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Artikel 25 / 58

BERLIN Freue dich

• aus DER SPIEGEL 7/1961
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Drei Wildschweine - zwei Sauen und ein Keiler - stören einen Berliner Bürger am Havelufer aus Halbschlaf und Sonnenbad auf. Der Mann hebt sich sacht von seiner Luftmatratze: »Was is'n det nu wieder? Wer hat euch'n losgelassen?« Die Schweine, »um die Antwort nicht wenig verlegen«, ziehen in den Grunewald ab.

Aus einem Wald bei Potsdam dringen, bald nach dem letzten Krieg, Schreie. »Is'n Häher«, sagt ein alter Mann, »oder ich freß'n Besen.« Eine Frau in -Uniformjacke und Trainingshosen glaubt eher, daß russische Soldaten das Geschrei auslösen: »Na denn fang man immer schon an, Opa! Und wenn de bis an die Borsten bist, dann meld'ste dir.«

Dergleichen für notierenswert gehaltene Beispiele berlinischer Gelassenheit und Tonart stehen, allerdings vereinzelt, im zweiten Buch des durch sein erstes, »Am grünen Strand der Spree«, berühmt und wohlhabend gewordenen Hans Scholz. Das zweite Buch, »Berlin, jetzt freue Dich!"*, ist kein Roman wie der mittlerweile von Rundfunk und Fernsehen, Lesering und Taschenbuchverlag gründlich ausgebeutete Bestseller. Es wird vielmehr als »Skizzenbuch« angeboten, als ein dicker Stoß »Betrachtungen an und in den Grenzen der deutschen Hauptstadt«. Der Titel ist der Begrüßungsarie entnommen, mit der ein Chor den Großen Kurfürsten nach dem Sieg von Fehrbellin empfangen hat.

Die Grenzen zwischen Berlin und der Sowjetzone, eine Strecke von rund 235 Kilometern, ist der Autor, soweit das zu machen war, abgeschritten. Bei diesen Märschen wird er ebenso zu heimatkundlichen Theorien wie zu politischen Polemiken angeregt, zu autobiographischen Bekenntnissen wie zu historischen Exkursen. Er mischt eigene und fremde, veröffentlichte und nicht abzusetzende Zeitungsartikel mit Rundfunktexten, die er verfaßt hat, mischt Tagebuchseiten aus den Jahren 1959 und 1960 mit Albumblättern für einige Vorkriegslieben, Stammtisch- und Bardialoge mit allerhand Werkstattnotizen, persönliche Jugendanekdoten mit geschichtlichen, Memoiren-Auszügen.

Das Resultat ist eine mehr als 700 Seiten starke Plauderei, ein gigantisches Feuilleton, mit altväterischen Sprachschnörkeln - »dortselbst«, »dazumal«, »fürder«, »selbander« - verziert, die Scholz aus der halbparodistisehen Kurfürstendamm-Sprache, in seine Texte übernimmt. »Dies ist das formloseste Buch«, so urteilte »Der Tag«, »das seit langem auf den Markt gekommen ist.«

Das »formlose« Buch ist dennoch ein gefälliges Berlin-Porträt, aber noch mehr ein Selbstbildnis des am 20. Februar 50jährigen Autors Hans Scholz, des überzeugten Preußen, standhaften Barbesuchers, Berliner Lokalpatrioten, Damenfreundes und Wandmalers, des korrekten Gesellschaftsmenschen und unbefangenen Zeitgenossen.

Zumal die Unbefangenheit im Politischen hebt das Buch von anderen Zeitbetrachtungen ab. Scholz polemisiert zwar von Fall zu Fall gegen Ulbricht, was den Anspruch auf Berlin betrifft: »Wenn Ulbricht übrigens nicht müde wird, seine unzutreffende Behauptung von der Befindlichkeit Westberlins auf dem Boden der DDR zu wiederholen, so beweisen ihm seine Schlagbäume zwischen Ostberlin und der Ostzone, die er ja doch wohl kennen muß, daß offenkundig nicht einmal dieses Ostberlin auf dem Gebiete der DDR liegt -' tut's ja auch nicht! Ich wüßte nicht, wo in aller Welt sonst eine Hauptstadt durch Schranken von dem Lande getrennt gehalten würde, das sie regiert!«

Andererseits lobt Scholz am Staate Ulbrichts, was ihm lobenswert erscheint, zum Beispiel die Leere der Villen im ehemaligen Berliner Vorort und Ufa -Zentrum Babelsberg: »Auch die Landhäuser liegen verlassen. Der Osten ist darin korrekt, kein Bonze hat sich in den besseren Bauerzeugnissen des Privatkapitalismus häuslich einrichten dürfen.« Oder er notiert über das, Gutshaus Biesdorf: »Die Bänke im Park waren gut gestrichen, die Wege geharkt, und alles drückte, wo nicht Mangel an Mitteln vorläufig Grenzen gesetzt hatte, Respekt vor den Sachwerten als solchen aus.«

Ähnlich differenziert Scholz seine Urteile über ehemals aktive Nationalsozialisten. Er macht die Leser zum Beispiel mit einem Maler und Parteigenossen namens Karthaus bekannt, »keine sehr leuchtende Begabung, aber kein übelwollender Mann, das muß man sagen,« Karthaus hatte seinen Klassengefährten in der Kunstakademie, Scholz, seinerzeit gewarnt, er sei wegen sogenannter und angeblicher Rassenschande von einem Portier denunziert worden.

»Ich habe mich beim Parteigenossen Karthaus nicht bedankt«, bekennt Scholz, und das ist schlimm. Nach dem Kriege erfuhr ich, daß man ihn, der körperlich nicht ganz auf der Höhe war, zur Hilfspolizei eingezogen habe, wo er zur Erschießung jüdischer Kinder in Galizien eingesetzt worden sei. Das habe dieser Mensch aber nicht aushalten können, vielmehr habe man ihn in eine Nervenheilanstalt einliefern müssen, und ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.«

Eine Lieblingsthese von Scholz lautet, jede Diktatur nötige zu Kompromissen: »Nur Pedanten erwarten immerzu Charakter.« Scholz, der kein Pedant sein will, zeigt sich denn auch seinen Lesern bei der Mal- und Bastelarbeit für den Propagandaminister Goebbels und für den Reichssportführer von Tschammer und Osten - einer von Scholz mitgeteilten, unbestätigten Anekdote zufolge war Hans von Tschammer und Osten nur wegen eines Briefträger-Irrtums »Reichssportführer« geworden, die Ernennung habe eigentlich einem Vetter gleichen Namens gegolten.

Später zeigt sich Scholz wiederum bei der Bildhauer-Arbeit für einen Brunnen, den er für die Sowjet-Botschaft in Ostberlin entworfen hatte. In der Bassin-Mitte sollte ein vier Meter fünfzig hoher Bronzemann, Personifikation des heldenhaften Sozialismus, eine bronzene Schlange abwürgen, die den Kapitalismus darstellte. Der Plan wurde nicht ausgeführt, weil die Frau des sowjetischen Botschafters, die Semjonowa, fürchtete, daß der Anblick der Skulptur bei schwangeren Passantinnen zu Frühgeburten führen könne.

Sein Recht auf derartige Dienstleistungen verteidigt Scholz: »Man richte jedenfalls, wenn man dies muß, die Kunst der totalitären Staatsgebilde, nicht sogleich deren Künstler. Es hieße nämlich fordern, sie sollten entweder auf Ausübung ihres Berufes verzichten

- und wer kann das? - oder auswandern.«

Mit fast vierzig Jahren entschloß sich Hans Scholz, seinen Maler-Beruf aufzugeben. Er wurde Schriftsteller, »mit hinreichendem Erfolge«. Als Wandmaler war er unter Hitler, später unter Stalin geschätzt und beschäftigt gewesen, im Westen gab es nicht sehr viel für ihn zu tun. So kann Scholz auch seinen späten Berufswechsel als Berliner Nachkriegsphänomen auslegen: »Was ich hier in Westberlin schreibe, erfreut sich 'hier' gewisser Beachtung, 'drüben' jedoch wäre es unmöglich; während andererseits, was ich male oder malen würde - dort halbwegs das Wünschenswerte-, hier wieder als unmöglich und gleichsam toter Vogel angesehen wird. Ich ... nehme es amüsiert als dokumentarische Situation unserer gespaltenen Zeit und dieser gespaltenen Stadt. Solche typische und aufschlußreiche Situation allerdings kann nur erleben, wer seiner ganzen Anlage nach ein Mann der Mitte ist.«

Keinesfalls ein Mann der Mitte, sondern passionierter Parteigänger ist Scholz nur in einem Punkt: als Gegner jener Bundesdeutschen, die - wie der von ihm seitenlang geschmähte Bonner Korrespondent des »Rheinischen Merkur«, Paul Wilhelm Wenger - »das Reich Karls des Großen mit der Seele suchen« und Preußen, laut Scholz, für Slawenboden und daher für entbehrlich halten. Mit Energie verficht der dilettierende, doch belesene Heimatforscher Scholz die These, daß Berlin im Gegenteil eine germanische Gründung und daß die Mark von Slawen immer nur dünn besiedelt gewesen sei.

Der alten Preußenherrlichkeit trauert Scholz aber nicht nur als Amateurhistoriker nach, sondern auch als Gesellschaftsmensch. Sein Vater, ein heute hochbetagter, aber immer noch tätiger Rechtsanwalt, hatte viele Klienten unter dem märkischen Landadel. Scholz verweist in seinem Bude auf manche vornehme Bekanntschaft. Besonders beeindruckt hat ihn ein sächsischer Graf, der ihm, »offensichtlich wenig gewohnt, mit Bürgerlichen auf gesellschaftlicher Ebene zu sprechen«, dennoch seine Bildersammlung zeigte:

»Während des sicherlich zweistündigen Ganges von Gemälde zu Gemälde rauchte der Graf eine lange Tonpfeife nach der anderen, die ihm, gestopft und zündbereit, jeweils ein wortlos erscheinender Diener zureichte, sobald nur der bisherige Pfeifenbrand seinem Ende zuging und wo immer wir in den Salons und Fluren hingeraten sein mochten. Es klappte und hat für mich auch heute noch nichts an Bewunderungswürdigkeit eingebüßt.«

In eine Nichte des Grafen, eine adlige Malschülerin, war Scholz verliebt. Er fragte einen Vetter des Mädchens behutsam beim Cognac, was die Familie sagen würde, wenn eines ihrer weiblichen Mitglieder bürgerlich heiraten sollte. So taktvoll wie möglich bedeutete ihm der Vetter, daß man solchen Schritt wohl hinnehmen, doch nicht begrüßen würde: »Es wäre eben doch ein Loch, weißt du, ein Ausfall, eine Lücke in der Reihe.« Scholz ist noch heute, mehr als zwanzig Jahre später, Junggeselle.

Im Gegensatz zur Mehrzahl seiner zeitgenössischen Kollegen, berichtet er überhaupt viel vom erfolglosen Werben um wohlerzogene junge Damen und wenig von handfesteren Affären. Auch mündlich schätzt er den Erfolg auf diesem Felde nur bescheiden ein: »Die Jagd nach der weißen Hirschkuh, die man niemals bekommt, ist das schönste.« Die Pirsch, nicht der Blattschuß. Am Ausflugsort Moorlake rühmt Scholz nicht nur das Spezialgericht »Aal grün«, er rät auch: »In die amseldurchfluteten Wälder sollte man um diese Jahreszeit nicht allein gehen. Es tut gut, wenn eine zarte Hand zum Küssen zur Hand ist.«

Nicht wenige Buchsätze sind von keineswegs nur gespielter Zufälligkeit: »War gestern auf zwei Partys ...«; »Um drei Uhr schlug ich das Buch zu, und wir tränken noch ein paar Cognacs...«, »Gestern abend Theater ... Wollte eigentlich, gar nicht gehen, sondern schreiben, doch die Frau Direktorin hatte die First Lady Berlins zu Besuch, durch Zufall aber keine männliche Staffage ihr zur Seite ...«; »Gestern nun kam das Gespräch, ich weiß nicht wie, auf Dürers Abstammung ...«; »Als ich heute morgen gegen drei Uhr nach Hause kam, wollte es schneien ...«; Gestern rief mich Fix an, der letzte Mixer von der Jockey -Bar. Die Fernseh-Filme vom Grünen Strand der Spree, deren vierter nun schon gelaufen ist, hatten ihn dazu veranlaßt ...«; »Mitte Juli vorigen Jahres gingen die Aufnahmen für mein Kaspar-Hauser-Hörspiel, soweit wir sie um der Mundart willen in Nürnberg aufs Band genommen hatten, planmäßig zu Ende«; »So, und jetzt wird es Zeit, an meinen Vortrag zu denken, den ich in zwei Stunden zu halten habe. In Kassel ist Berlin-Woche.«

Über das Schicksal Berlins besagen solche persönlichen Wendungen oft weniger als über den Alltag eines allseits beliebten Autors. »Vieles, was er niederschrieb«, fand der Kritiker der Wochenzeitung »Christ und Welt«, »hätte nicht einmal interessiert, wäre es Goethes Feder entflossen.«

* Hans Scholz: »Berlin, jetzt freue Dich!« Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 744 Seiten; 24 Mark.

Grenzgänger Scholz: Jagd nach der weißen Hirschkuh

Scholz-Skizze für Sowjet-Botschaft

Die Semjonowa befürchtete Frühgeburten

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