FERNSEHEN / COSBY Frohe Botschaft
Er steigt über Mauern in Tokio, klimmt auf die Dächer von Hongkong und entert eine Azteken-Pyramide in Mexiko.
Doch bevor der amerikanische Schauspieler Bill Cosby, 31, zu dieser Klettertour aufbrechen durfte, mußte er ein noch viel höheres Hindernis im eigenen Lande überwinden -die Rassenschranke: Als erster Neger bekam er die Hauptrolle in einer amerikanischen Fernseh-Serie.
In der Reihe »I spy« (Ich spioniere), aus der das Zweite Deutsche Fernsehen unter dem Titel »Tennis-Schläger und Kanonen« eine Auswahl zeigt -- die nächste Folge läuft am kommenden Dienstag -, spielt Cosby einen Agenten, der gegen Chinesen und andere Kommunisten aktiv ist. Der CIA-Mann befreit westliche Raketenspezialisten aus Umstürzler-Verliesen, erledigt Doppelagenten durch Karateschläge und bringt die Aufmarschpläne zur Weltrevolution in amerikanische Sicherheit.
Durch solche Kämpfe vermittelte der farbige Agent den weißen Fernsehern Amerikas eine unvermutete Information -- die »frohe Botschaft, daß auch Neger ganze Kerle sind« ("National Review").
Für diese Nachricht waren die amerikanischen TV-Kanäle bis zum »1 spy«-Beginn (1965) gesperrt gewesen. Denn alle Produktionen der kommerziellen Fernsehsender werden von sogenannten Sponsors bezahlt: von Firmen, die dafür Werbespots in das Programm einblenden. Ein schwarzer Hauptdarsteller aber, so galt als sicher, hemmt den Absatz des empfohlenen Produkts.
Während der US-Kinofilm mit dem Renommier -- Neger Sidney Poltier schon seit zehn Jahren den Anschein schwarz-weißer Brüderlichkeit verbreitet, traten im Fernsehen Farbige daher bislang höchstens als Gäste eines weißen Show-Masters oder in rührseligen Nebenrollen auf. Selbst Schlagersänger Nat King Cole und der singende Tänzer Sammy Davis jr. scheiterten mit geplanten Unterhaltungsserien.
»I spy« -Produzent Sheldon Leonard, 61, hingegen rechnete anders und überzeugte auch Industrielle durch seine Kalkulation: »Es gibt«, taxierte er, »mehr gute als böswillige Menschen -- das kann man in Cents und Dollars umsetzen.« Auch fühlte er sich durch die Bürgerrechts-Bewegung ermutigt, die das Neger-Image verbessert habe.
Als Konsequenz derartiger Berechnungen bekam der Schwarze Cosby, der ursprünglich nur eine Nebenrolle spielen sollte, den Hauptpart und durfte sich neben seinem weißen Partner Robert Culp wie ein normales menschliches Wesen aufführen.
Das Experiment gelang: »I spy« gedieh zu einer der erfolgreichsten amerikanischen TV-Produktionen der letzten Jahre. Statt der geplanten 26 entstanden 82 Folgen (Kosten: 15 Millionen Dollar), die von rund 200 Stationen gesendet wurden.
Auch Renommee und Gage des Spielers Cosby stiegen. Der einstige Barkeeper und Nachtklub-Possenreißer, der sich noch vor sechs Jahren mit 30 Dollar Abend-Honorar begnügen mußte, kassiert nun in Kabaretts von Las Vegas 50 000 Dollar pro Woche und hat sich auch als Filmproduzent, Blues-Sänger und Coca-Cola-Propagandist Einnahmequellen erschlossen.
»Wenn ich eine Million zusammen habe«, so Cosby, »setze ich mich ins Gras und schaue in den Himmel.«