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BERLINALE Frohsinn unterm Fallbeil

Die 53. Berliner Filmfestspiele trotzen Kriegsangst und Wirtschaftsflaute auf ihre Weise: Auf der Kinoleinwand wird gelitten, nach der Vorstellung wird gefeiert. Melancholie und Galgenhumor treffen aufeinander.
• aus DER SPIEGEL 7/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im ersten Film des Festivals legt der Henker einer Mörderin die Schlinge um den Hals. Ein letzter, lebenssüchtiger Blick von ihr - dann folgt ein jäher Schnitt: Plötzlich findet sich der Kinozuschauer in einer Varieté-Show und sieht dem Seiltrick einer Artistin zu, bei dem sie elegant ihren Kopf aus der Schlinge zieht.

Im letzten Film der diesjährigen Berlinale stehen gleich mehrere Männer mit ihrem Henker auf einem Holzgerüst mitten auf einem Marktplatz in New York, umringt von einer riesigen Menschenmenge. Dann legt der Henker den Hebel um, die Falltüren unter den Delinquenten öffnen sich - und der Kinozuschauer hofft vergeblich auf einen Schnitt, der ihn in eine bessere Welt versetzt.

»Chicago«, ein knallbuntes Musical und entfesselter Tanz auf dem Vulkan, und »Gangs of New York«, ein düsteres Gangsterepos über den Blutrausch einer jungen Nation - unterschiedlicher könnten Eröffnungs- und Abschlussfilm der Berlinale kaum sein. Was sie verbindet, ist ein Galgenstrick. Das passt zu einem Festival, das sich im Angesicht des Todes abspielt.

»Die ganze Sache« sei bis auf ein paar Ausnahmen »überhaupt nicht lustig«, warnte Festivalchef Dieter Kosslick schon vor Beginn der 53. Filmfestspiele, dem wohl größten Kulturereignis, das Deutschland in diesem Winter zu bieten hat.

Bei seinem Amtsantritt im letzten Jahr nahm sich Kosslick, 54, alle Narrenfreiheiten, sorgte durch seine öfter auch unfreiwillig komischen Auftritte für gute Laune und griff manchmal gar zum Saxofon, um die Trübsal wegzublasen. Nun, bei seiner zweiten Berlinale, drücken Rezession und Kriegsangst auf die Stimmung, und auch in vielen Filmen geht es ausgesprochen morbide zu. Kosslicks Qualitäten als Pausenclown sind gefragter denn je.

Verglichen mit der Pannenpremiere 2002, gelang diesmal der Auftakt: Während zwei frierende Demonstranten bei der Eröffnungsgala am Donnerstag vergangener Woche vor dem Berlinale-Palast ein Anti-Kriegs-Plakat hochhielten ("We say no to the war against Irak"), demonstrierten die geladenen Gäste gute Laune.

Die deutsche Film- und Fernsehprominenz, von Atze Brauner über Alfred Biolek bis zur »Lindenstraßen«-Urmutter Beimer, war vollständig erschienen, um »Chicago« und sich selbst zu feiern.

Auch einige Politiker mit eher diffusen Karriereaussichten wie Walter Momper, Rezzo Schlauch oder Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin nutzten die Gelegenheit, sich im Blitzlichtgewitter ihrer Rest-Bedeutung zu versichern. Hallo, erkennt ihr mich noch?

Der West-Berliner Mief jedoch, den das Festival früher verströmte, hat sich offenbar endgültig verzogen. Als die Stars von »Chicago« - Renée Zellweger, Richard Gere und die schwangere Catherine Zeta-Jones mit Ehemann Michael Douglas - über den roten Teppich am Potsdamer Platz schritten, durfte sich Berlin für eine halbe Stunde zu Recht als jene Weltstadt fühlen, die Lokalpatrioten bei jeder drohenden Subventionskürzung beschwören.

Zwei Drittel des Berlinale-Etats von 10 Millionen Euro zahlt der Bund, doch Gerhard Schröder, der in seiner Eröffnungsrede zur letzten Berlinale noch über Schauspielerei in der Politik gewitzelt hatte, war diesmal nicht zum Feiern zumute.

So blieb es Schröders Kulturstaatsministerin Christina Weiss vorbehalten, den gut organisierten Frohsinn für ein paar Augenblicke zu vertreiben. »Möge es ein Festival im Frieden werden«, wünschte Weiss in Anwesenheit von US-Botschafter Dan Coats und sorgte damit, so ein Zaungast, für »eine Schweigeminute im Karneval«.

Auf den Festivalleinwänden jedenfalls hat der Krieg schon begonnen. So zeigt der Actionfilm »Hero« einen Despoten, der Hunderttausende seiner Landsleute auf dem Gewissen hat und fremde Völker überfällt. Die halbe Welt fürchtet ihn und seine Massenvernichtungswaffen. Ein klarer Fall für den Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen?

Von wegen. Die frohe Botschaft, die das Heldenepos »Hero« vermitteln will, lautet: Ein Tyrann hat''s auch nicht leicht. Stän-

dig trachten perfide Dunkelmänner dem Herrscher nach dem Leben.

Politisch korrekte Cineasten dürften nur auf den ersten Blick erleichtert sein, wenn sie erfahren, dass es sich bei dem einfühlsam porträtierten Blutsäufer - bei der Hinrichtung eines Attentäters verdrückt er eine Träne - nicht um Saddam Hussein handelt, sondern um den König von Qin.

Dessen Kraftmeiereien führten vor gut 2200 Jahren zur Gründung des ersten chinesischen Reichs und machten ihn zum Kaiser; auch der Ausbau der Chinesischen Mauer geht auf sein Konto, Chinas Wandel zum Polizeistaat sowie die Ermordung unzähliger Querulanten.

Ein wahrer Held eben, auf den sich auch der Große Vorsitzende Mao nur allzu gern berief, um seinen eigenen Größenwahn zu rechtfertigen.

Entsprechend ist »Hero«, inszeniert von Zhang Yimou, dem Berlinale-Sieger 1987, koproduziert von der Disney-Tochter Miramax, mit 31 Millionen Euro der teuerste chinesische Film aller Zeiten geworden. Die Pekinger Premiere fand im Dezember in der Halle des Volkes statt; das staatliche Filmamt, zugleich Chinas oberste Zensurbehörde, schickte »Hero« als chinesischen Kandidaten ins Oscar-Rennen. Die Einladung zur Berlinale, wo »Hero« bereits als einer der Favoriten gilt, darf als Ritterschlag gewertet werden.

Dabei sind viele Chinesen empört, dass ausgerechnet der einst für seine regimekritischen Filme im Westen gefeierte Regisseur Zhang ein derart systemkonformes bis reaktionäres Werk gedreht hat. Zwar zelebriert Zhang virtuosen Kampfsport und Kitsch auf höchstem Niveau, er lässt Schwertkämpfer scheinbar schwerelos durch monochrome Kalender-Landschaften gleiten - doch dient dieser Budenzauber letztlich nur dazu, den brutalen Kaiser noch (über-)menschlicher erscheinen zu lassen.

»Hero« dürfte damit einer der politischsten Filme des Wettbewerbs sein; dass er dies zu kaschieren versucht, macht ihn zugleich zu einem der unsympathischsten. Sogar die Hinrichtung des Helden inszeniert Zhang als Himmelfahrt.

Vergleichweise bodenständig bleibt dagegen Alan Parker in seinem Exekutionsdrama »Das Leben des David Gale": Ausgerechnet ein erbitterter Gegner der Todesstrafe (Kevin Spacey) gerät in die Todeszelle. Parker, der in seinem Film einen Spagat zwischen Thriller und Diskurs versucht, ist überzeugt, dass Amerikas »brutale und verhärtete Position zur Todesstrafe« den Anspruch auf eine »moralische Führungsrolle negiert«.

Auch wenn die Schicksale der todgeweihten Helden nur selten politisch so aufgeladen sind wie bei Zhang und Parker - in vielen Filmen werden sich die Figuren unvermittelt ihrer eigenen Endlichkeit bewusst, bricht der Tod mit einer Wucht in ihr Leben ein, die alles, was sie bisher gedacht, gefühlt und getan haben, bis in die Grundfeste erschüttert.

In gewisser Weise handelt es sich um eine Berlinale im Jahre null: Erstmals zeigt eines der drei großen Filmfestivals (Berlin, Cannes, Venedig) zum Großteil Werke, die nach dem 11. September 2001 gedreht wurden. Nur selten wird die Zeitenwende direkt thematisiert, und doch sind, wie in Spike Lees New-York-Elegie »25 Stunden« (siehe Seite 152), ihre Folgen gerade in den privatesten Geschichten zu spüren: Von einer Sekunde zur anderen ist plötzlich nichts mehr wie zuvor.

In der spanisch-kanadischen Produktion »My Life without Me« (Regie: Isabel Coixet) erfährt eine Frau, dass sie unheilbar an Krebs leidet. Fortan betrachtet sie ihre Verwandten bereits wie Hinterbliebene, ordnet für sie, ohne ihnen von der Krankheit zu erzählen, sorgsam die Geschicke.

In »Son Frère«, dem neuen Film des Berlinale-Gewinners 2001, Patrice Chéreau ("Intimacy"), kommen sich zwei Brüder durch die tödliche Erkrankung des einen so nah wie noch nie.

Und in Oskar Roehlers Liebesdrama »Der Alte Affe Angst«, einem von drei deutschen Wettbewerbs-Beiträgen, muss sich der Theaterregisseur Robert (André Hennicke) um seinen sterbenskranken Vater (Vadim Glowna) kümmern und sieht dadurch sein eigenes Leben mit anderen Augen.

Roehlers neuer Film ist ein Kammerspiel in Cinemascope, in dem sich Figuren selbst dann in der Weite zu verlieren drohen, wenn sie sich in ihren eigenen vier Wänden aufhalten. Robert und seine Freundin Marie (Marie Bäumer) wohnen in einem Apartment hoch über der Stadt, und wenn sie vor den riesigen Fenstern stehen, wirft der Film fast exakt den gleichen Blick auf das unwirtliche Berlin wie Lees »25 Stunden« auf die klaffende Wunde Ground Zero.

Auch bei Roehler irren die Figuren durch die Stadt wie durch ein Spiegelkabinett, das sie immer wieder mit ihren eigenen Wünschen, Ängsten und Versehrungen konfrontiert.

Der Film erzählt von zweien, die verzweifelt um ihre Liebe kämpfen und dabei dem Tode immer näher kommen. »Der Alte Affe Angst« ist ein ergreifender Film über den unerschütterlichen Glauben an die Wiederauferstehung der Gefühle.

Die Schwelle zum Reich der Toten überschreitet George Clooney in Steven Soderberghs neuem Film »Solaris«, der wie Andrej Tarkowskijs Klassiker von 1972 auf dem Roman von Stanislaw Lem basiert. Berlinale-Stargast Clooney, der zudem mit seinem Regiedebüt »Confessions of a Dangerous Mind« auf dem Festival vertreten ist, spielt einen Astronauten, der auf einer Raumstation der Reinkarnation seiner verstorbenen Frau (Natascha McElhone) wiederbegegnet.

»Der Film greift ein Thema auf, das im Augenblick sehr viele Menschen bewegt«, sagt Soderbergh: »Wie verkraftet man den Verlust eines Menschen, den man sehr geliebt hat, dem man aber zu Lebzeiten nie-

mals so nahe gekommen ist, wie man es sich nach seinem Tod auf einmal sehnlichst wünscht?«

Soderbergh inszeniert diesen zwanghaft retrospektiven Blick seines Helden, der sich das unwiederbringlich Verlorene zurückwünscht, in Bildern, die manchmal in Unschärfe verschwimmen - dann wirkt »Solaris« wie durch einen Tränenschleier fotografiert.

Eine »seltsam melancholische, geradezu verletzliche Populärkultur« entdeckte die »Zeit« in den amerikanischen Filmen auf der diesjährigen Berlinale. Tatsächlich scheint momentan auf den Leinwänden weltweit Trauer zu herrschen. Das macht den Lauf der Zeit häufig ganz und gar relativ: Sekunden haben da manchmal das gleiche Gewicht wie Jahre oder Jahrzehnte.

Als Kosslick das Programm seines »audiovisuellen Kirchentags« vorstellte, verwies er auf mehrere Filme, die an Grenzen spielen: auf Hans-Christian Schmids »Lichter«, der im unübersichtlichen und gefahrvollen Niemandsland zwischen Deutschland und Polen angesiedelt ist, oder auf den slowenischen Film »Ersatzteile« (Regie: Damjan Kozole), der von einer skrupellosen Schleuserbande erzählt, die über Leichen geht.

In Michael Winterbottoms halb dokumentarischem Film »In This World« versucht sich ein afghanisches Flüchtlingskind von Pakistan bis nach England durchzuschlagen und gerät bei einer Schiffsüberfahrt in einen Container, in dem die Luft immer knapper wird. So geht es auch in diesem Flüchtlingsdrama am Ende um die letzte Grenze: die zwischen Diesseits und Jenseits.

Es passt ins Bild, dass die Retrospektive dieser Berlinale dem Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau (1888 bis 1931) gewidmet ist, dem »Melancholiker des Films«, wie das Plakat verheißt, dessen Hauptfiguren genau diese Grenze immer wieder überschritten - in beide Richtungen: Murnaus berühmtester Held Nosferatu ist Vampir.

Wie Murnaus schwermütiger Blutsauger sind die Untoten auf dem Festival allgegenwärtig. So leitet Rainer Kölmel, der Ex- und Jetzt-wieder-Chef des schwer angeschlagenen Kinowelt-Konzerns, einen Berlinale-Workshop mit dem verheißungsvollen Titel »Bankrott und Auferstehung«.

Totgesagte leben auf der Berlinale 2003 besonders lange. LARS-OLAV BEIER, MARTIN WOLF

* Am Donnerstag vergangener Woche.* Links: mit Richard Gere; Mitte: mit George Clooney; rechts:mit Jet Li.* Links: mit Marie Bäumer, André Hennicke; rechts: mit JuliaKrynke, August Diehl.

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