeptisch. Ist hier ein wichtiger Autor deutscher Sprache zu wenig wahrgenommen worden? Skwara ist kein ganz Unbekannter, er publiziert seit mehr als 30 Jahren: Neben Gedichtbänden und Erzählungen schrieb er mehrere Romane, darunter »Pest in Siena« (1976) und »Tristan Island« (1992).
Skwara bedient sich in seinem Roman »Zerbrechlichkeit« eines vornehm-elegischen Tons, spricht à la Thomas Mann von »später Stunde«, beschwört elegisch seines Helden Traum von einem neuen Anfang, »den er niemals setzen würde«. Manche Freunde des Professors sind schon gestorben, nein, »verstorben«, und Stein selbst fühlt sich zunehmend als Hochstapler - all die Bücher, die er nicht gelesen hat!
Dabei kann er nicht klagen. Weder Familie noch Universität fordern viel: »Vier, fünf Monate im Jahr war er fort und führte ein anderes, helleres Leben.« Die Distanz des Vaters gegenüber der eigenen Tochter Laura, der er am Tag der Ankunft Stéphanes morgens das Frühstück bereitet, vermag der Erzähler Skwara eindrucksvoll ins Bild zu setzen. So ungewohnt ist es für Stein, mit dem Mädchen allein zu sein, dass er »den Stich des Versäumthabens« deutlich spürt, dennoch so gut wie stumm bleibt.
Ach, all die Versäumnisse! Auch anderen Frauen gegenüber, Studentinnen, fernen Geliebten, Gefährtinnen auf Zeit: Stein ist, wie sein Name nahe legt, hart in der Abwehr von Gefühlen - und verstrickt sich doch immer wieder, manchmal sogar in heftige Liebe. Dabei steht Stein die »eigene Zerbrechlichkeit« stets vor Augen, »die zu überspielen vielleicht die einzige Aufgabe im Leben war«. Davon, dass auch die Frauen an diesem Mann zerbrechen, ist die Rede (so in einer dramatischen Szene, wo es um Leben und Tod geht), doch eine Abrechnung mit seinem Helden hat Skwara nicht im Sinn.
Auch der Dialog der beiden Freunde reißt keine Wunden auf. Stéphane, der sich auf die Liebe schon lange nicht mehr einlässt, zeigt sich auf seinem USA-Trip als sanfte Ergänzung Steins. Trotzdem finden die beiden nicht zur Ruhe eines Gesprächs. Ruhelosigkeit ist die einzige Konstante in beider Leben. So endet dieser zerbrechliche Roman mit einem kuriosen Plädoyer für den Überschallrausch mit der Concorde.
Erich Wolfgang Skwara ist zwar kein neuer Beckett, aber ihm ist ein Buch mit ergreifenden Szenen gelungen. Laute Töne hat es nicht nötig, dafür bietet es das feine, psychologisch klug gesponnene Netz der fragilen Beziehung zwischen alten Freunden. Und deren Frauen. VOLKER HAGE
* Erich Wolfgang Skwara: »Zerbrechlichkeit oder Die Toten derPlace Baudoyer«. Insel Verlag, Frankfurt am Main; 304 Seiten; 19,90Euro.