Fernsehen / Telemann Front-Theater
Was hält die Freunde eines geschlachten Frohsinns im Seelen-Lot, wenn ihnen zur Winterszeit rheinischer TV-Karneval entgegenschwabbert? – Die Aussicht auf ein Frühjahrstreffen mit der »Münchner Lach- und Schießgesellschaft«.
Am vergangenen Mittwoch war's wieder soweit: Das Freimanner Studio 2, sonst Hort und Heimstatt öffentlich-rechtlicher Rücksichtnahme, fungierte als Gast-Logis der Respekt-Armut. Die Anstaltsleitung ließ alle Verantwortlichkeit schleifen, nachdem sie vor dem Spiegel stundenlang Unschuldsgebarungen wie »Sie kennen meine persönliche Einstellung, Herr Minister« oder »Eure Eminenz werden doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen« eingeübt hatte. Und die Spitzen der bayrischen Sendetürme bebten ungewittersbang.
Da standen sie auf schwanken Bühnchenbrettern, des Sportreporters Sammy Drechsel fernseherfahrene Kabarett-Schwabinger, und bespöttelten...
... den Atom-Luftschutz: »Überleben werden wir's auf alle Fälle, weil die Seele doch unsterblich ist.«
... den bayrischen Landwirtschaftsminister: »Hundhammer hat etwas an sich, was an sich gar nicht so schlimm wäre, aber an mir hätt ich's halt nicht gerne.«
... den Gerhard Schröder: »Er hat den Sprossenkomplex. Wo er eine Leiter sieht, muß er 'rauf. Aber wie leicht könnte der mal auf uns zurückfallen.«
... den Heinrich von Brentano: »Es muß an dem Mann was sein. Was es ist, glaub' ich nicht.«
... den Franz-Josef Strauß: »Als er heiraten wollte, hat man mir gesagt, ich solle ihn trauen. Nein, habe ich gesagt, ich traue Strauß nicht« (Dieter Hildebrandt als Standesbeamter).
Und drunten im Parkett saßen Caterina Valente, Irene Koss, Conny Froboess, Georg Thomalla und was des beifallsfreudigen Völkchens mehr ist; saß der Erfinder der »Windrose« und belachte lauthals ein Meisterstück parodistischer Zahn-Behandlung ("Sie kennen vielleicht einen Eisenbahn... zug, sind vielleicht schon einmal darin... gefahren. Dieser Zug zieht sich durch das ganze Leben, die Kohlen sind die Energie, das Herz die Lokomo... tive").
Bayerns evangelischer CSU (Finanz-)Minister Eberhard erklärte, über die Hemdbrust seines Pressereferenten hinweg, dem stellvertretenden CSU-Landesvorsitzenden Dr. Hans Weiß die Pointen, und telegener Frohmut sonnte sein Profil, als sich Lach- und Schießgesell Hildebrandt über Hundhammers katholischen Ku-Klux-Stammtisch, den »Petra-Kreis«, dergestalt ausließ: »Das ist so etwas wie ein Call-Ring. Wenn ein wichtiger Posten besetzt werden muß, ruft der eine den anderen an, und auf diese Weise ist der Bayrische Rundfunk auf Jahrzehnte hinaus mit Intendanten versorgt.«
Oder wenn Hildebrandt auf die Fährnisse des Live-Sendens hinwies: »Man muß aufpassen, daß einem nicht was 'rausrutscht, und dann ist plötzlich im Bereich des Senders Wendelstein schlechtes Wetter.«
Der Vorzug, daß Lach- und Schießgesellschafts-Abende direkt übertragen werden, ist keine Himmelsgabe. Er wurde ertrotzt. Vor zwei Jahren wollte die bayrische Fernsehdirektion dem Drechsel-Ensemble weismachen, Ampex-Aufzeichnungen seien aus »technischen Gründen« tunlicher. Nein, sagte das Ensemble, entweder live oder gar nicht.
Vor einem Jahr, als Clemens Münsters ehemaliger Assistent Dr. Helmut Oeller vor des TV -Direktors Nase zum »Beauftragten des Intendanten im Zentralbereich Fernsehen« heranwucherte, will heißen: zum Späh- und Vertrauensposten des Hundhammer-Wunschkindes Wallenreiter, geschah dies: Oeller - offiziell für Organisation und Technik verantwortlich – verlangte am Tag der Sendung Textstreichungen.
Die Lach- und Schießgesellschaft weigerte sich mannhaft. Noch eine Stunde vor Sendebeginn wußte niemand im Freimanner Studio, am wenigsten das geladene Publikum: Wird gespielt oder nicht? Schließlich kam ein Kompromiß zustande. Der Beauftragte Oeller verzichtete auf die Striche, die Kabarettisten entschlugen sich zweier Beiträge, deren einer Frau Wilhelmine Lübke zum Gegenstand hatte. Seitdem herrscht Duldsamkeit.
So besäße denn, o Wunder, die bundesdeutsche Kleinkunst eine quasi ins Feindesland vorgeschobene TV-Bastion, ein trojanisches Fronttheater, allwo die liberale Ungebärdigkeit einmal im Jahr Kobolz schießen darf?
Mag sein. Doch erscheint das Wunder nicht gar so groß, wenn man bedenkt: Nirgendwo im christ-demokratischen Sendebereich sind die Machtverhältnisse so felsenfest und unverrückbar wie in der Fernseh-Erzdiözese München-Freising.
Merke: »Je näher Rom, je loser Maul« (Spruchweisheit).