SCHALLPLATTEN / NEU IN DEUTSCHLAND Fromme Gewalt
In seiner Jugend plante Hector Berlioz (1803 bis 1869) eine Oper über das Jüngste Gericht, eine Symphonie über die Napoleonische Armee und ein siebensätziges Werk zu Ehren von Frankreichs berühmten Toten. Die Entwürfe zu diesen romantischen Monster-Stücken verwandte Berlioz dann für sein bizarres Requiem (1837) und für das 1855 uraufgeführte Te Deum.
Beide Partituren fordern einen riesigen Schall- und Hallraum, in dem der Klang aus allen Richtungen kommt und den Hörer einkreist. Der rechte Ort für diese vorweggenommene Super-Stereophonie schien dem Komponisten der Petersdom, dort sollten im Te Deum Orgel und Orchester »wie Papst und Kaiser ein Zwiegespräch von den entgegengesetzten Enden des Kirchenschiffs halten«.
Diese dröhnende, gewalttätige Komposition des Ambrosianischen Lobgesangs -- hie Majestät Gottes, dort Nichtigkeit des Irdischen -- ist ein Aufguß der Masseneffekte des Requiems: dreifacher Chor, darunter ein Knabenchor, ekstatisches Tenorsolo, viele Pauken und Posaunen, Vorklänge der Atonalität. Denn zum Lobpreis des Schöpfers kamen dem Skeptiker Berlioz vorwiegend theatralische Einfälle. Erst am Ende des kosmischen Oratoriums, als die Wiederkunft des Weltenrichters besungen wird, übermannen ihn Visionen und Klangbilder, die neben den gruseligen Ungeheuerlichkeiten seines Requiems bestehen können.
Das außerhalb Frankreichs kaum bekannte Te Deum gab es bislang in keiner auch nur halbwegs zulänglichen Aufnahme. Der Londoner Berlioz-Spezialist Colin Davis dirigiert diese Großkundgebung des Katholizismus nun mit strategischem Geschick und hemmungsloser Inbrunst. Die Stereophonie verwirklicht, was sich der Ekstatiker Berlioz gewünscht hatte: den erdruckenden Raumklang, die Illusion eines ungeheuren Kirchenschiffs, die totale Attacke auf das Ohr. Die mit elektroakustischen Kniffen erstellte Aufnahme ist plastischer und unheimlicher, als es eine Aufführung im Konzertsaal jemals sein kann.