Friedrich Luft - DER SPIEGEL
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NACHRUF Friedrich Luft

• aus DER SPIEGEL 1/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 7. Februar 1946 meldete er sich aus dem Rias zum erstenmal bei den Berlinern: »Luft ist mein Name. Friedrich Luft. Ich bin 1,86 groß, dunkelblond, wiege 122 Pfund, habe Deutsch, Englisch, Geschichte und Kunst studiert, bin geboren im Jahr 1911, bin theaterbesessen und kinofreudig und beziehe die Lebensmittel der Stufe II. Zu allem trage ich zum letzten Anzug, den ich aus dem Krieg gerettet habe, eine Hornbrille auf der Nase.«

Der sich so mitten im kalten Ruinenwinter seinen frierenden und hungernden Berlinern vorstellte, versprach ihnen, künftig stets, »gleiche Stelle, gleiche Welle«, Kulturereignisse vorzustellen. Dieses Versprechen hat er über 40 Jahre lang gehalten.

Er berichtete aus den Kinos, vor allem aber aus den Theatern. Mitten in der Trümmerwüste der damaligen Viersektorenstadt gab es an die 200 Theater. Er sprach so, als ob ihn die sich überstürzenden Kulturereignisse hetzten, mit überstürzter Stimme. Immer mit Tempo 180. Ohne Punkt und Komma. Und scheinbar ohne Luft zu holen. Sein schnoddriger Tonfall, unverwechselbar vom Berliner Überlebenstrotz geprägt, riß die Hörer mit. Seinen Verrissen und Hymnen hörten Leute zu, die sich sonst nicht die Bohne für das Schiller-Theater, die Freie Volksbühne oder das Hebbel-Theater interessierten.

Wie das Sechstagerennen, Günter Neumanns »Insulaner« oder die »Badewanne« wurde Luft zur Berliner Institution. Ein Mann hatte sein Medium gefunden, den Rundfunk, Luft wurde zur »Stimme der Kritik«.

Natürlich hing das nicht nur damit zusammen, daß da ein höchst kunstbesessener, höchst literaturgebildeter Herr scheinbar sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Das lag vor allem daran, daß sich in der Institution Luft so etwas wie eine Kontinuität mitten in einer gebeutelten Stadt herausbildete. Da gab es die Hunger- und Schieberjahre, die Luftbrücke, die Teilung der Stadt, den Bau der Mauer. Und mittendrin behauptete jemand mit einem glaubwürdigen, ja ansteckenden Enthusiasmus, daß es nichts Wichtigeres gäbe, als daß jemand Shakespeares »Was ihr wollt« hinreißend inszeniert, nichts Schrecklicheres, als daß woanders »Die Räuber« vergeigt worden wären.

Luft wurde zum beredten Teil der Behauptung, daß man mit Berlin alles machen könne, nur eins nicht - nämlich noch mal seinen kulturellen Anspruch zerstören. Sachlich und enthusiastisch, unpathetisch und mit großstädtischer Coolness vermittelte hier einer den Berlinern und damit den Westdeutschen den Glauben, daß Berlin noch immer der kulturelle Nabel des Landes sei. Bei Friedrich Luft, einem skeptischen, eleganten, witzigen Herrn, war das alles kein hochtönendes »Programm«.

Der Studienratssohn, den ausgerechnet schottische Verwandte durch die Nazizeit fütterten, reagierte mit Mutterwitz auf die Zumutungen des Theaters. In den bewegten Jahren artikulierte er das, was die Stadt dachte - auch wenn er anscheinend nur von einem neuen Dramatiker, von einer Schauspielerin und ihrem Kostüm, von einem Bühnenbild sprach.

Der Kritiker gleicht oft einem streunenden Hund zwischen den Theatermachern und dem Publikum, zwischen dem wissenschaftlichen Anspruch und der populären Chuzpe des Theaters. Soll er dem Publikum nach dem Mund reden oder, zum Gusto der anderen Macher, über die Köpfe der Zuschauer hinweg?

Weil Luft (wie sein großer Ahnherr Fontane, auch ein herausragender Theaterkritiker im wilhelminischen Kaiserreich) vor allem über eine ironische Selbstgewißheit verfügte, hat er sich nie in das Imponiergehabe theatertheoretischer Belehrungen flüchten müssen. Da war, glücklicherweise, auch das Radio vor. Und so wie er sprach, so schrieb er auch seine Zeitungsrezensionen. Als der Zeitgeist aus der Richtung der kritischen Theorie auch durch die Theater wehte, verschlug ihm das nicht die Stimme.

Luft blieb der Theaterenthusiast. Und er hat nichts von wirklicher Bedeutung übersehen. Bis zuletzt. Luft starb 79jährig am Heiligen Abend, wo sonst?, in Berlin.

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